+
Der Schriftzug »Flughafen Giessen« ist an seinen angestammten Platz zurückgekehrt. Die Revikon hat ihn rekonstruieren lassen.

Stadtgeschichte

Buchstaben mit Gewicht

  • schließen

Ein Stück Stadtgeschichte: Der Schriftzug »Flughafen Giessen« kehrt an seinen angestammten Platz zurück

Gießen. »Achtung, das ist schwer!« Und tatsächlich hat das große F, das Daniel Beitlich in den Händen hält, ordentlich Gewicht. Die 20 Kilogramm sind dem Buchstaben nicht anzusehen - dass er nicht mit den anderen an der Fassade des alten Flughafengebäudes hängt, hat einen einfachen Grund. »Das F haben wir doppelt«, lächelt der Geschäftsführer der Revikon. In Absprache mit dem Denkmalschutz hat er den Schriftzug »Flughafen Giessen« rekonstruieren und montieren lassen. »Unsere Aufgabe war es, einen Hersteller zu finden, der diesen Schriftzug originalgetreu aus Holz herstellen kann. Das war schwierig, und die Buchstaben haben über 10 000 Euro gekostet«, berichtet Beitlich.

Als die Revikon vor einigen Jahren das ehemalige US-Depot übernimmt, gehört das Flughafengebäude dazu, Im Zuge von Restaurierungsarbeiten kehrt die Geschichte Stück für Stück zurück in das alte Haus. Was allerdings fehlt, ist der Schriftzug. »Er ist im Laufe der Geschichte verschwunden«, erzählt Beitlich. Postkarten und Bilder aus der Zeit um 1926 zeigten jedoch den ehemaligen Zustand des Bauwerks. »Unser Historiker Hanno Born hat danach die Schriftart und die Größe der Buchstaben bestimmt.«

Denkmalschutz sucht Farbe aus

Eine Firma habe die massiven Holzbuchstaben, deren ersten Rohentwurf Kulturbeauftragter Matthes I. von Oberhessen selbst geschnitzt habe, nach diesen Vorgaben rekonstruiert. »Der Denkmalschutz hat dann die Farbe ausgesucht, mit der Born die Buchstaben lackiert hat. Vor einigen Wochen wurde der Schriftzug schließlich montiert«, erläutert Beitlich

»Im Zuge dieser Arbeiten haben wir auch die berühmte Treppe zum Flughafen saniert«, führt der Geschäftsführer aus. Nach 100 Jahren habe der Zahn der Zeit an den Einfassungen genagt. Eine Spezialfirma habe den ursprünglichen Zustand wiederhergestellt. »In den nächsten Monaten steht der weitere Innenausbau des Flughafengebäudes an. Zu Ostern 2022 sind wir fertig.«. Im oberen Stockwerk des geschichtsträchtigen Hauses wird die Revikon künftig ihren Hauptsitz haben. Das Erdgeschoss steht für kulturelle Zwecke und Firmen, die im Gebiet »Am Alten Flughafen« ansässig sind, zur Verfügung. Aber auch die Öffentlichkeit wird eingeladen: »Die Revikon plant, das Bauwerk am ›Tag des offenen Denkmals‹ erlebbar zu machen.«

Die Denkmaltopografie des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen verzeichnet das Flughafengebäude. »Der qualitätvolle Bau ist wegen seiner künstlerischen, stadtgeschichtlichen und verkehrsgeschichtlichen Bedeutung Kulturdenkmal«, heißt es dort. 1925 von der Lufthansa errichtet, sei der Flughafen bereits 1926 an 149 Tagen Station auf der Strecke Frankfurt-Gießen-Kassel gewesen. Deshalb habe man ausgebaut. »Die feierliche Einweihung des Empfangsgebäudes war am 27. September 1927, eine Flugzeughalle und weitere Gebäude errichtete man zwei Jahre später. Im Zuge der Wiederaufrüstung wurde der ›Fliegerhorst‹ ab 1937 Militärflughafen (Geschwader ›Greif‹ )«, heißt es in der Topographie. Das im Stil »der 1920er Jahre, für Gießen außerordentlich modern und fortschrittlich gestaltete Empfangsgebäude steht etwas erhöht auf einer Terrasse, die als Café-Terrasse genutzt wurde«, beschreibt das Landesamt. Die von der Revikon sanierte Freitreppe habe früher zum Rollfeld geführt. Wer mehr wissen will: Im Internet ist die Denkmaltopografie auf der Seite denkxweb.denkmalpflege-hessen.de erreichbar.

Die Entwicklung des Gesamtareals läuft nach wie vor. Anfang November wurde bekannt, dass Online-Versandhändler Zalando auf dem ehemaligen AAFES-Areal ein Logistikzentrum bauen will. Bis zu 1700 neue Arbeitsplätze sollen entstehen. Beitlich hatte seinerzeit erklärt, dass es mit der Ansiedlung des Zentrums mit einer Grundfläche von 100 000 Quadratmetern und einem Zwischengeschoss von 30 000 Quadratmetern nur noch wenige freie Flächen auf dem AAFES-Gelände gebe. Sie verblieben »bei der Revikon und werden nach und nach bebaut«, erläuterte der Geschäftsführer. Ein weiteres Großprojekt im ehemaligen US-Depot ist das Gefahrenabwehrzentrum von Stadt und Landkreis. Es soll nach aktuellem Stand im November des kommenden Jahres eröffnet werden.

Eine »Riesenparty« hat Beitlich schon auf dem Zettel. »Der Flughafen wurde am 5. Juli 1925 eingeweiht, wird also in einigen Jahren 100 Jahre alt. Zu diesem Zeitpunkt haben wir auch das Jahrhundertprojekt der Konversion des ehemaligen US-Depots und des AAFES-Geländes abgeschlossen.« Damit sei dann auch die Militärgeschichte des Gebietes beendet und der ehemalige Zivilflughafen endgültig wieder in ein vollständig ziviles Umfeld zurückgekehrt, resümiert der Revikon-Geschäftsführer.

Das könnte Sie auch interessieren