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Bloß nicht husten: Mit Coronavirus durch Mittelhessen

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Von: Karsten Zipp

Haben wir zwei oder drei Packungen Spaghetti im Keller? Oder gar keine mehr? Keine Ahnung. Muss nachschauen. Stehe im Tannenweg und unterhalte mich mit einer guten Bekannten. Die war gerade einkaufen. Keine Desinfektionsmittel mehr im Supermarkt, erzählt sie, keine Reinigungstücher. Alles ausverkauft. Und bei Nudeln und Reis nur noch Restbestände. Das Coronavirus ist in Gießen angekommen und alle haben es gewusst - außer mir anscheinend.

Nein, ich habe das schon verfolgt, aber nicht ernst genommen. Weigere mich auch weiterhin, an dieser Hysterie teilzunehmen. Begegne dem Rummel wie immer mit abschätziger Ironie. Die gute Bekannte schüttelt den Kopf. Also ein paar Vorräte sollte ich schon lagern, ermahnt sie mich. Muss doch mal in den Keller gehen. Wein zumindest findet sich dort ausreichend, weiß ich. Genug, um vier bis fünf Apokalypsen zu überstehen. Hat Rotwein eigentlich Vitamine und Nährstoffe? Keine Ahnung. Muss ich mal googeln.

Verabschiede mich von der mit Nudeln bestens ausgestatteten Bekannten. Muss weiter. Will nach Frankfurt. Hoffentlich geht das noch, sage ich zu ihr noch mit einem Lachen. Sie lacht nicht. In der Apokalypse stirbt zuerst der Humor. Das kenne ich aus diesen Serien wie "Walking Dead". Da überleben am Ende auch nur die Stärksten und handwerklich Begabtesten. Meine Ausbildung für die Apokalypse reicht nicht mal für die ersten fünf Minuten.

Vor der Fahrt nach Frankfurt muss ich noch zum Friseur. Das sollte schnell gehen: waschen, schneiden, föhnen. Die Friseurin fragt, ob ich mir Sorgen wegen des Virus mache. Hier ist der also auch schon angekommen. Ich antworte staatstragend beruhigend. Die normale Grippe sei doch viel gefährlicher, behaupte ich. Keine Ahnung, ob das stimmt. Aber die junge Frau nickt nur und meint, dass die Medien uns ja sowieso nicht die Wahrheit sagen würden. Stimmt, denke ich, wenn Du wüsstest, was diese fünf Nordkoreaner alles in meinem Keller zusammenmixen. Laut sage ich lieber nicht, dass ich für die Zeitung arbeite. Weiß auch nicht, warum dieser Lügenpresse-Virus zehnmal schneller als Corona unser Land infiziert hat. Warum glauben allen Ernstes Menschen, dass wir Journalisten in einem stickigen Büro sitzen, von der Regierung mitgeteilt bekommen, dass übernächste Woche die Zombies über uns herfallen, wir aber besser nicht darüber berichten sollen?

Am Friseurstuhl nebenan muss eine Kundin niesen. "Gesundheit", sage ich. Naja, egal jetzt. Ist mein freier Tag und ich muss zum Bus. Nehme die Linie 1 Richtung Frankfurter Straße. Endlich mal kein Corona-Gespräch bitte. Das erholsame Schweigen hält keine fünf Minuten an. Drei Schüler, zehnte Klasse oder so, steigen am Berliner Platz ein. Und schon geht's los. "Jetzt ist Corona auch in Gießen", sagt einer lauthals. "Das breitet sich jetzt schneller aus, als Du denken kannst, voll krass", legt er nach. Sein Gegenüber, so ein pickliger Junge, mit dem früher wahrscheinlich keiner gerne gespielt hat, setzt zum Monolog an: "Also SARS war viel gefährlicher, aber Corona breitet sich heftiger aus", erklärt er. Will der sich für die nächste Anne-Will-Talkshow bewerben? Und weiter geht der Monolog über SARS, Inkubationszeiten und was weiß ich. Was die Schüler heute alles lernen! Sage noch einer, die Jugend verdumme!

Ein Mann hustet laustark drei Reihen hinter mir. Bilde ich mir die bösen Blicke, die er erntet, nur ein? Unterdrücke meinen eigenen Hustenreiz. Vielleicht sollte ich mir künftig ein Schild umhängen: Bin Raucher, muss husten, ist aber nicht ansteckend. So was in der Art. Jetzt steckt der Bus nahe der Johanneskirche auch noch im Stau. Demonstration, "Fridays for Future". Ein paar hundert Schüler laufen über den Anlagenring. Gute Sache. Eigentlich. Aber warum heute? Hänge im verschnupften Bus fest. Immerhin: In China sorgt Corona dafür, dass die Luftverschmutzung nachlässt. Corona for Future! Schluss. Keine Scherze mehr. Muss mich zusammenreißen.

Wieder hustet einer. Muss künftig der Busfahrer Hustende melden? Mit sofortiger Funkdurchsage? "Auffällig Hustender in Reihe 5, Außensitz." So was in der Art? Verlasse den Bus lieber schon an der Alicenstraße. Laufe den Rest zum Bahnhof. Auf dem Bürgersteig kommen mir fünf junge Männer asiatischen Aussehens entgegen. Wechsele die Straßenseite. Man weiß ja nie. Ins Bahnhofsgebäude darf ich nicht. Ein Bahnpolizist versperrt den Eingang. Virenalarm, denke ich. "Spinnen die?", will ich mich aufregen. "Ein dubioser Koffer steht im Gebäude", erklärt der Mann. Ganz normaler Bombenalarm also. Ich bin beruhigt. Hoffentlich haben die Nordkoreaner in meinem Keller nichts damit zu tun. Okay, Scherz beiseite. Die Lage ist zu ernst für schwarzen Humor. Besteige schnell den Zug nach Frankfurt, bevor dieser Koffer alles lahmlegt. Ergattere sogar noch einen Sitzplatz. Die Frau vor mir niest. Ein Mann hustet. Und ich habe keine Desinfektionstücher dabei.

Denke über das Abendessen nach. Chinesisch? Eher nicht. Nasi Goreng klingt ja schon nach Schnupfen. In den USA ist angeblich der Umsatz von "Corona"-Bier eingebrochen. Gut, dass das Virus nicht Licher oder Warsteiner heißt. Komme am Frankfurter Hauptbahnhof an und laufe zur S-Bahn. Neben mir wird Spanisch gesprochen. Oder doch Italienisch? Gehe lieber ein paar Meter weiter. Wer weiß. Italienisch werde ich wohl auch nicht essen. Lieber Rippchen mit Kraut. Bin schließlich in Frankfurt. In der S-Bahn hustet wer. Wo bleibt der Schaffner?

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