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»Contra« und das wahre Leben

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Streitgespräch: Ein zynischer, rassistischer Professor (Christoph Maria Herbst ) trifft auf eine kluge Studentin mit marokkanischen Wurzeln (Nilam Farooq). © Verleih, Kinocenter

Gießen. Ein zynischer, rassistischer, aber auch ungemein wortmächtiger Jura-Professor (Christoph Maria Herbst). Und eine kluge junge Studentin mit marokkanischen Wurzeln (Nilam Farooq), die seinen Tiraden im vollbesetzten Hörsaal ausgesetzt ist und sich nicht gegen diesen mächtigen alten weißen Mann zu wehren weiß. Das ist die Ausgangslage des Kinofilms »Contra« von Regisseur Sönke Wortmann, der jetzt bundesweit in den Kinos zu sehen ist.

Und es ist angesichts seiner Aktualität und Brisanz auch ein idealer Stoff für ein anschließendes Zuschauer-Gespräch. Dazu luden nun die »Freund:innen des Gießener Programmkinos« ein, die sich seit einigen Monaten für den Erhalt des vom Abriss bedrohten Kinocenters in der Bahnhofstraße einsetzen.

Neubau geplant

Zur Erinnerung: Das traditionsreiche Haus mit seinen vier Sälen soll abgerissen und durch Eigentumswohnungen ersetzt werden. Das Stadtparlament hat ein Planverfahren beschlossen und damit den Weg für zwei entsprechende Neubauten geebnet. Doch ein genauer Zeitfahrplan für das Bauprojekt steht offiziell noch aus, und so hoffen Jakob Lucifero und seine Mitstreiter von der Initiative weiterhin darauf, die Entscheidung des Investors zu verhindern. Mit selbstorganisierten Aktionen wollen sie öffentlich für den Erhalt des Kinocenters werben. »Wir wollen dranbleiben und das Kino im Gespräch halten«, erklärt Lucifero. Dazu gehört auch das öffentliche Filmgespräch. Die Veranstaltung am Mittwochabend soll, geht es nach der Initiative, Auftakt einer neuen Reihe sein, die in der Bahnhofstraße etabliert werden soll.

Als Diskutanten dazu eingeladen waren nun Markéta Roska, die Geschäftsführerin des Ausländerbeirats des Landkreises Gießen, sowie Alina Quasim vom Verein »an.ge.kommen«, der sich für die Belange von Geflüchteten und Migranten einsetzt und mit seinen Angeboten dazu beitragen will, sie in die Stadtgesellschaft zu integrieren.

Alina Quasim war eine ideale Gesprächspartnerin, weil ihre Biografie zahlreiche Parallelen zu der der Protagonistin aus dem Film »Contra« aufweist. Beide sind 25 Jahre alt, beide studieren, beide haben Rassismus erlebt, wenngleich die Gießenerin viel mehr »ganz tolle Menschen« an der Hochschule erlebt hat als solche vom Schlage des fiktiven Professors. Dennoch berichtet sie von Widerständen, denen sich die Tochter einer pakistanischen Mutter und eines englischen Vaters auf ihrem Weg ausgesetzt sah. Ihre Mutter habe zudem darum gekämpft, ihrer jüngeren Schwester einen Platz auf dem Gymnasium zu ermöglichen, obwohl die Empfehlung der Lehrer lautete, sie auf die Hauptschule zu versetzen. Heute studiere die Schwester Architektur, sie selbst auf Lehramt, auch ihre drei weiteren Schwestern haben es an die Uni geschafft. Eine Erfolgsgeschichte, wenngleich die junge Frau bekennt: »Es ist ein Kampf.«

Martin Otto, Geschäftsführer des Kinocenters, freute sich in seiner Begrüßung, dass solch ein Austausch von Angesicht zu Angesicht weiter im Kino möglich ist. Und dazu wollen auch die »Freund:innen des Gießener Programmkinos« beitragen, die nun das Gespräch mit dem Investor suchen wollen, wie Jakob Lucifero gegenüber dem Anzeiger bekundete. Sollte es am Ende dennoch nicht klappen, den Standort zu retten, wollen die Kinofans auf jeden Fall weiter darum kämpfen, einen solchen Ort für Filme und Diskurse in der Stadt zu ermöglichen.

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