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»Brauchen Sie einen Rettungswagen?«

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Zwischen Falschfahrern und Schlägereien: Ein Freitagabend in der Einsatzleitstelle des Polizeipräsidiums Mittelhessen

Gießen . Wer in Herborn, Fernwald, Biedenkopf oder Friedberg die 110 wählt, der landet in der Gießener Ferniestraße. Hier, im zweiten Stock des Polizeipräsidiums Mittelhessen, ist die Leitstelle untergebracht. An einem Schreibtisch direkt am Fenster steht Dienstgruppenleiterin Debora Wagner. »Brauchen Sie einen Rettungswagen?«, fragt die Polizeibeamtin in ihr Headset. Der Anrufer am anderen Ende der Leitung hat gerade eine Belästigung auf einer Betriebsfeier in Marburg gemeldet, außerdem soll eine Frau von zwei Männern geschlagen worden sein. Blitzschnell gibt die 45-Jährige die Informationen in ihren Computer ein und informiert die Kollegen in Marburg. »Eine Streife ist auf dem Weg zu Ihnen«, beruhigt sie den Anrufer.

Es ist Freitagabend und beinahe sommerlich warm. In der Leitstelle herrscht daher besonders reger Betrieb. Gerade im Frühjahr und Sommer, wenn das schöne Wetter die Menschen raus lockt, nehme die Zahl der Schlägereien zu, erzählt die Dienstgruppenleiterin. Hinzu kommt, dass manch einer nach über zwei Jahren Pandemie offenbar Nachholbedarf hat und besonders exzessiv feiert. Die Leitstelle ist daher an diesem Abend gleich mit sieben Männern und Frauen besetzt; tagsüber sind mindestens fünf Personen im Dienst.

2016 wurden die Notrufe in Hessen zentralisiert. Seitdem landen im Fall der Fälle in der Gießener Leitstelle Anrufe aus vier Landkreisen: Gießen, Lahn-Dill, Marburg-Biedenkopf und Wetterau. Zusammen macht das über eine Million Menschen. Die Zentralisierung sei sinnvoll, findet Polizeibeamtin Wagner. Denn so sei eine bessere Qualität gewährleistet, außerdem habe man mehr »Manpower« zur Verfügung.

Damit ein Polizist in Gießen nachvollziehen kann, wovon der Anrufer aus Fleisbach oder Rockenberg redet, steht den Mitarbeitern in der Leitstelle umfangreiches digitales Kartenmaterial zur Verfügung. Vier Bildschirme, von denen einer wie ein überdimensionales Tablet auf dem Schreibtisch angebracht ist, hat jeder von ihnen zur Verfügung. Hier können sie nicht nur alle laufenden Einsätze im Blick behalten oder per Funk Kontakt zu den Polizisten in den Streifenwagen aufnehmen, sondern sich auch einen Überblick über die Örtlichkeiten verschaffen. Auch viele Geschäfte oder Banken sind in den Karten eingezeichnet. Denn es sei gar nicht mal selten, dass ein Anrufer erst einmal keine Straße nennen könne, erzählt die Dienstgruppenleiterin: »Da heißt es dann ›Ich stehe bei Bäcker XY, kommen Sie schnell!‹«.

Eine besondere Herausforderung in Punkto Orientierung stellen Notrufe dar, die von der Autobahn eingehen: »Viele Leute wissen gar nicht, wo sie genau sind. Und dann kommt auch noch die Aufregung hinzu,« Melden sich die Hilfesuchenden per Handy, können die Mitarbeiter in der Leitstelle am Computer nachvollziehen, über welchen Funkmast das Mobiltelefon eingeloggt ist - und so den Standort des orientierungslosen Anrufers zumindest etwas eingrenzen. »Bei Unfällen auf der Autobahn gehen aber zumeist mehrere Notrufe ein. Die Wahrscheinlichkeit, dass einer der Anrufer genau weiß, wo er ist, ist daher recht groß.«

Mittlerweile ist es kurz nach 22 Uhr, aus Dillenburg wird ein Familienstreit gemeldet. Während die Anruferin erzählt, was passiert ist, tippt Debora Wagners Kollege am Nachbartisch das Gehörte in das System ein. »Wir versuchen so viele Informationen wie möglich zu bekommen, damit die Streife vor Ort weiß, was sie bei dem Einsatz erwartet«, erläutert die Dienstgruppenleiterin.

Der Familienstreit entpuppt sich im weiteren Gespräch als Zwist um die Kinder, offenbar ist das Umgangsrecht zwischen dem getrennt lebenden Paar noch nicht geklärt. Keine Seltenheit am Wochenende, wie Polizistin Wagner berichtet: »Freitagabends gibt es Streit, wenn der Vater die Kinder für das Wochenende abholen will und Sonntagabend werden wir angerufen, wenn er die Kinder nicht rechtzeitig zurück bringt.« Die Polizei versuche dann vor allem zu schlichten, damit der Nachwuchs nicht noch mehr in Aufregung versetzt wird. »Wenn für die Kinder keine Gefahr besteht, bleiben sie in der Regel vor Ort. Das Jugendamt klärt dann ab Montag das Weitere.«

Debora Wagner und ihre Kollegen sind seit über vier Stunden im Dienst, fast acht liegen noch vor ihnen. Damit die Leitstelle immer ausreichend besetzt ist, läuft der Schichtwechsel fließend. »Man ist zwölf Stunden zusammen in einem Raum und es ist oft sehr laut - das kann schon sehr anstrengend sein.« Feste Pausen gibt es nicht, »man muss immer schauen, wie es gerade passt«. Hinzu kommt, dass manche Anrufe auch für erfahrene Polizisten belastend sein können. »Wir versuchen dann, dem Kollegen oder der Kollegin eine Auszeit zu ermöglichen. Manchmal hilft es schon, wenn man nur mal fünf Minuten draußen Luft schnappen kann.«

Zwischen dem 1. Januar und dem 30. April diesen Jahres sind in der Leitstelle in der Ferniestraße 32 232 Notrufe eingegangen - also mehr als 8000 pro Monat oder rund 268 pro Tag. Am Wochenende kann das Telefon aber schon innerhalb einer Stunde öfter klingeln, als sonst in einer ganzen Nacht. Am 18. Februar etwa - ein Freitag - wählten allein zwischen 21 und 22 Uhr 176 Menschen die 110. Während der Corona-Lockdowns sei es übrigens deutlich ruhiger gewesen, alkoholbedingte Partyschlägereien hätte es nahezu keine gegeben - »stattdessen haben aber Leute angerufen, weil ihre Nachbarn zu viele Besucher in der Wohnung hatten«.

Das Anschwärzen der Nachbarn ist jedoch ebenso wenig ein Grund, den Notruf zu wählen, wie die Lärmbelästigung oder der Parkplatzrempler. Und manch ein Mitbürger wählt sogar 30 mal am Tag die 110. »Wir hören uns natürlich immer an, ob es diesmal tatsächlich ein Notfall ist«, betont Debora Wagner. Bei besonders uneinsichtigen Fällen müsste die Streife vor Ort dem Anrufer aber auch mal für einen Tag das Telefon abnehmen, damit sich die Kollegen in der Ferniestraße auf die echten Notsituationen konzentrieren können.

Maximal 60 Sekunden klingelt es in der Leitstelle des Polizeipräsidiums Mittelhessen. Wird der Notruf nicht innerhalb dieser Zeit angenommen, wird er an andere Polizeipräsidien weitergeleitet - in der Regel nach Frankfurt. Passieren könne das etwa bei einem Unfall auf der Autobahn, wenn viele Autofahrer gleichzeitig die Polizei verständigen. An diesem Freitagabend muss aber kein Hilfesuchender auch nur ansatzweise so lange warten, jeder Anruf wird binnen weniger Sekunden entgegengenommen. Ist ein Kollege im Gespräch, leuchtet die Lampe an seinem Schreibtisch rot.

Gegen 23.30 Uhr informiert ein Anrufer die Mitarbeiter in der Leitstelle über einen Falschfahrer, der auf der B49 zwischen Gießen und Dorlar ohne Licht unterwegs sein soll. Sofort machen sich drei Streifen auf den Weg und fahren die Strecke ab, außerdem überprüfen sie Parkplätze und Haltebuchten.

Mittlerweile ist es 23.44 Uhr. Ein weiterer Notruf geht ein, der Anrufer berichtet von einer Schlägerei vor einem Café am Gießener Marktplatz. Die mutmaßlichen Täter sollen Richtung Walltorstraße wegrennen. Sofort geht eine Anfrage über Funk raus: Welche Streifen sind frei und in der Nähe? Eine Streife in der Marburger Straße hat Kapazitäten und macht sich auf den Weg, da ist der Anrufer erst seit etwas über einer Minute in der Leitung. Plötzlich fällt im Hintergrund das Wort »Waffe«. Sofort spitzen alle in der Leitstelle die Ohren, jetzt muss es besonders schnell gehen. »Begeben Sie sich nicht selbst in Gefahr«, ermahnt die Polizistin den Anrufer, der nach eigener Aussage hinter den Flüchtigen herläuft.

Auf ihrem Bildschirm kann Debora Wagner in Echtzeit verfolgen, wie fünf Polizeiautos sich aus allen Himmelsrichtungen auf den Weg zum »Dönerdreieck« machen, denn die Fahrzeuge sind mit GPS ausgestattet. Das, erzählt die 45-Jährige, diene sowohl der Sicherheit der Polizisten, erleichtere aber auch die Koordination. Ihre Kollegin telefoniert derweil weiter mit dem Anrufer. Der Notruf wird so lange aufrecht erhalten, bis die erste Streife vor Ort ist. »Die Kollegen sind jetzt da. Machen Sie sich bitte bemerkbar.« Zwischen dem Eingang des Notrufs und der ersten Personenkontrolle vor Ort sind gerade einmal sieben Minuten vergangen. »Das haben die Kollegen sehr gut gemacht.« Debora Wagner ist sichtlich zufrieden.

Während die Polizisten in der Walltorstraße die Personalien überprüfen, können die Mitarbeiter in der Leitstelle einen kurzen Moment durchatmen - und den angesichts der vielen Arbeit schon kalt gewordenen Kaffee durch einen heißen ersetzen. Eine Extraportion Koffein kann sicher nicht schaden: Es ist kurz vor Mitternacht und die Schicht dauert noch rund sechs Stunden. »Nach zwölf Stunden ist man froh, wenn man nach Hause kommt und das Telefon nicht mehr klingelt.«

Doch noch ist es nicht so weit, die nächsten Notrufe gehen ein. Auch aus Marburg wird eine körperliche Auseinandersetzung gemeldet, der Anrufer berichtet von einer blutig geschlagenen Lippe. Aus dem Gießener Hauptbahnhof ruft indes ein Mann an und gibt an, eingeschlossen worden zu sein. Die Mitarbeiter der Leitstelle kontaktieren die Bundespolizei am Bahnhof und beruhigen den Anrufer: Rettung naht. »Manche Nächte sind so ruhig, da überprüft man zwischendurch, ob das Telefon auch wirklich funktioniert«, sagt Debora Wagner und lacht. Heute ist keine dieser Nächte.

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