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Corona, Tampons und Digitalisierung

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Kandidaten der sechs studentischen Listen stellen sich den Fragen der Wählerschaft. Foto: Jahn © Jahn

Zur Debatte der sechs kandidierenden Listen zur Wahl des Studierendenparlaments an der JLU Gießen waren elf Zuschauer gekommen - und dann streikte auch noch der Livestream.

Gießen. Die Corona-Situation bleibt ein beherrschendes Thema für die Gießener Studierenden. Ob Zugangsbeschränkungen durch Impfnachweise, Maskenpflicht oder die zukünftige digitale, hybride oder präsente Ausgestaltung der Lehre: Bei der jetzigen Debatte der kandidierenden Listen zur anstehenden 61. Wahl des Studierendenparlamentes der Justus-Liebig-Universität (JLU) waren die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den universitären Alltag noch zu spüren. Aber auch andere Themen wie die kostenlose Bereitstellung von Menstruationsprodukten an der Universität, die gendergerechte Sprache oder die bestmögliche Unterstützung internationaler Studierender wurden teils kontrovers diskutiert. An der vom Wahlausschuss organisierten und moderierten Debatte nahmen Vertreterinnen und Vertreter der sechs kandidierenden Listen UniGrün, Jusos, SDS, LHG, RCDS sowie Christen für Gießen teil. Während sich nur elf Zuhörer im Hörsaal eingefunden hatten, dürften es beim Livestream deutlich mehr gewesen sein.

Livestream ruckelt

Erste Meinungsverschiedenheiten anhand der politischen Linien wurden bei der Diskussion der ersten vorab eingereichten Zuschauerfrage deutlich. Ob die Universität kostenlos Menstruationsprodukte zur Verfügung stellen sollte, wurde von UniGrün, Jusos sowie dem SDS klar bejaht. Man wolle das Thema enttabuisieren und durch die Finanzierung einen Beitrag zu Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit leisten. Jenny Jörges von UniGrün bezeichnete die Thematik sogar als ihre »Herzensangelegenheit«. Erste Schritte habe man bereits unternommen. Verhaltener äußerten sich die Vertreter von LHG, RCDS und Christen für Gießen. Den Zugang zu Menstruationsprodukten zu ermöglichen, sei begrüßenswert, allerdings nicht kostenlos. Schließlich beträfen die Produkte nicht alle Studierenden. »Die Uni ist kein Selbstbedienungsladen«, meinte Selina Höhl von den Christen für Gießen.

Weniger Dissens herrschte hinsichtlich der zukünftigen Ausgestaltung der Lehre, auch mit Blick auf Corona. Die nun größtenteils durchgeführte Rückkehr zur Präsenzlehre wurde von allen Hochschulgruppierungen begrüßt, zumal man sich auch bei der Wichtigkeit hybrider Angebote beispielsweise für alleinerziehende Studierende einig war. So hatte Natalie Maurer für die Jusos bereits in ihrem Eingangsstatement eine Pflicht zur Aufzeichnung von Vorlesungen gefordert. Dabei müsse es auch um echte digitale Lehre und nicht das Hochladen jahrealter Vorlesungen gehen, wie Lea Kern und Luca Sesterhenn für die Liberale Hochschulgruppe betonten.

Generell müsse man Möglichkeiten zur Flexibilisierung des Studiums schaffen und sich der Lebensrealität der Studierenden anpassen, wie SDS und UniGrün betonten. Der Nachholbedarf der Universität im Bereich der digitalen Infrastruktur wurde den Beteiligten auch zugleich praktisch vor Augen geführt: Probleme mit der Internetverbindung verhinderten den reibungslosen Livestream der Veranstaltung.

Die Möglichkeit des Besuchs der Präsenzlehre auch völlig unabhängig vom Impfstatus forderten die Christen für Gießen. In diese Richtung zielte auch die Anmerkung eines Zuschauers, der sich aufgrund seines Impfstatus diskriminiert sah. Dem trat unter anderem der SDS entschieden entgegen: Man könne angesichts tatsächlicher Diskriminierung und Rassismus an der Uni kaum von biologischer Diskriminierung sprechen. SDS, Jusos und UniGrün verteidigten auch die Testpflicht, welche noch im letzten Semester galt. Respekt vor der persönlichen Entscheidung zur Impfung forderten auch LHG und RCDS.

Einen weiteren Aufhänger für Diskussionen lieferte letztlich noch die Zuschauerfrage nach einem möglichen Punktabzug bei Nichtnutzung der gendergerechten Sprache. Während alle Gruppierungen zum jetzigen Zeitpunkt eine solche Pflicht ablehnen, so ließen sich doch diametral gegenüberstehende Positionen zum Gendern erkennen. Bereits in seinem Eingangsstatement hatte Paul Glasbrenner vom RCDS für einen ideologiefreien Politikansatz geworben und sprach sich so auch gegen jedwede Pflicht zur Gendersprache aus, die es aber durchaus in mancher Situation bereits gegeben hätte. Tristan Stinnesbeck vom SDS hingegen zeigte sich offen, eine solche Pflicht perspektivisch einzuführen, allerdings nur falls sich die diskriminierungsfreie Sprache bis dahin in der Alltagssprache durchgesetzt habe.

Zur Wahl nicht nur des Studierendenparlamentes, sondern auch der Fachschaftsräte, Fachbereichsräte und der studentischen Vertreter im Senat sind seit dem 7. Juni alle Studierenden der JLU aufgerufen. Wahlprogramme und weitere Informationen sind im Internet abrufbar. Zugleich gilt es, die letztjährige Wahlbeteiligung von rund 16 Prozent zu übertreffen.

Mehr Infos online unter: https://www.uni-giessen.de/org/ssv/stupa/wahl61

Neben den Mitgliedern des Studierendenparlaments (Stupa) werden in diesem Monat an der JLU auch diejenigen der Fachschaftsräte gewählt. Die elektronische Stimmabgabe ist seit Dienstag, 7. Juni, möglich, und noch bis zum 28. Juni um 16 Uhr. Es kann rund um die Uhr von allen Computern und mobilen Endgeräten aus gewählt werden. Benötigt hierfür werden die Benutzerkennung (s-Kennung) sowie das X.500/Netz-Passwort. Die Wahlbriefe (Frist zur Beantragung endete am 17. Mai) müssen ebenfalls bis zum 28. Juni um 16 Uhr im Wahlamt vorliegen. Die Wahlergebnisse werden noch am selben Tag ab 18 Uhr bekannt gegeben, online und als Aushang.

Zur Stupa-Wahl mit insgesamt 31 zu vergebenden Parlamentssitzen treten sechs Listen an:

UniGrün

Jusos - Jung. Sozialistisch. Hochprozentig.

Links-Grün Versiffte Liste SDS

Liberale Hochschulgruppe

RCDS - Die StudentenUnion

Christen für Gießen

Bei der letzten Wahl im Sommer 2021 fiel das Ergebnis zum Stupa folgendermaßen aus: UniGrün: 44,53 Prozent; Jusos: 19,02; SDS.dieLinke: 10,25; Liberale Hochschulgruppe: 10,22; Gießener Union für Toleranz: 6,30; RCDS - Die Studentenunion: 5,14; Christen für Gießen: 4,55. (fod)

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