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Blockbuster in blutroten Farben

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Ein Mann kämpft um seine Ideale: Danton (Levent Kelleli, vorne) sowie seine Gefährten Camille (Sebastian Songin, links) und Philippeau (Zelal Kapçik). Foto: Christian Schuller © Christian Schuller

Gießen. Angekündigt wird dem Theaterpublikum ein echter Blockbuster. In blutroter Schrift erscheinen der Titel des Dramas und die Namen der Darsteller riesengroß auf dem transparenten Bühnenvorhang, untermalt von Bässen, die wie Kanonenkugeln aus den Boxen dröhnen. Schließlich geht es hier in den nächsten zwei Stunden Spielzeit ums Ganze: Um Tod und Liebe, um das Volk und den Einzelnen, um Ideale und Fanatismus, um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit:

So zeigt der junge Regisseur Caner Akdeniz seine Version von Georg Büchners Drama »Dantons Tod«, das am Sonntagabend im Großen Haus des Stadttheaters seine Premiere feierte. Im Gegensatz zur Französischen Revolution ist es ein überaus gelungenes Unterfangen.

Kamerafahrt durch das ganze Haus

Akdeniz und Hausdramaturg Tim Kahn haben sich dazu entschieden, die zwischen März und April 1794 angesiedelte Geschichte rückwärts zu erzählen. Das Finale werde dabei nicht verschenkt, es stecke schließlich schon im Titel, bemerkte der Regisseur dazu im Vorab-Pressegespräch. Los geht es also mit einer Kamerafahrt durch die Gänge des Theaterhauses, deren Objektiv an wie Skeletten wirkenden Figuren vorbeigleitet, um schließlich die letzten Minuten von Danton (Levent Kelleli) sowie seinen Gefährten Camille (Sebastian Songin) und Philippeau (Zelal Kapçik) ins Bild zu nehmen. Ersterer gefasst und kühl, die beiden anderen zähneklappernd sowie empört - so landen alle drei Revolutionäre zusammen unter der Guillotine. Doch wie konnte es dazu kommen?

Das zeigt Regisseur Akdeniz im Folgenden entgegen der chronologisch angelegten Vorlage, in dem er einen Schritt des Dramas hinter den anderen setzt. Ratsam ist es für die Besucher, sich vor dem Beginn zumindest kurz über die Gemengelage des Stoffs zu informieren (angeboten wird jeweils eine Einführung). Denn das erleichtert den Zugang, um das Figurenensemble und die Positionen der beiden Revolutionsfraktionen besser voneinander zu unterscheiden. Gleichzeitig entwickelt diese Erzählweise ihren eigenen Reiz, weil sie deutlich herausarbeitet, an welchen Punkten sich der Weg des gemäßigten Trios um Danton von dem der fanatisierten Revolutionsgefährten Robespierre (Nils Eric Müller), St. Just (Nina Plagens) und Collot (Paula Schrötter) trennte.

Als Bühne dient dem Ensemble dabei ein großer, den Pariser Arc de Triomphe nachahmender Torbogen, der auf der häufig kreiselnden Drehbühne von allen Seiten einsehbar ist und immer wieder für reizvolle optische Möglichkeiten sorgt. Hinzu kommen bisweilen Videos (Justin Urbach), die den Bühnenraum weiten und manche Einblicke hinter und unter die Kulissen bieten. Darin stecken die Revolutionäre allesamt in leuchtend roten Kleidern (Bühne und Kostüme: Valentina Pino Reyes), die das späte 18. Jahrhundert anklingen lassen, ohne ihr Thema zugleich überdeutlich darin zu verorten.

Für eine Verbindung ins Heute sorgt zudem die Musik. Zu den bisweilen harten Beats kommen auch Hip-Hop-Tracks, wenn etwa Revolutionsführer Robespierre zum Song des Offenbacher Gangsta-Rappers Haftbefehl die Lippen bewegt: »Chabos wissen, wer der Babo ist«. Das passt.

Schauspieler Nils Eric Müller verpasst diesem Tugendterroristen einen angenehm furchterregenden Touch. Zumeist nur leise, manchmal auch als gänzlich stummer Beobachter lässt er anklingen, dass die revolutionären Ziele ebenso wie die eigene Machtgeilheit für seinen unstillbaren Blutdurst sorgen. Interessanter, weil brüchiger, ist jedoch die Figur des titelgebenden Helden. Levent Kelleli, Neuzugang im Ensemble, verleiht diesem mit schwerer Goldkette und blond gefärbter Tolle ausstaffierten Danton in seiner ersten Gießener Premiere eine facettenreiche Persönlichkeit. Am Ende, ob des verlorenen Kampfes müde und todessehnsüchtig, zeigt er zuvor - also im Stück danach - doch auch Züge von Eitelkeit, Tatendrang, Selbstlosigkeit und Idealismus. Vor allem aber ist er ein Liebender, der seiner Frau Julie (Anne-Elise Minetti) ebenso viel Zeit widmet wie seinen politischen Zielen.

Und so steckt hier vielleicht die spannendste Frage des Theaterabends, die in Büchners auf zahlreichen Originalquellen basierendem Meisterwerk angelegt ist. Wie viel Freiheit darf der Gleichheit, wie viel Gleichheit der Freiheit geopfert werden? Und wie lässt sich verhindern, das fanatisierte politische Führer vom Schlage eines Robespierre das Ruder übernehmen?

Das durchweg überzeugende Ensemble des Stadttheaters zeigt, dass es Toleranz, Empathie und Liberalismus schwer haben, wenn sie es mit einem Gegner zu tun bekommt, der keine moralischen Skrupel kennt. Ein wenig Hoffnung bietet diese lohnende Inszenierung an ihrem Ende dennoch: Sie zeigt einen Anfang, an dem schließlich noch alles möglich ist.

Die nächsten Vorstellungen: 29. und 30. Oktober, 6., 19. und 25. November.

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