1. Startseite
  2. Stadt Gießen

»Böse Überraschung« für Gießener Autofahrer

Erstellt: Aktualisiert:

ANZGLOKSTADT301-B_124630_4c
Unbekannte haben in Gießen mehrere Reifen »geplättet«. Symbolfoto: dpa © Red

Im Stadtgebiet von Gießen wurden an über 30 Fahrzeugen Reifen zerstochen oder die Luft herausgelassen. War das der »Geist des Dannenröder Waldes«? Der Staatsschutz ermittelt.

Gießen . Eine »böse Überraschung« erlebten Autofahrer in Gießen schon einmal. Vor knapp anderthalb Jahren waren über 150 Pkw, meist der Oberklasse, mit roter Farbe markiert und damit »zum Abfackeln« freigegeben worden, wie es in einem »Bekennerschreiben« auf der Internetplattform »indymedia« hieß. Gleichzeitig stellte eine »solidarische autonome Kleingruppe« einen Bezug zu den Protesten gegen die Rodungen im Dannenröder Forst her. »Es gibt Parallelen«, bestätigt auf Anfrage Jörg Reinemer, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen, daher mit Blick auf die jüngsten mehrfachen Sachbeschädigungen im Gießener Stadtgebiet. Der Staatsschutz ermittelt.

Aktueller Anlass dürfte der am Montag am Landgericht Gießen begonnene Berufungsprozess sein, bei dem sich die Umweltaktivistin »Ella« wegen gefährlicher Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte verantworten muss. Sie soll Polizisten bei der Räumung einer Baumhaussiedlung auf der geplanten Trasse für die A 49 angegriffen und in Lebensgefahr gebracht haben. Seit Monaten sitzt sie in Untersuchungshaft.

In der Nacht zum Dienstag haben Unbekannte an über 30 Autos Reifen platt gestochen oder die Luft herausgelassen (der Anzeiger berichtete). Ein räumlicher Schwerpunkt sei nicht zu erkennen, die Fahrzeuge seien in verschiedenen Straßen in der Stadt geparkt gewesen, unter anderem in Goethe- und Löberstraße sowie im Fasanenweg. Vielfach scheinen allerdings Geländewagen respektive SUV ausgewählt worden zu sein, so Reinemer. Und an der Windschutzscheibe heftete wohl jeweils ein Flugblatt, das zumindest auf eine bestimmte Herkunft hindeutet. Die Überschrift lautet: »Achtung: Der Geist des Dannenröder Waldes hat dein Auto entwaffnet.« Dabei handele es sich um eine »letzte Warnung«, die einen »leichten, zartbitteren Vorgeschmack« darauf liefere, was geschieht, »wenn Sie sich nicht entschlossen« der »weitere[n] Zerstörung Ihrer Mitwelt durch dieses krankhafte System entgegenstellen«. Dann werde nämlich irgendwann »die Luft zum Atmen weggenommen«.

»Ist das schlau?«

Beispielhaft wird auf die Flutkatastrophe im Ahrtal oder die verheerenden Waldbrände im US-Bundesstaat Colorado verwiesen, werden »Verantwortungslosigkeit« und »egoistisches Verhalten« angeprangert, weil »überflüssige Luxusgüter« höher bewertet würden als Grundbedürfnisse. Die Verfasser erinnern aber auch an Georg Büchner und seine berühmte Streitschrift »Der hessische Landbote« mit dem Aufruf »Friede den Hütten, Krieg den Palästen«. Statt den Wald, seine Lebewesen und das Grundwasser zu schützen und die Erde zu bewahren, werde in den »Palästen« entschieden, Menschen aus den »Hütten«, die sich gegen derlei Ungerechtigkeiten wehrten, »illegal« einzusperren.

Das Flugblatt endet mit der Aufforderung, zu begreifen, dass die »temporär geplätteten« Reifen »kein Angriff auf Sie, sondern [ein] gut gemeinter Arschtritt« seien, um sich zu »organisieren und aktiv zu werden«. Und: »Es tut uns leid. Wir würden auch gerne andere Dinge tun. [...] Auf in eine bessere Welt! Auf Richtung Utopie und das gute Leben für alle!«

Stammt das Schreiben nun tatsächlich von Sympathisanten aus dem »Danni«- oder »Ella«-Umfeld? Während die Ermittlungen der Polizei offenbar in diese Richtung laufen, glaubt Barbara Schlemmer vom Bündnis »Keine A 49!« eher, »dass uns hier jemand etwas anhängen will, um uns gezielt zu schaden«. Das sei jedenfalls ihr erster Gedanke gewesen, als sie davon hörte. »Ausschließen kann ich natürlich nichts.« Die verbliebenen Widerstandsgruppen und Personen, mit denen sie zu tun habe, seien indes friedlich, und diese Zerstörung passe nicht zu deren Vorgehensweise.

Der Saasener Aktivist Jörg Bergstedt, der die Autobahngegner ebenfalls unterstützt, vermutet derweil, »dass manche Leute einfach immer wütender werden«, auch weil die angekündigte Verkehrswende nicht vorankomme. »Ob es schlau ist, diese Wut in solche Aktionen münden zu lassen, ist eine andere Frage.«

Auch interessant