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»Dafür kann der Fußball nichts«

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Von: Thomas Wißner

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WM-«Public Viewing« in der Hessenhalle: Verhaltener Jubel beim 1:0 durch Ilkay Gündogan im Spiel gegen Japan. Fotos: Wißner © Wißner

Rund 70 Fans verfolgten beim »Public Viewing« in den Hessenhallen in Gießen das Spiel Deutschland gegen Japan auf einer 16 Quadratmeter großen LED-Leinwand. Die Stimmung ist verhalten.

Gießen. Wo sonst über Aufstellung, Verletzungen und über Sieg oder Niederlage heftig diskutiert und Fangesänge angestimmt wurden, geht es diesmal um Politik, rückt König Fußball in den Hintergrund - und alles ist wesentlich ruhiger. Davon ließen sich rund 70 Fans beim Public Viewing in den Hessenhallen allerdings nicht beeindrucken und verfolgten das Spiel Deutschland gegen Japan auf einer 16 Quadratmeter großen LED-Leinwand.

Ungewöhnlich für eine WM auch die drei großen Banner im Eingangsbereich, auf denen ein klares Statement »Wir lieben Fußball, aber nicht so!« abgegeben und auch sechs Punkte aufgelistet wurden: »Wir sind für: Diversität und Freunde der LGBT-Gemeinde, Frauenrechte und die Gleichstellung in der Gesellschaft, ein respektvolles Miteinander ohne Rassismus und Diskriminierung, faire Ticketpreise für alle Spiele, friedliche Fußballfeste und FairPlay!« Auf einem zweiten Banner wurde fünf Dinge »die Ihr über die Menschenrechtssituation in Katar wissen solltet« aufgelistet und auf dem dritten Banner wird klar erwähnt: »Wir sind gegen Zwangs- und Kinderarbeit, das Verbot der freien Meinungsäußerung und der Pressefreiheit, Korruption und gekaufte Events, unmenschliche Arbeitsbedingungen, die Unterstützung von Terror, Unterdrückung und Gewalt.«

Torsten Ströher war als Veranstalter vor Ort und führte mit den gekommenen Gäste bereits im Eingangsbereich zahlreiche Gespräche. Vom Besuch insgesamt zeigte sich Ströher überrascht. »Ich hatte mit weniger gerechnet«, gibt er unumwunden zu und zeigt sich zuversichtlich, dass es am Sonntag beim Spiel gegen Spanien ganz anders aussehen wird. Dann erfolgt der Anstoß um 20 Uhr, sind die Hessenhallen wie auch gestern bereits zwei Stunden vorher geöffnet und Ströher ist sich auch sicher, dass es in Gießen eine starke spanische Community gibt, die sicherlich vorbeischauen wird. Das es dann bereits ein »Endspiel« für die deutsche Mannschaft wird, konnte Ströher zum Zeitpunkt des Interviews nicht wissen.

In der Halle war die Stimmung eher verhalten. Eine Sicherheitsgebühr von zwei Euro wird beim Eintritt erhoben, in der Halle sind die Preise zivil, wobei ein Becherpfand von zwei Euro erhoben wird. Am Wagen im Eingangsbereich gib es die beliebte Bratwurst samt Pommes, das Getränkesortiment ist wie bei einem Sommer-Public-Viewing. Allerdings hält sich Ströher offen, hier am Sonntag auch heißen Apfelwein und Glühwein anzubieten.

Nur eine Deutschland-Fahne wurde geschwenkt, als Ilkay Gündogan den Elfmeter zum 1:0 in der 33. Minute verwandelte. Beim vermeintlichen 2:0 durch Kai Havertz in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit war der Jubel zwar stärker, doch wurde das Tor aberkannt. In der zweiten Halbzeit hatten die Fans wahrlich nichts mehr zum Jubeln, denn Japaner waren keine gekommen.

Gekommen waren Fans im Schüler- und Studentenalter. Und deren Beweggründe waren unterschiedlich. Björn aus Gießen im Deutschland-Trikot liebt es, Fußball in der Gemeinschaft zu schauen, die Großbildleinwand und meint: »Das mit der Binde ist schon etwas übertrieben. Einen Boykott kann man auf der einen Seite zwar nachvollziehen, aber auf der anderen Seite können die Sportler nichts dafür, wo nun die WM stattfindet.«

Sophia und Clara aus Gießen haben derweil eher dickere Jacken angezogen und gestanden auch ein, dass sie sich relativ kurzfristig für einen Besuch entschieden hatten, da war dann auch keine Zeit mehr, um sich noch ein Deutschland-Fähnchen auf die Wange zu malen.

Fynn-Luca Brück aus Frankenbach und Marcel Müller aus Watzenborn-Steinberg wurden bereits in der Berufsschule auf ihr Nationaltrikot-Outfit angesprochen. Für beide war ein Besuch des Public Viewing nach Schulschluss eine Selbstverständlichkeit. »Wir wollen Deutschland sehen und wir sind auch nicht gegen die WM. Wir finden es nicht richtig, was da abgeht, das hätten man aber vor zwölf Jahren entscheiden müssen bei der Vergabe und seitdem hatte die Politik auch genug Zeit. Wir unterstützen unsere Mannschaft. Die Missstände sind bekannt, doch dafür kann der Fußball nichts. Die FIFA kann was dafür«, so Brück, während Müller seinen Namensvetter in der Nationalmannschaft Thomas Müller zitiert, der auf seinem Instragram-Account geschrieben hatte: »Wer von uns Fußballern erwartet, dass wir unseren Pfad als Sportler komplett verlassen und unsere sportlichen Träume, für die wir ein Fußballerleben lang gearbeitet haben, aufgeben, um uns politisch noch deutlicher zu positionieren, der wird enttäuscht sein.« Brück und Müller hatten trotz allem mit mehr Fans in den Hessenhallen gerechnet.

Sichtlich verstimmt über die politische Stimmungsmache gegen den Fußball war ein Fan, der klarstellte: »Ich habe von den deutschen Moralaposteln so was von die Schnauze voll, die sollen sich nicht so aufspielen, vor 35 Jahren war auch in Deutschland Homosexualität noch strafbar - das ist noch nicht sooo lange her.«

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Die einzige Fahne, die beim Auftaktspiel geschwenkt wird. © Thomas Wißner

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