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»China hat einen Masterplan«

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Von: Björn Gauges

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Marc Wieses Filmdoku »Mein gestohlenes Land« erzählt vom Kampf der indigenen Urwaldbewohner Ecuadors gegen die Ausbeutung ihrer Heimat durch chinesische Konzerne. Foto: Dreamer Joint Venture Filmproduktion © Dreamer Joint Venture Filmproduktion

Korruption, Gewalt und der Kampf um Freiheit: Der Gießener Filmemacher Marc Wiese erzählt in seiner neuen Kino-Doku von Chinas Strategie im Dschungel von Ecuador.

Gießen. Marc Wiese wagt sich für seine Dokumentationen immer wieder an besonders brisante Stoffe in besonders gefährlichen Weltgegenden. Der in Gießen lebende Filmemacher erzählte etwa von der Blutrache in Albanien, er schilderte das Schicksal eines aus einem Internierungslager geflohenen Nord-Koreaners und porträtierte zuletzt die philippinische Journalistin Maria Resa, die kurz nach Veröffentlichung seines Werks den Friedensnobelpreis erhalten hat.

Nun kommt ein neues, bildstarkes Werk ins Kino, an der Wiese seit fünf Jahren gearbeitet hat, und dessen Thema reichlich Sprengstoff birgt. In »Mein gestohlenes Land« erzählt er von der Ausbeutung des ecuadorianischen Urwalds durch chinesische Konzerne, die zugleich den Staat des kleinen Landes korrumpieren und unterwandern. Dabei folgt Wiese indigenen Widerstandskämpfern, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um ihre Heimat zu verteidigen. Zugleich zeigt der Grimme-Preisträger, wie strategisch China daran arbeitet, die eigenen Interessen in aller Welt durchzusetzen.

Wie ist er auf seine aktuelle Geschichte gestoßen? «Ich habe einen engen Freund, der jahrelang als Arzt tief im Regenwald Ecuadors gearbeitet hat und mir berichtet hat, dass er dort chinesische Arbeiter entdeckt hat.« Das habe die Neugier des Investigativ-Journalisten geweckt, erzählt er im Gespräch mit dem Anzeiger. »Ich bin dann mit ihm sowie einem Würzburger Professor für Tropenmedizin in das Land gereist.« Als Assistenzarzt Dr. Wiese habe er alle nötigen Genehmigungen bekommen, so dass er tief hinein in einen Nationalpark reiste, um sich dort selbst von der Präsenz der Chinesen zu überzeugen. Bald darauf gelangte Wiese an »400 bis 500 Originalverträge zwischen den beiden Ländern. »Es ging um Kredite, Öllieferungen und so weiter. So wurde mir bald klar, welche Dimension dahintersteckt.«

Über einen Mittelsmann nahm der Filmemacher daraufhin Kontakt zu Fernando Villavicencio auf, ein ecuadorianischer Journalist, der wegen seines Engagements mit dem Tod bedroht wurde und daher im Untergrund lebte. Mittlerweile besitzen die beiden »etwa 19000 Originalverträge. Das sind quasi die Panama-Papers von Ecuador.« Zugleich begleitete der Deutsche für seine Recherche indigene Rebellen in den Bergen des Landes, um deren Widerstand gegen den von chinesischen Bergbauunternehmen betriebenen und von Söldnern abgesicherten illegalen Uran-Abbau zu dokumentieren.

Rebellen kämpfen gegen Söldner

Man könne sich angesichts dieses Ungleichgewichts natürlich fragen, »was die paar Leute mit ihren alten Waffen erreichen wollen«, sagt der Filmemacher. Doch hegt er zugleich die Hoffnung auf den Triumph dieser Idealisten: »Solche Bewegungen starten häufig klein und können dennoch einen positiven Flächenbrand starten«, erinnert er etwa an Greta Thunberg und die Fridays for Future.

Wiese betont zugleich, dass er mit seinem Film »kein plattes China-Bashing« betreiben wolle. Schließlich habe auch der Westen im Umgang mit den Ländern Südamerikas und Afrikas viele Fehler gemacht. So seien linken Regierungen Kredite verweigert worden, worauf diese Länder sich China zugewandt hätten. Das in rasendem Tempo aufsteigende »Reich der Mitte« verfolge seine Ziele zugleich »strategisch, konsequent und subtil«. Mittlerweile befänden sich 90 Prozent der ecuadorianischen Infrastruktur in chinesischer Hand. Das Land habe einen Masterplan, der sich überall auf der Welt zeige - im Dschungel Ecuadors ebenso wie in denen Minen Kongos oder an einem Hamburger Hafenterminal.

Bei den Dreharbeiten habe er einige gefährliche Momente erlebt, berichtet der gebürtige Dortmunder. »Es gibt Riesenanakondas, Jaguare, Moskitos oder kleine Käfer, die schwere Krankheiten übertragen. Man spürt: Der Regenwald ist eigentlich kein Raum für Menschen.« Hinzu kam etwa ein von ihm erlebter Schusswechsel der Polizei mit indigenen Widerstandskämpfern. Dennoch sei alles gut gegangen - und die Begegnung mit den Rebellen eine wunderbare Erfahrung gewesen. Hinter diesem Kampf stecke eine Begeisterung, »die du in einer gehobenen Mittelstandssiedlung Gießens nicht erlebst - ganz einfach weil es hier diese Herausforderungen so nicht gibt.«

So hat Wiese einmal mehr einen hochaktuellen, politisch brisanten Stoff angepackt und in ästhetisch hochwertige Bilder gepackt. Dafür stand ihm mit Wolfgang Held ein Kameramann zur Verfügung der bereits an zwei Oscar-Produktionen mitgearbeitet hat. Die Musik stammt von Alva Noto, der auch den Score für »The Revenant« mit Leonardo DiCaprio geschrieben hat. Hollywood-Niveau also. Die so erzeugte Kraft der Bilder, der Musik, der Geräusche ist dem Gießener wichtig. Sie soll seine komplexe Geschichte den Zuschauern nahebringen. Denn die nähmen sie um so mehr an, je hochwertiger er sie präsentiere. So hofft Wiese nun, dass sein neues Werk dazu beiträgt, eine Debatte auszulösen. »Ich lege mit cineastischen Mitteln ein erstes Teil für ein Riesenpuzzle.« Nun ist er gespannt, wie viele Puzzlestücke noch hinzukommen werden.

Marc Wieses Filmdoku »Mein gestohlenes Land« läuft am Donnerstag, 10. November, in den deutschen Kinos an. Am Samstag und Sonntag, 12. und 13. November, ist er auch im Gießener Kinocenter zu sehen, am Sonntag um 17 Uhr in Anwesenheit des Regisseurs. Am 30. November (19.30 Uhr) gibt es ein Filmgespräch mit Wiese im Licher Kino Traumstern . Dort ist der Film dann zudem vom 4. bis 7. Dezember zu sehen. (bj)

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