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»Chemical Revolution« reaktiviert

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Nachdem der Prozess mehrfach krankheitsbedingt verschoben werden musste, haben es am Montag alle Verfahrensbeteiligten zum externen Gerichtssaal am Stolzenmorgen geschafft. © Mosel

Der Prozess um den florierenden Drogen-Versandhandel geht vor dem Landgericht Gießen in die zweite Runde. Durch Bestellungen sollen verdeckte BKA-Ermittler die Angeklagten überführt haben.

Gießen. Auf die neue Staffel einer spannenden Serie müssen TV- und Streaming-Freunde meist ziemlich lange warten. Zum Start gibt es dann oftmals viele Unbekannte: Was passiert mit den Hauptfiguren? Welche Neuzugänge tauchen auf? Wie wird die Handlung weitergeführt? Auch der Stoff um die Drogengeschäfte des Onlineshops »Chemical Revolution« im Darknet taugt zweifellos für ein solches Format. In der Fortsetzung des Prozesses mit dem Zusatz »2.0« geht es im Externen Sitzungssaal des Landgerichts Gießen erneut um Betäubungsmittel-Versandhandel im großen Stil. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main wirft fünf Männern zwischen 27 und 38 Jahren vor, als bandenmäßige Organisation Drogen in den Niederlanden beschafft und dann nach Hamburg transportiert zu haben, wo sie gebunkert, portioniert und an Kunden versandt wurden. Insgesamt werden nun weitere 310 Fälle zwischen April und Dezember 2018 verhandelt. Laut Anklage verkauften die »Chemical Revolution«-Angehörigen in diesem Zeitraum Cannabis, Ecstasy, Kokain und allerlei weitere Subtanzen auch an verdeckte Ermittler des Bundeskriminalamts (BKA).

Zuständigkeit bleibt in Gießen

Nachdem der Prozessauftakt seit Mitte Januar mehrfach krankheitsbedingt verschoben werden musste, konnte am Montag die Anklage verlesen werden. Ursprünglich sollten die beiden Komplexe gemeinsam verhandelt werden. Wegen der eingeschränkten Kapazitäten aufgrund der Corona-Pandemie hatte die 9. Große Strafkammer das aktuelle Verfahren im Sommer 2020 allerdings abgetrennt. Obwohl sich die Taten 10 bis 320 ausschließlich in Hamburg zugetragen haben, bleibt es bei der Zuständigkeit des Gießener Gerichts. Die ergab sich damals allein durch einen Tatort in Ortenberg in der Wetterau.

Die erste aufwendige Hauptverhandlung drehte sich um neun Vorfälle zwischen September 2017 und Ende Januar 2018. Auch dieser umfangreiche Teil der Anklage wurde am Montag erneut verlesen. Unter dem Namen »Chemical Revolution« sollen demnach elf Männer als internationale Bande und mit verteilten Rollen im Internet sowie im anonymen Darknet einen florierenden Handel aufgebaut haben. Dafür sollen zentnerweise Drogen aus den Niederlanden nach Deutschland gebracht worden sein. Das illegale Unternehmen war überaus professionell aufgezogen. Es gab regelmäßige Werbeaktionen, genauso wie eigens erstellte Produktfotos. Für ihre Beteiligung erhielten sieben Männer im vergangenen August Freiheitsstrafen zwischen zwei Jahren und acht Monaten sowie neun Jahren und zwei Monaten.

Nach der Festnahme eines Angeklagten in Ortenberg und darauffolgenden Durchsuchungen »stellte die Gruppierung die Versandtätigkeit zunächst ein«, heißt es am Ende des ersten Teils der Anklageschrift. Hier setzt der aktuelle Prozess an. Denn in abweichender Besetzung startete »Chemical Revolution« kurz darauf offenbar neu. Verantworten muss sich deshalb wieder ein 38 Jahre alter Niederländer, der nach wie vor in U-Haft sitzt. Die weiteren vier Angeklagten, deren U-Haftbefehle längst außer Vollzug gesetzt sind, sollen ihm in der Rangfolge unterstellt gewesen sein. Wie Generalstaatsanwältin Lisa Zimmermann ausführt, nahm die Gruppe spätestens ab April 2018 den Verkauf von Drogen, Arzneimitteln und »neuen psychoaktiven Stoffen« über das Darknet und den Account auf der Plattform »Wall Street Market« wieder auf. Der Niederländer soll 16 000 Euro in die Reaktivierung investiert haben. Ihm folgte in der Hierarchie ein 32-jähriger Hamburger mit türkischen Wurzeln, der laut Anklage Mitspracherecht beim Internetauftritt hatte, Bestellungen organisierte und einen 27-Jährigen mit der Betreuung der Käufer betraute, die wohl in der Kryptowährung Bitcoin zahlten. Unter anderem soll er für den Einkauf von Paketmarken und den Versand zuständig gewesen sein, wobei er Hilfe von einem Mitangeklagten und drei gesondert verfolgten Männern bekam. Ein 36-Jähriger stellte laut den Strafverfolgern ein Zimmer in seiner Wohnung sowie zwei Garagen zur Verfügung. Bis Dezember 2018 sollen die Männer einen Umsatz von rund 160 000 Euro erzielt haben, woran sie anteilig - je nach Rolle - beteiligt wurden. Versendet wurden an »diverse, noch nicht identifizierte Abnehmer« unter anderem 3800 Gramm Cannabis, 588 Ecstasy-Pillen, 360 Gramm Amphetamin, sowie 260 Gramm Kokain.

Auch zwei verdeckte Ermittler des BKA tätigten über Monate Bestellungen. Nachdem die Wohnung des 36-Jährigen durchsucht worden war, stellte »Chemical Revolution« den Online-Verkauf ein, so Zimmermann. Allerdings sollzu diesem Zeitpunkt noch »eine nicht unerhebliche Menge« an Betäubungsmitteln eingelagert gewesen sein. Das Angebot für den Kauf dieser »Reste« - darunter knapp sechs Kilo Cannabis sowie 6000 Ecstasy-Tabletten - ging offenbar über Umwege an einen der BKA-Beamten. Der Niederländer soll sich mit ihm und einem Kollegen auf dem Parkplatz eines Supermarktes getroffen haben, wo - nach Verifizierung der Ware - die Handschellen klickten.

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