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»Brücken bauen in gute berufliche Zukunft«

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Von 1936 bis 1944 befand sich das Gebäude der Handelslehranstalt und Wirtschaftsoberschule in der Nordanlage 11. Hauptstandort der Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten (WSO) ist inzwischen die Georg-Schlosser-Straße 20. Fotos: Archiv WSO/Lemper © Archiv WSO/Lemper

Annette Greilich, Leiterin der Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten, spricht im Interview über kaufmännische Bildung in Gießen: früher, heute und morgen

Gießen . Die Namen haben sich geändert, die Standorte zwischenzeitlich gewechselt - und das schulische Angebot ist im Laufe eines Jahrhunderts immer wieder erweitert worden. Doch wie in den Anfängen lässt sich kaufmännische Bildung in Gießen auch heute noch am Oswaldsgarten verorten. Geblieben ist zudem der Anspruch, junge Menschen aus der Region zu unterstützen und sie auf ihrem Weg in eine gute berufliche Zukunft zu begleiten. Auch darauf möchte Schulleiterin Annette Greilich rund um die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum aufmerksam machen, wie sie im Interview erklärt.

100 Jahre kaufmännische Bildung am Oswaldsgarten - welche Bedeutung hat das für Sie?

Das ist ein Moment des Innehaltens, um über die Leistungen der Schule nachzudenken, und zugleich eine geeignete Gelegenheit, den Fokus auf kaufmännische Bildung in Gießen zu richten. Ich persönlich möchte gerne verdeutlichen: Neben den vielen guten Gymnasien und Gesamtschulen gibt es hier noch eine berufliche Bildung - nehmt die doch bitte auch mal wahr.

Hat die fehlende Beachtung vielleicht auch mit Statusdenken zu tun, weil es vermeintlich mehr wert sein könnte, an einer allgemeinbildenden Schule das Abitur zu machen?

Mit Sicherheit. Viele Eltern sehen uns nicht auf gleicher Stufe. Sie sagen, mein Kind soll es mal besser haben als ich, soll sich nicht mehr die Hände schmutzig machen müssen - wobei das auch auf viele gewerbliche Branchen längst nicht mehr zutrifft. Das scheint zumindest ein wichtiges Ziel zu sein, was bedauerlich ist, weil es dazu führt, dass die allgemeinbildenden Oberstufen überlaufen sind. Es herrscht jede Menge Unkenntnis. Eltern und selbst manche Lehrkräfte wissen nicht, dass man bei uns sowie an Alice- und Theodor-Litt-Schule ebenfalls die allgemeine Hochschulreife erlangen kann.

Wie könnte hier zu mehr Wertschätzung verholfen werden?

Indem Absolventen, die von diesen Schulen kommen, das noch stärker kommunizieren, aber auch, indem wir eine Chance erhalten, uns zusätzlich auf den Infoabenden der allgemeinbildenden Schulen zu präsentieren, unsere eigenen werden nicht so rege besucht. Mit unserem Vorschlag, im Schulentwicklungsplan die Jahrgangsbreiten für die allgemeinbildenden Gymnasien zu begrenzen, konnten wird uns ja leider nicht durchsetzen.

Was macht eigentlich einen guten Berufsschüler aus?

Dass er kommt! Denn die jungen Frauen und Männer, die bei uns sind, unterliegen in der Regel zu 99 Prozent nicht mehr der Schulpflicht. Das heißt: Sie müssen nicht mehr, sie dürfen freiwillig hierher kommen. Drei Viertel der Miete ist erreicht, wenn sie anwesend sind, mitmachen und versuchen, erfolgreich zu sein. Die Corona-Pandemie hat es uns ziemlich erschwert, alle bei der Stange zu halten.

Und was ist heute charakteristisch für die Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten (WSO)?

Uns zeichnet unsere Internationalität aus, wir sind eine sehr bunte Schule, die sich über die Lehrkräfte und über Sozialarbeit intensiv um jeden Schüler kümmert. Im Vergleich zu anderen beruflichen Schulen in Hessen sind wir nicht so riesig groß. Wichtig ist, dass sich bei uns jeder gut aufgehoben fühlt und wir uns bemühen, Schülern Orientierung zu geben und Brücken zu bauen in eine gute berufliche Zukunft.

Das würden die Schüler bestätigen?

Die meisten schon, davon bin ich überzeugt. Manche werden vielleicht sagen, da sind doofe Lehrerinnen und Lehrer, aber das gibt es wohl überall. Ich hoffe jedenfalls, dass wir unserem Anspruch gerecht werden können. Ehemalige erzählen oft, dass sie die Gemeinschaft und die Hilfe als sehr wichtig empfunden haben.

Die WSO hat vor einigen Wochen dazu aufgerufen, für eine Ausstellung Primärquellen und Gegenstände einzureichen, die einen Eindruck vom Schulalltag verschiedener Epochen geben können. Können Sie dazu schon etwas verraten?

Uns ist unter anderem Material aus den frühen 50er und 60er Jahren zugeschickt worden, das finde ich gigantisch. Hefte von Ausflügen, Baupläne, Zeichnungen von Mitschülern, Karikaturen, Schülerzeitungen, sogar alte Schreibmaschinen - lauter Kuriositäten. Unsere Fachlehrkräfte stellen das gerade sehr verantwortungsvoll zusammen. Schüler aus den Abschlussklassen sind zudem im Stadtarchiv unterwegs, sammeln Infos zur kaufmännischen Bildung und machen Fotos von den Orten, an denen die Schule mal war. Ich freue mich schon sehr auf das Ergebnis.

Wie genau muss man sich die Anfänge vorstellen?

Kaufmännische Bildung hat es schon Ende des 19. Jahrhunderts gegeben, in den 1920er Jahren hat sich dann eine Kaufmännische Pflichtfortbildungsschule etabliert. Friedrich Feld hat damals eine Schulform geschaffen, die wir bis 2020/21 sehr gerne hatten, nämlich die Höhere Handelsschule. Es ging um die Einführung in kaufmännische Grundfertigkeiten, ums Maschine schreiben, um Steno. Begonnen hat das alles am Oswaldsgarten. Sehr prägend war nach dem Zweiten Weltkrieg der Wechsel von der Wirtschaftsoberschule zum Wirtschaftsgymnasium. Die Schulform des beruflichen Gymnasiums Wirtschaft und Verwaltung repräsentiert bis heute unser Denken. Egal, von welcher Schule jemand kommt, wir bieten allen die Chance, mit einem Neuanfang die allgemeine Hochschulreife zu erwerben und damit sogar Medizin, Jura oder was auch immer zu studieren.

Von 1968 bis 2016 war die Schule nach Friedrich Feld benannt. Ein Gutachten des ehemaligen Stadtarchivars Dr. Ludwig Brake hat jedoch nachgewiesen, dass er sich in seinen Schriften als aktiver und überzeugter Unterstützer der Nationalsozialisten betätigte. Wie sehr hat das die Schulgemeinde belastet?

Wir haben es innerhalb von einem Jahr geschafft, den alten Namen ad acta zu legen und uns umzubenennen. Das ging erstaunlich schnell und unkompliziert. Schwer getroffen hat das allerdings einige Ehemalige, die zum Beispiel aus dem Förderverein ausgetreten sind oder mir böse Mails geschrieben haben. Von wegen: Das sei dann nicht mehr ihre Schule. Einer wollte wiederum ein neues Zeugnis, auf dem nicht der Name eines Nazis steht. Das musste ich ablehnen, denn damals hieß die Schule nunmal so. Trotzdem haben wir uns intensiv mit der Vergangenheit auseinandergesetzt. Friedrich Felds wirtschaftspädagogische Verdienste in den 1920er Jahren waren wirklich groß. Wenn man jedoch seine späteren Schriften betrachtet, ist es nicht möglich, zu einer anderen Einschätzung zu kommen als Herr Brake.

Wie ausgeprägt ist denn inzwischen die Identifikation mit dem neuen Namen? Selbst auf der Internetseite der WSO findet sich nach wie vor der Zusatz »vormals Friedrich-Feld-Schule«...

Eines meiner Ziele ist es, diese Ergänzung mit dem Jubiläum zu streichen. Für eine Übergangsphase war das in Ordnung, nun ist es an der Zeit, einen Schnitt zu machen, weil es problematisch ist, dass wir immer noch als Friedrich-Feld-Schule wahrgenommen werden. Wir sind jetzt die Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten und wir haben unser neues Logo. WSO spricht sich doch ohnehin viel besser als FFS.

Immer wieder ist zu hören, es fehle in verschiedenen Branchen an Fachkräften. Wie schätzen Sie das ein?

Im Prinzip haben wir mit der dualen Ausbildung das beste System der Welt. Die Verzahnung von Theorie und Praxis funktioniert nirgends besser. Aber wir entfernen uns immer mehr davon und gehen eher hin zu einer Akademisierung. Dadurch fehlen vor allem im gewerblichen Bereich Arbeitskräfte. Im kaufmännischen Bereich ist das nicht so ein Problem. Gleichwohl lässt sich auch bei uns an den Anmeldungen erkennen, dass vielfach höhere allgemeinbildende Abschlüsse angestrebt werden. Der Trend, studieren zu wollen, ist beachtlich. Wo das gut klappt, ist an der THM mit »Studium Plus«. Dennoch bin ich skeptisch, ich glaube nicht, dass alle ihre Studien an den Hochschulen tatsächlich zu Ende bringen.

Welche Rolle spielen berufliche Schulen, wenn es darum geht, dem Fachkräftemangel zu begegnen?

Im Grunde sind wir wie integrierte Gesamtschulen, nur eben mit beruflichem Schwerpunkt. Vom Förderschüler bis zum Abiturienten unterrichten wir alle, sie sitzen oft in einer Klasse. Das ist der eine Aspekt - der zweite ist, junge Menschen überhaupt für berufliches Arbeiten zu sensibilisieren und zu interessieren. Selbst wenn es nur mithilfe einer Lernfirma ist, lernen sie dennoch in etwa die Abläufe in einem Unternehmen kennen.

Wie beurteilen Sie generell den Berufsschulstandort Gießen?

Der ist ziemlich gut, ich hoffe das bleibt so. Denn das Kultusministerium ist dabei, alle Berufsschulstandorte auf den Prüfstand zu stellen und zu schauen, wie groß die Klassen sind und ob es zu Zusammenschlüssen kommen muss. Das würde sich jedoch negativ auswirken, weil sich Fahrzeiten verlängern. Berufsschulen müssen nah am Wohn- und am Arbeitsort der Auszubildenden sein. In dieser Auffassung werden wir auch von den Kammern, Innungen und dem Schulträger gut unterstützt.

Und vor welchen Herausforderungen steht die WSO in den nächsten Jahren noch?

Zuvörderst wollen wir unseren Schülerinnen und Schülern natürlich den Weg in eine gute Zukunft ebnen. Dazu gehört, den Schulträger davon zu überzeugen, dass wir raumtechnisch neue pädagogische Konzepte realisieren müssen - Stichwort Lernlandschaften. Von wachsender Bedeutung ist die Aufgabe, die vielen Geflüchteten und Seiteneinsteiger vernünftig zu integrieren, um auch ihnen eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt zu eröffnen. Und das alles soll in einem Umfeld geschehen, in dem wir uns - gleich welcher Herkunft, Religion oder präferierter Gesellschaftsform - akzeptieren und manierlich miteinander umgehen.

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