1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Charmanter, musikalischer Mix

Erstellt: Aktualisiert:

giloka_1903_nowruz1_1903_4c
Die Protagonisten des Abends: Hermann Wilhelmi, Dmytró Havrylink, Anastasia Kostohryz, Eleonora Akchurina, Anousha Nazari und Amin Ebrahimi. © Czernek

Zwei junge geflüchtete Ukrainer traten als Überraschungsgäste bei »Klassik trifft Nowruz« auf. Das Konzert im Hermann-Levi-Saal des Gießener Rathauses begeisterte mit seinem charmanten Mix.

Gießen. »Das Wetter kennt keine Politik« - mit diesen Worten traf der Pianist Hermann Wilhelmi sehr genau die Großwetterlage unter der das Konzert »Klassik trifft Nowruz« am Donnerstagabend auf Einladung des Ausländerbeirats im Hermann-Levi-Saal im Rathaus veranstaltet wurde.

»Nowruz bedeutet »der neue Tag« oder und steht auch für den Frühlingsanfang und für das neue Jahr. Dieser Tag wird in vielen Ländern wie in Afghanistan mit einem großen Fest gefeiert. In manchen Ländern ist er sogar ein Feiertag. Darauf wies das ehrenamtliche Magistratsmitglied Francesco Aman hin, der im Namen der Stadt Gießen alle Teilnehmer herzlichst begrüßte. Für den Ausländerbeirat richtete Eden Tesfaghiorgis Grußworte an die Anwesenden und betonte, dass sie dankbar seien, das Konzert hier veranstalten zu können Dies zeige auch, dass es noch eine andere Welt gäbe, die nicht von Krieg, Gewalt und Furcht bestimmt sei. Sie wünschte sich ein neues, respektvolles und gleichberechtigtes Leben für alle. Als Ausdruck der Wertschätzungen gegenüber der ukrainischen Bevölkerung intonierten Hermann Wilhelmi (Klavier) und Amin Ebrahimi (Klarinette) zu Beginn des Konzerts die ukrainische Nationalhymne. Die Kriegsereignisse haben ihre Auswirkungen auch bis nach Gießen, das wurde deutlich bei der Überraschung, die Moderator Wilhelmi zu Beginn des Konzerts verkündete: Zusätzlich zu dem veröffentlichten Programm wurde zwei jungen ukranischen Künstlern eine Auftrittsmöglichkeit gegeben: Die 17-jährige Anastasia Kostohryz intonierte sehr gefühlvoll auf ihrer Bratsche die »Chaconne« von Mateo Antonio Vitali, begleitete wurde sie von ihrer Großmutter Eleonora Akchurina.

Die Familie ist vor wenigen Tagen nach Deutschland aus der Ukraine geflohen. Akchurina ist die Mutter der Pianistin Vitalia Pucci, die die sechsköpfige Familie gern bei sich aufnahm und den ersten öffentlichen Auftritt ihrer Mutter und ihrer Nicht und ihrem Neffen vermittelte. Der 16-jährige Dmytró Havrylink wollte eigentlich diesen Sommer mit seiner Ausbildung zum Konzertpianisten beginnen. Der Krieg hat nun alle Pläne zunächst einmal verworfen. Welches Talent in ihm schlummert, das bewies er zum Abschluss des Konzerts: Eindrucksvoll präsentierte er den Feuertanz von Manuel de Falla und empfahl sich damit für weitere Auftritte.

Sehr gekonnt zusammengestellt hatte Wilhelmi das Programm unter dem Titel »Klassik trifft Nowruz«. Sorgsam wurde die europäische Klassik, die orientalische und iranische Musik ausgesucht und charmant miteinander kombiniert. Orientalischen Komponisten wie Bezhad Ranibaran, Tofiq Quliyew und Medhdi Pamahi wurden Werke von Camille Saint-Saëns, Claude Debussy und Felix Mendelssohn-Bartholdy (Frühlingslied) zur Seite gestellt. Durch diesen geschickten Mix wurde eindrucksvoll demonstriert, wie einzelne Musikrichtungen zwischen Europa und dem Orient sich gegenseitig befruchten und ergänzen.

Lyrischer Sopran

Wechselseitig und sehr versiert begleitete Hermann Wilhelmi am Klavier den Klarinettisten Amin Ebrahimi und die Ausnahmesopranistin Anousha Nazari, wobei Ebrahimi den orientalischen Part übernahm, da er vorallem Stücke iranischer Komponisten präsentierte.

Für die Klassik in dem Programm sorgte Nazari mit ihren Interpretationen von Claude Debussy’s »Les Cloches«, Gabriel Faurés »Les Roses d »Ispahan« und »La Briese« von Camille Saint-Saëns. Natürlich durfte auch bei ihr nicht ein persisches Lied fehlen: Mit dem Vortrag von »Carvane« von Aminollah Hossein sang sie sich in die Herzen aller. Nazari wurde in Sari am Kaspischen Meer geboren. Seit 2016 lebt sie in Frankreich und konnte mit ihrem lyrischen Sopran das Publikum begeistern

Für eine Uraufführung sorgten Ebrahimi und Wilhelmi mit dem Stück »Impromptu« des iranischen Komponisten Basir Faghih Nasiri, das er erst am 24. Dezember 2021 geschrieben hatte. Es ist ein feinfühliger Dialog zwischen Klavier und Klarinette, das zu Beginn für an Klassik geschulte Ohren ein wenige fremd klingen mochte. Aber die Kombination zwischen europäischer und orientalischer Melodik erwies sich als sehr gut hörbar.

Der gebürtige Iraner Ebrahimi studierte Musik und Klarinette in Teheran. Seit einigen Jahren lebt er in Gießen und wirkte schon bei etlichen Konzerten und Orchestern mit. Auch in den übrigen Stücken brillierte der Klarinettist durch seine einfühlsame Spielweise. Zum Abschluss präsentierten die drei Akteure gemeinsam die sinfonische Dichtung »Danse Macabre« von Camille Saint-Saëns in einem Arrangement von Amin Ebrahimi. In ihm zeigte Nazari, wie kratzig sie auch ihre Stimme einsetzen kann.

Bei der Zugabe war das Trio weitaus gefälliger: Das versöhnliche »Panis Angelicus«, ebenfalls von Camille Saint-Saëns, beendete diesen Abend.

Auch interessant