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Corona-Regeln an Uni Gießen: Hoffen auf »Plan A«

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Die Maskenpflicht wird den Betrieb an der JLU wohl noch eine Weile begleiten. © Mosel

Der Krisenstab der JLU hat im Senat das Pandemiemanagement für 2022 vorgestellt. Deutlich mehr Präsenz wird angestrebt, aber es gibt auch Alternativ-Szenarien.

Gießen. Noch vor drei Monaten dominierte der Bundestags-Wahlkampf die mediale Berichterstattung. Die Corona-Pandemie war dagegen ein wenig in den Hintergrund gerückt. »Wir sind im Wesentlichen damit durch« - dieser oft vorgetragene Satz der Kanzlerkandidaten und -kandidatin ist dem Präsidenten der Justus-Liebig-Universität (JLU), Joybrato Mukherjee, besonders im Gedächtnis geblieben. »Das ist nicht lange her«, verdeutlicht er am Mittwochnachmittag in der Sitzung des Senats. Und dennoch nimmt die Vorstellung des Pandemiemanagements für 2022 als eigener Tagesordnungspunkt den mit Abstand größten Block in der Hybrid-Zusammenkunft ein. Denn: »Nun befinden wir uns wieder in einem hochdynamischem Geschehen.« Von der Omikron-Variante war noch vor wenigen Woche keine Rede »und jetzt türmt sich die vierte Welle auf«. Die Ereignisse seien trotz aller fachlicher Expertise eben nicht komplett berechenbar, auch nicht für die Hochschule. Wie der Uni-Betrieb zukünftig ablaufen soll, ist somit nicht in Stein gemeißelt. Für das kommende Sommersemester hofft der Krisenstab auf »Plan A«, oder wie Mukherjee es formuliert: »Maximale Präsenz und ein normales Campusleben, wobei man sich fragt, ob es so etwas wie ›nach der Pandemie‹ jemals geben wird.« Nach der Weihnachtspause soll die Situation neu bewertet werden.

Die Inzidenz im Landkreis Gießen ist im Landes- oder Bundesvergleich verhältnismäßig niedrig. Für den Uni-Präsidenten steht dies in Korrelation mit dem sorgsamen Umgang in den »großen Institutionen der Stadt«, neben der JLU nennt er das Universitätsklinikum sowie die Technische Hochschule Mittelhessen (THM). Von Beginn der Pandemie an habe die JLU ihren Beitrag geleistet, um das Gesundheitssystem nicht durch eine zu schnelle Verbreitung des Virus zu überlasten. Der vom Präsidium im März 2020 eingesetzte »Krisenstab Pandemie« hat zwischenzeitlich 52 Mal getagt, zuletzt am 9. Dezember, um regelmäßig über die gesetzlich vorgesehenen Maßnahmen zu informieren, zu beraten und gegebenenfalls zu beschließen.

Dem Gremium - unter Leitung des Präsidenten und der Kanzlerin - gehören das gesamte Präsidium, die Dekaninnen und Dekane der elf Fachbereiche, eine Vertretung des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) sowie des Personalrats und Vertreterinnen und Vertreter aus der Verwaltung, der Universitätsbibliothek und des Hochschulrechenzentrums an. Per Rundmail wird regelmäßig über Entwicklungen an der JLU informiert, rund um das laufende Wintersemester gab es seit September bereits zwölf Mal ein »Update«. Zuletzt wurden neue Termine zu den eigenen »Impftagen« geteilt, ein Angebot, das Mukherjee zufolge angesichts der »Booster«-Impfungen »sehr nachgefragt« sei und unbedingt beibehalten werden solle.

Noch »viele Fragezeichen«

Mit den Planungen zum Lehrbetrieb im aktuellen Semester hatte die JLU zunächst Kritik einstecken müssen. Im eigens eingerichteten Mail-Postfach »Corona-Lehre« seien Beschwerden über zu wenig Präsenz eingegangen, berichtet die scheidende Vizepräsidentin für Studium und Lehre, Verena Dolle. Inzwischen habe sich dieses Bild allerdings in »Angst vor zu viel Präsenz« gewandelt. Insgesamt sei aber davon auszugehen, dass das Gros der Studierenden mit den momentanen Regeln zufrieden sei. Bereits Ende August war beschlossen worden, den Vorlesungsbetrieb mit höchstens 50 prozentiger Raumauslastung, 3G-Zugang, Maskenpflicht und Abstandsgebot vorzubereiten. Der gesamtgesellschaftliche Trend ging da eher in Richtung Maßnahmenlockerung. Letztlich habe sich der vorsichtige Kurs der JLU als richtig herausgestellt. »Der Krisenstab ist überzeugt, dass wir die zweite Hälfte der Vorlesungszeit nach diesen Regularien fortführen können und nicht, wie andere Hochschulen, fundamentale Änderungen vornehmen müssen«, sagt Mukherjee.

Wie danach vorgegangen werden soll, sei zum jetzigen Zeitpunkt allerdings »mit vielen Fragezeichen behaftet«, insbesondere wegen der noch ungewissen Konsequenzen der Omikron-Ausbreitung. Anfang kommenden Jahres und mit dementsprechend viel Vorlauf, will der Krisenstab unter obligatorischer Berücksichtigung wissenschaftlicher Expertise ein Konzept ausarbeiten, »wie wir ins Sommersemester hineingehen können«. Mit Blick auf die beiden vergangenen, Corona-mäßig relativ »entspannten« Sommer wird »Plan A« anvisiert: »Ein Schritt in Richtung Normalität mit weitestgehend normaler Raumbelegung«. Doch Mukherjee betont auch, dass andere Szenarien ebenfalls infrage kämen. Insbesondere Maskenpflicht und Abstandsgebot könnten im Sommer so oder so Teil des Geschehens sein.

Erst im November hat sich mit »Gießen für Präsenz« ein Bündnis aus Studierenden formiert, das - auch in Form von Demonstrationen - auf die Schwierigkeiten mit anhaltender digitaler Lehre aufmerksam macht. Studierendenvertreter Nabor Keweloh interessiert sich vor diesem Hintergrund für einen eventuell parallel ausgearbeiteten »Plan B«. Der Medizinstudent im 9. Semester unterstreicht die Wichtigkeit von Präsenz-Veranstaltungen. Denn nicht nur in seinem Studiengang seien Praxisanteile mitunter entscheidend für den späteren Erfolg im Beruf. Zumindest in »Kleinstgruppen« sollten daher praktische Inhalte vermittelt werden, zum Beispiel unter der Maßgabe eines 2Gplus-Nachweises und FFP2-Maskenpflicht. Einen möglichen Alternativplan skizziert der Uni-Präsident als »vorsichtiger, etwa mit einer Policy wie in diesem Semester«. Die Rückkehr zu einer Art Shutdown mit geschlossenen Gebäuden und der Richtline »ausschließlich digital« schließt Mukherjee hingegen aus.

Digitale Lehre als Chance begreifen

Doch nicht alle in der Not der Pandemie geschaffenen Veränderungen erhalten einen Negativ-Stempel. So hebt Prof. Renate Deinzer gut angenommene Digital-Formate hervor, die möglichst - auch im Prüfungsrahmen - beibehalten werden sollten. Der Präsident bestätigt, dass digitale Lehre »auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen« wird und als Chance für einen Transformierungsprozess der Hochschule begriffen werden kann. Hier gelte es, eine passende Mischung zu schaffen, denn etwa Studierende mit Nebenjobs und/oder Kindern profitierten von flexiblen Angeboten. Auch Verena Dolle thematisiert diesen »positiven Effekt« der Krise. Ihre Nachfolgerin auf das Vizepräsidentinnen-Amt, Katharina Lorenz, hat für Dozierende bereits einen Leitfaden zu »Nähe in digitaler Lehre« ausgearbeitet und kündigt an, das Gespräch mit den Studierenden »aktiv suchen« zu wollen.

Dass Videokonferenzsysteme an der JLU weiterhin »Dauerbrenner« bleiben werden, zeigt der Bericht von Alexander Goesmann, dem Vizepräsidenten für Wissenschaftliche Infrastruktur. Gemeinsam mit der Philipps-Universität Marburg wurde mit dem Open Source-System »Big Blue Button« eine Lösung für große Web-Meetings gefunden. Über einen externen Rechenzentrumsanbieter könnten so zeitgleich mehrere 100 Sessions mit einer vierstelligen Anzahl Teilnehmender betrieben werden. Der Landesdatenschutzbeauftragte sei in diesen Prozess involviert.

Bleibt also alles anders? Studierendenvertreterin Emely Green bringt die sogenannte »Reset Kommission« ins Gespräch, eine hälftig aus Studierenden bestehende Gruppe, die den post-pandemischen Neustart an der JLU transparent begleiten soll. Laut Mukherjee wird die Vizepräsidentin für Studium und Lehre hierbei die Federführung übernehmen. »Irgendwann, wenn es die Lage zulässt, drücken wir auf diesen Knopf: Das ist dann nicht mehr die Krise, sondern ein Schritt Richtung Normalität«, sagt der Uni-Präsident. »Wir werden nicht auf Dauer eine veranstaltungslose Gesellschaft sein.« Nun komme es auf die »Priorität des Impfens« an: »Das ist das, was uns entlastet.«

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