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»Daheim haben alle Leute Angst«

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Wie hier in Schottland demonstrieren weltweit Menschen gegen den Einmarsch in die Ukraine. Unter Gießenern, die aus der früheren Sowjetunion stammen gehen die Meinungen weit auseinander. Symbolfoto: dpa © Ingo Berghöfer

Wie denken Gießener aus den Ländern der früheren Sowjetunion über den Angriff auf die Ukraine? Manche halten die Invasion für »überfällig«, doch es gibt auch überraschend deutliche Kritik.

Gießen. »Es gibt keine Angriffe auf die Ukraine. Das ist alles gar nicht wahr, was Sie mich da fragen«, schimpft die alte Dame. Eigentlich wollte sie ja gar nichts sagen, aber dann bricht es doch aus ihr heraus. Bomben auf Kiew? Davon hat sie nichts gehört. Dann wird sie von ihren Kindern beiseite gezogen.

Eine ältere Ukrainerin berichtet kurz darauf von einem Telefonat mit ihrer Schwester. Die habe ihr hautnah von dem Angriff auf die alte Heimat berichtet, den es ja eigentlich nicht geben soll. Dann habe ihr Neffe seiner Mutter den Hörer mit den Worten »Tante, wir müssen jetzt weg« aus der Hand genommen, um sich mit dem mit Lebensmitteln und Benzin vollbeladenen Auto in den großen Flüchtlingstreck gen Westen einzureihen.

Vor dem Mix-Markt im Bantzerweg kann man sie noch einmal im Reagenzglas erleben, die alte Sowjetunion. Menschen aus Moldawien, Aserbaidschan, Kasachstan, Litauen und natürlich aus Russland und der Ukraine sind am Donnerstagmorgen wie immer hierher gekommen, um sich in dem russischen Laden für osteuropäische Lebensmittel mit den Speisen einzudecken, die es sonst in ihrer neuen Heimat nicht gibt.

»Es fallen keine Bomben auf Kiew!«

Die Stimmung bei den meisten ist nervös bis gereizt. Viele wollen sich gar nicht äußern, manche antworten nicht einmal. »Das war überfällig«, ruft ein älterer Mann und wirft einen Sack Kartoffeln in den Einkaufswagen, »hätte Putin schon vor acht Jahren machen sollen«. Mehr will er nicht sagen.

Auskunftsfreudiger ist der Lkw-Fahrer Nicolai Erimciuc: »Es gibt einen Chef auf der Welt, das ist Amerika, und das will Putin nicht länger hinnehmen.« Auf die ständigen Angriffe der Ukrainer auf die beiden Volksrepubliken im Donbas habe Putin schließlich reagieren müssen. Auch werde er in den westlichen Medien regelmäßig falsch übersetzt. So habe er in seiner Rede ausdrücklich die ukrainischen Soldaten aufgefordert, nach Hause zu ihren Familien zu gehen, damit es kein unnötiges Blutvergießen gebe. Das aber würde im deutschen Fernsehen verschwiegen. Dann zeigt der 47-jährige Moldawier einem Bekannten auf seinem Handy ein Video, das ihm Bekannte zugeschickt haben und das angeblich ukrainische Soldaten zeigt, die sich mit wehender weißer Fahne ergeben.

Der Bekannte sieht den an diesem Tag begonnenen Krieg differenzierter. »Man kann nicht unterstützen, was Putin da macht, aber ich kann nachvollziehen, warum er es macht.« Der 36-jährige Russlanddeutsche, der als Kind aus Kasachstan nach Deutschland kam, glaubt nicht, dass der starke Mann im Kreml die alte Sowjetunion wieder aufleben lassen möchte, aber: »Er will der Nato ein klares Stoppzeichen setzen, auf dem steht: Bis hierhin und nicht weiter.«

Ähnlich äußert sich auch ein 43-jähriger Landsmann, der bei der Gießener Müllabfuhr arbeitet. »Krieg ist immer scheiße, klar, aber wenn ich russischer Präsident wäre, würde ich es wahrscheinlich genauso machen.« Besser wäre es freilich gewesen, räumt er ein, Selenskyj und Putin hätten sich solange an einen Tisch gesetzt, bis sie eine Lösung gefunden hätten, mit der beide leben können. »Das ist alles sehr schlimm«, sagt dagegen die sichtlich bewegte Natalia Talko aus der Ukraine. Ein Großteil ihrer Familie lebt in einem Vorort der Hauptstadt Kiew. Mutter, Bruder und Schwester würden die meiste Zeit in den Kellern verbringen. Gerade mal drei Minuten vor ihrem letzten Telefonat mit der Mutter hätten dort wieder die Luftschutzsirenen aufgeheult. »Alle Leute haben Angst daheim«, sagt die 39 Jahre alte Schneiderin. »Das ist alles nicht schön, was da gerade passiert«, meint eine 50-jährige Angestellte aus Litauen. »Es wäre vielleicht besser gewesen, man hätte die Ukraine nach einem Volksentscheid geteilt.« Hat sie selbst jetzt auch Sorgen um die Souveränität ihres Heimatlandes? »Litauen ist ja in der Nato. Aber ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob die Nato uns beschützen würde.« Auch Olga Royak vom Deutsch-Russischen Zentrum Gießen (siehe unten stehende Resolution) ist sichtlich geschockt von den Ereignissen des Tages, zumal bei ihr den ganzen Tag das Telefon nicht stillstand. »Wir sind neutral«, betont sie, »aber wir haben es auch schon erlebt, dass eine Fünfjährige nicht mehr mit ihrer Freundin spielen wollte, weil ihre Mutter das verboten hat. Doch das sind Gottlob Ausnahmen und wir versuchen, die Politik aus unserer Kulturarbeit herauszuhalten, soweit das eben geht.«

Nicolai Ogessanow studiert in Gießen Betriebswirtschaftslehre. Er stammt aus Rostow am Don und lebt seit 21 Jahren in Gießen. »Ich bin Gott sei dank kein Politiker«, sagt der 33-Jährige, »sonst würde mir im Moment der Kopf brennen«. Er spricht viel mit alten Freunden in Rostow und versucht, beide Seiten in dem Konflikt zu verstehen. »Russland ist hier klar der Aggressor und hat auch das Minsker Abkommen gebrochen. Aber Russland hat sich eben schon seit den 1990er Jahren von der Nato eingekreist gefühlt, und das hat man im Westen nie richtig ernst genommen.«

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