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Campus als Lebensraum

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Von: Rüdiger Schäfer

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Der Neubau der Freien Theologischen Hochschule in der Rathenaustraße. Foto: Schäfer © Schäfer

Nach zwei Jahren Bauzeit hat die Freie Theologische Hochschule in Gießen ihren Erweiterungsbau eingeweiht. Die Kosten belaufen sich auf annähernd 10 Millionen Euro.

Gießen. »fth« prangt unübersehbar auf dem neuen Gebäudekomplex der Freien Theologischen Hochschule (FTH) in der Rathenaustraße. »Es ist ein Wunder, dass alles in den zwei Jahren Bauzeit fertig ist«, sagt Rektor Prof. Stephan Holthaus bei der offiziellen Einweihung am Wochenende. »Und das bei einem fast 10 Millionen Euro teuren Bauprojekt ohne Bankkredit und bei ohnehin 2,2 Millionen Euro jährlichen Betriebskosten.«

Die FTH ist eine von 16 privaten theologischen Hochschulen Deutschlands. Gegründet wurde sie mit dem Gedanken einer wertkonservativen Ausbildung 1981 in Gießen. »In der 80er Jahren gab es in Deutschland noch 12 000 Theologiestudenten. Jetzt nur noch 3000«, so Holthaus. Entgegen diesem Trend sei die Zahl der Studierenden an der FTH in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen. Deshalb wurde der Campus seit 2020 erheblich erweitert. Ein Neubau mit einer Nutzfläche von 2800 Quadratmetern wurde nach dem Abriss von drei der fünf Gebäude errichtet. Die verbliebenen wurden umfassend renoviert. Insgesamt stehen nun 4200 Quadratmeter Raumfläche zur Verfügung. Die Kapazitäten sind so gestaltet, dass man von derzeit 201 auf 250 Studenten wachsen kann.

Die Baukosten, 9,3 Millionen Euro, wurden fast vollständig durch Spenden, Stiftungen und zinslose Darlehen aus dem Freundeskreis der Hochschule aufgebracht. Gebaut wurde mit effizienter Heiz- und Klimatechnik samt 78-kW-Photovoltaikanlage. In der Heizperiode werden die Räume über Deckenstrahlplatten aus der Abwärme der Stromproduktion eines Blockheizkraftwerkes (BHKW) geheizt. Die Wärme, die das BHKW im Sommer produziert, wird über eine Absorptionskältemaschine in Kälte umgewandelt, die im Sommer die Räume kühlt. Bei der Planung wurde sich vor drei Jahren für die Heizenergie Gas entschieden. »Das war unsere einzige falsche Entscheidung«, beklagt Holthaus.

Die Innengestaltung des Campus verbindet ästhetische und lernpädagogische Elemente. Die sieben Hörsäle sowie drei Seminarräume fokussieren auf unterschiedliche thematische Schwerpunkte der Ausbildung. Lesesaal und Bibliothek sind für die Studenten 16 Stunden am Tag frei zugänglich. Dazu kommt ein Café, eine Kapelle bietet Platz für 150 Betende.

Eine Buchhandlung im Haus hält die Studienlektüre bereit. Für die Studenten stehen innen und außen mehrere zeitgemäß gestaltete Aufenthaltsbereiche zur Verfügung. Damit wurden modern Konzepte des »Campus als Lebensraum« umgesetzt, die Studenten bei der Gestaltung und Einrichtung einbezogen.

Von derzeit rund 430 staatlich anerkannten Hochschulen in Deutschland sind 120 private. Zu den 16 privaten theologischen, zu denen auch die FTH Gießen zählt, gesellen sich 30 theologische Fakultäten an den staatlichen Universitäten. Die theologischen Hochschulen decken konfessionell das katholische, evangelische und freikirchliche Gemeindespektrum ab. Träger dieser Hochschulen sind zumeist Kirchen- und Gemeindebünde.

Hintergrund

Die FTH Gießen zählt zum evangelikalen Spektrum des deutschen Protestantismus. Sie gehört mit ihren 200 Theologiestudenten zu den größten Hochschulen dieser Art. Gegen den Trend wachsend, bietet sie ein dreijähriges Bachelorstudium an, ein darauf aufbauendes zweijähriges Masterstudium sowie ein kooperatives Promotionsprogramm in evangelischer Theologie. Absolventen der FTH arbeiten in verschiedenen pastoralen Diensten, schwerpunktmäßig in evangelischen Freikirchen und Gemeinschaften. Darüber hinaus stehen etwa die Hälfte der mehr als 1000 Absolventen im Dienst von christlichen Organisationen in weltweit 45 Ländern.

Die Hochschule finanziert sich hauptsächlich durch Studiengebühren (20 Prozent) und Spenden von Einzelpersonen (70 Prozent). Eine staatliche Förderung gibt es nicht; auch keine finanziellen Zuweisungen von Kirchen oder Gemeindebünden. Träger ist ein eingetragener Verein.

Zehn Professoren, sechs Dozenten und zwei wissenschaftliche Mitarbeiter lehren und forschen. Dazu kommen 19 Kräfte in der Verwaltung. Die Studenten, von denen der Anteil der Männer zu Frauen 70:30 beträgt, kommen entsprechend der konfessionellen Ausrichtung der Hochschule derzeit aus 14 verschiedenen Kirchen und Freikirchen des evangelikalen Spektrums. Studienvoraussetzung ist die Hochschulzugangsberechtigung des Landes Hessen. Das Ausbildungskonzept umfasst die klassischen Disziplinen und Abteilungen der evangelischen Theologie. Zusätzlich liegt der Fokus auf Angebote für die spirituelle Förderung des persönlichen Glaubens der Studenten.

Eine Wohngemeinschaft (WG) lebt auf dem Campus, die überwiegende Anzahl auf dem freien Wohnungsmarkt.

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