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Butter vom Block, Sahne vom Bäcker

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Von: Julian Spannagel

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Alte Kleiderbügel, eine Milchkanne und ein blaues Einkaufsnetz: Dagmar Hinterlang, Marianne Müller und Ingrid Gorr zeigen, was Besucher zum Erzählcafé mitgebracht haben. Foto: Spannagel © Spannagel

Gießen. Schlagsahne vom Bäcker abholen, Milch aus der Kanne und Butter vom Block. Früher war vieles anders, wenn die Gießener einkaufen gingen. Was nicht unbedingt heißt, besser: Überall wo es Fisch zu kaufen gab, hat es auch stets nach etwas Verwesung gerochen. Andere Zeiten, andere Gewohnheiten - und eben auch in anderes Geschäftsleben.

Rund 30 Besucher, meist Senioren, ein Tischarrangement und viele Erinnerungen - das Oberhessische Museum hat zu einem Erzählcafé in das Alte Schloss eingeladen. Kaffee durfte da natürlich nicht fehlen. In den 1960er-Jahren und früher war das Getränk in Gießen an vielen Orten in Cafés käuflich, wo heute anderen Unternehmen angesiedelt sind. Für den Sparkassen-Neubau wich zum Beispiel ein Gebäude, in dem sich das Café »Deibel« befand. Das Ganze ging damals nicht ohne Protest vonstatten, da es ein beliebter Treffpunkt war und die Architektur gefiel.

Café »Bück dich«

Gar nicht weit entfernt befand sich zudem einst das Café »Bück dich«, das seinem Namen trug, weil der Eingang etwas tiefer lag als der einst einmal angehobene Seltersweg. Entsprechend beengt ging es zu. Dort, wo früher Kaffee getrunken wurde, befindet sich heute das Geschäft »Blume 2000«.

Viele der überwiegend weiblichen Teilnehmer, darunter ein Großteil von den »Linneser Frauen« aus Kleinlinden, erinnerten sich an viele Einzelheiten, auf die es früher beim Einkaufen ankam.

Dagmar Hinterlang, Leiterin der Frauengruppe und zugleich Moderatorin der Erzählrunde, teilte beispielsweise mit, dass es früher üblich gewesen sei, am Sonntagvormittag frische Schlagsahne mit einer Schüssel vom Bäcker abzuholen. Auch die Kolonialenwarenhandlung »Kümmel« in Wieseck verkaufte flüssige Sahne in Glasfläschchen, auf die Pfand angesetzt war. Einmal die Woche wurde sie von einer Molkerei angeliefert. Der Verschluss der Fläschchen erfolgte mit Deckeln aus Pappe, die später durch welche aus Metall abgelöst wurden. Dasselbe galt auch für saure Sahne. Butter hingegen gab es etwa auf dem Wochenmarkt zu kaufen. Das in Blöcken gelieferte Milchprodukt wurde von den Verkäufern portioniert und in Papier eingewickelt.

Noch lange vor der Erfindung des »Tetrapak« sowie der Verbreitung der Haushaltskühlschränke mussten die Menschen zudem Kuhmilch anders besorgen. Wenn nicht direkt bei den Bauern, dann in auf Milchprodukte spezialisierten Geschäften. So arbeitete nahe des Alten Friedhofs eine gewisse »Steffi«, bei der die Kunden frische Milch kaufen konnten. Mit einer Pumpe wurde das Getränk vor Ort durch Hebeln »gezapft«. Einige Milchkannen sind zum Erzählcafé mitgebracht worden.

Geschäfte, die vor dem Einsatz des Schockfrostens Fische verkauften, setzen darüber hinaus eine Duftmarke, die heute in Gießens Innenstadt wahrscheinlich niemand vermisst. »Es roch immer nach vergammeltem Fisch«, erklärte ein Dame. »Ja, deshalb habe ich keinen gekauft«, wirft tischnachbarin Elisabeth Pausch ein. Fischlieferungen waren ein Ereignis, was die Käufer möglichst kurzzeitig nach Wareneingang in die Läden trieb. Wer wollte denn schließlich den stinkenden, Restbestand essen?

Weiterhin bedeutsam für die Besucher war der Textileinzelhandel. So gab es früher zum Beispiel sogenannte »Kurzwarengeschäfte«, wo Frauen ihre Strümpfe kauften. Auch Knöpfe und allerlei Nähbedarf konnte dort erworben werden Dieter Reinshagen, erzählte von seiner Ausbildung zum »Kluftier« im Konfektionsgeschäft »Sommer«. »In Textilgeschäften war es sehr staubig«, erklärt der gebürtige Gießener. Deshalb mussten stets die Schulterpartien und Anzughosen abgebürstet werden. Er und seine Begleiterin hatten einige alte Kleiderbügel mitgebracht, die sie an das Oberhessische Museum spendeten.

Museum sammelt

Das Museum gestaltet derzeit im Zuge der Sanierung des Wallenfels’schen und Leib’schen Haus seine Ausstellung um. »Sie soll deutlich mehr Gießen-Bezug herstellen«, erklärt Julia Schopfener, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums. Menschen, die etwas zum früheren Geschäftsleben der Stadt beizutragen haben, können sich an das Museum wenden. »Wir sind immer auf der Suche«.

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