Corona sorgt auch in Gießen für erneute Dämpfer und tiefrote Farbtupfer

  • schließen

Eigentlich kann es nur besser werden - so hieß es vor einer Woche an dieser Stelle. Immerhin hatte uns das alte Jahr schon genug Zumutungen beschert. Ein bisschen Zuversicht, die sich aus Hoffnungsschimmern wie den ersten Impfungen speist, kann deshalb gewiss nicht schaden. Und dann beginnt 2021 gleich mit weiteren Verschärfungen und Einschränkungen.

Zugegeben: Es dürfte niemanden überrascht haben, dass der Lockdown nochmal verlängert wird, weil bisherige Versuche, den Bewegungsdrang zu reduzieren, aufgrund halbgarer Maßnahmen nur semi-erfolgreich waren und nicht den gewünschten Effekt mit sinkenden Infektionszahlen gezeitigt haben. Aber wenn eine solche Entscheidung offiziell verkündet wird, ist das dennoch jedes Mal ein erneuter Dämpfer. Zumal vielen eine echte Perspektive für das Licht am Ende des Corona-Tunnels fehlt. Dass wir uns von Lockdown zu Lockdown hangeln, wirkt jedenfalls unbefriedigend.*Obendrein machen die neuen Regeln den Alltag komplizierter. Zudem entsteht der Eindruck, dass die Verantwortung auf die Eltern abgeladen wird. Da zum einen in den Schulen die Präsenzpflicht der Jahrgangsstufen 1 bis 6 nur ausgesetzt ist, zum anderen die Kitas grundsätzlich offenbleiben, sollen nun die Mütter und Väter entscheiden, ob sie ihre Kinder überhaupt dorthin schicken - während gleichzeitig davon eher abgeraten wird. Wer es also trotzdem tut, setzt sich schnell dem Vorwurf aus, sich unsolidarisch zu verhalten. Wer umgekehrt Sohn oder Tochter wie empfohlen zu Hause lässt, muss sich darum kümmern, Beruf und Betreuung unter einen Hut zu bringen. Eine verlässliche Planung ist so für niemanden möglich. Stattdessen müssen wieder kurzfristig verschiedene Eventualitäten vorbereitet werden. Und dass es plötzlich - wie vom Kultusminister versprochen - für den Lernfortschritt keine Rolle spielen soll, ob Schülerinnen und Schüler auf Distanz oder in Präsenz unterrichtet werden, klingt ebenso absurd. Die Bedingungen - digital und hinsichtlich der Bildungsnähe - sind einfach nach wie vor nicht "gleichwertig". *Nicht unbedingt logisch ist darüber hinaus, dass Kinder in Schulen und Kitas theoretisch weiterhin mehreren Klassen- und Spielkamerad*innen, Lehrer*innen und Erzieher*innen begegnen könnten, sie ansonsten aufgrund des Beschlusses "Eigener Hausstand plus eine weitere Person" aber nur noch einen Freund oder eine Freundin treffen dürften (in der Öffentlichkeit) beziehungsweise sollten (in der Wohnung). Vorausgesetzt, dass diese wiederum nicht von weiter weg als 15 Kilometern kommen. Welcher Knirps, der sowieso schon auf so viele wichtige Sozialkontakte verzichten muss, soll das bitte noch verstehen, wenn selbst Erwachsene allmählich den Durchblick und vor allem die Geduld verlieren?*Apropos 15-Kilometer-Radius: Der soll bekanntlich für Hotspots mit einer Sieben-Tage-Inzidenz über 200 gelten. Bundesweit sind 67 von 412 Landkreisen betroffen, die allermeisten in Sachsen und Thüringen. Da wundert man sich schon, warum der Landkreis Gießen (neben Limburg-Weilburg) zu den ganz wenigen, tiefrot gefärbten Tupfern im Westen der Deutschlandkarte gehört. Was läuft hier anders als in Frankfurt, Offenbach, Marburg oder Kassel? Denn Pflegeheime, in denen sich Bewohner und Personal infiziert haben, wird es vermutlich auch in diesen Regionen geben. Oder sind die Gießener etwa unvernünftiger und unvorsichtiger? Die zweite Frage, die sich stellt, ist die, ob und wie die Einhaltung von Ordnungs- und Landespolizei kontrolliert werden kann. Fest steht wohl, dass dies nicht flächendeckend, sondern lediglich stichprobenartig gelingen kann. Gewöhnungsbedürftig sind solch massive Eingriffe in die Grundrechte allemal. Daher hat es nicht lange gedauert, bis die ersten Zweifel an der Rechtmäßigkeit geäußert wurden. Maßgeblich für das Ansteckungsrisiko ist doch im Grunde die Zahl der engen Kontakte - egal, wie weit man sich dafür aus den eigenen vier Wänden entfernt.Mit deutlich weniger Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern müssen in den nächsten Wochen die Parteien den Kommunalwahlkampf bestreiten. Wir dürfen gespannt sein, als wie kreativ sie sich bei der Suche nach alternativen Lösungen erweisen. Denn in diesem Fall ist eine Mobilisierung ja ausdrücklich erwünscht - und zwar insofern, dass die Menschen wählen gehen oder per Briefwahl abstimmen. Gibt der Wahlausschuss am 15. Januar grünes Licht, könnten Kreuzchen auf zehn Listen gemacht werden, die in die Stadtverordnetenversammlung einziehen möchten. Mangels Fünf-Prozent-Hürde wird die Koalitionsbildung dadurch wahrscheinlich nicht leichter, die Chancen für ein stabiles Zweier-Bündnis sind zumindest nicht gewachsen.*Ein Thema wird mit Sicherheit die Verkehrswende in Gießen sein - und wie sie gestaltet werden kann. Brisanz und Polarisierung sind garantiert, wie allein das Beispiel einer Fahrradspur auf dem Anlagenring zeigt. Was für die einen nämlich ein riesiger Fortschritt und wichtiger Baustein für eine gerechtere Aufteilung des öffentlichen Raumes wäre, sind für die anderen "von der Lebenswirklichkeit entfernte Hirngespinste" à la Pippi Langstrumpf. Mal schauen, wie da - falls erforderlich - ein Kompromiss aussehen kann.

Das könnte Sie auch interessieren