1. Startseite
  2. Stadt Gießen

»Damit es sich nicht wiederholt«

Erstellt:

giloka_0403_annefrank_eb_4c_1
350 Anne-Frank-Botschafter gibt es - einer von ihnen wohnt und studiert in Gießen. Lorenz Mielke und seine Mitstreiter engagieren sich für Freiheit, Gleichberechtigung und Demokratie. © dpa/Leo La Valle

Lorenz Mielke studiert in Gießen und engagiert sich als »Anne-Frank-Botschafter« gegen das Vergessen

Gießen . Ein kleines Notizbuch, in rot-weißen Stoff eingebunden und mit einem Schloss versehen, ist eines der berühmtesten Bücher der Welt. Anne Frank hatte es zu ihrem 13. Geburtstag am 12. Juni 1942 geschenkt bekommen und nutzte es fortan als Tagebuch. Keine vier Wochen später begann ihr Leben im Hinterhaus-Versteck in der Prinsengracht Nummer 263 in Amsterdam. Annes Einträge, die sie bis zum 1. August 1944 - drei Tage vor ihrer Verhaftung - fortsetzte, gehören zu den wichtigsten Zeugnissen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die Erinnerung an die Geschichte und das Engagement für Freiheit, Gleichberechtigung und Demokratie haben sich die »Anne-Frank-Botschafter« zum Ziel gesetzt. Einer von ihnen ist Lorenz Mielke, der an der Justus-Liebig-Universität Erziehungswissenschaften studiert. »Anne war ein junges Mädchen mit den gleichen Sorgen wie wir. Wir haben Glück, dass sie sich so gut ausdrücken konnte«, findet der 24-Jährige. Durch ihr Tagebuch sei die Geschichte nahbarer geworden.

Aber wie wird man eigentlich ein »Anne-Frank-Botschafter«? Die rund 350 jungen Menschen, die sich so nennen dürfen, wurden allesamt vom Anne-Frank-Zentrum in Berlin ausgezeichnet. Zuvor haben sie eigenständig ein Projekt umgesetzt, das sich mit Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus oder Homophobie in Geschichte und Gegenwart beschäftigt.

Lorenz Mielke hat dafür 2016 zusammen mit vier Mitstreitern eine Stadtrallye durch seine Heimat Neuwied erstellt. Unter dem Titel »In keinem unbekanntem Land vor gar nicht allzu langer Zeit« besuchten sie mit mehreren Schulklassen verschiedene Orte der Stadt und sprachen über die Nazi-Zeit.

Die Rallye führte zu einem ehemaligen jüdischen Kaufhaus, in dem heute die Filiale einer Buchhandel-Kette untergebracht ist, über eine Stammkneipe der SA bis hin zu der Turnhalle, in der die jüdische Bevölkerung vor ihrer Deportation eingesperrt wurde. Außerdem suchten die jungen Menschen den Ort auf, an dem Ferdinand Levy am Morgen nach der Reichspogromnacht von SA-Männern verprügelt wurde. Levy verstarb an seinen Verletzungen und war das erste jüdische Todesopfer in Neuwied. Zum Abschluss des Projekts ließen Lorenz Mielke und seine Mitstreiter an der Stelle der ehemaligen Synagoge Luftballons mit den Namen der ermordeten jüdischen Mitbürger in die Luft steigen.

Anlässlich des Tages zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus durfte der Gießener Student 2019 mit anderen jungen Menschen an einer Gedenkveranstaltung im Bundestag teilnehmen und mit Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und dem Zeitzeugen und Historiker Dr. Saul Friedländer diskutieren. Friedländer ist Jahrgang 1932 und wurde von seiner Familie unter anderem in einem katholischen Internat in Frankreich versteckt. Seine Eltern wurden deportiert und vermutlich 1942 in Auschwitz ermordet.

Das Treffen mit dem Zeitzeugen sei »eine sehr eindrückliche Erfahrung« gewesen, erinnert sich Mielke. »Man macht auf einer sehr eindringlichen Art und Weise die wichtige Erfahrung, dass hinter diesen ganzen Menschen, die unter dem NS-Regime gelitten haben und die so oft wie eine riesige und ungreifbare Zahl wirken, tatsächlich einzelne einzigartige Menschen und Schicksale stecken.« Dies sei eine der Hauptaufgaben der Erinnerungskultur.

Durch das Anne-Frank-Zentrum sei er nicht nur in ein internes Netzwerk von Botschaftern eingebunden, sondern habe auch »viele wichtige Menschen treffen und bekannte Gebäude von innen sehen« dürfen. Gleichzeitig werde man als junger Mensch ernst genommen.

Der Student ist seit sieben Jahren mit dem Anne-Frank-Zentrum verbunden. Als 17-Jähriger hatte er sich aus einer spontanen Laune heraus als »Peer Guide« für die Wanderausstellung des Zentrums ausbilden lassen. Aufgabe der Guides ist es, gemeinsam mit anderen Jugendlichen in der Ausstellung zu Anne Franks Lebensgeschichte, Antisemitismus, Rassismus und weiteren Formen der Ausgrenzung zu arbeiten.

Derzeit schreibt der 24-Jährige mit zwei anderen Botschaftern einen Blog auf der Webseite des Anne-Frank-Zentrums. Die Themen können die Drei selbst wählen. Lorenz Mielke hat in seinem jüngsten Beitrag »Die Vergangenheit und du« sein Leben mit dem einer jungen Jüdin aus seiner Heimatstadt verglichen, die vermutlich als 14-Jährige starb. Es sei ihm nicht leicht gefallen, sich in sie hineinzufühlen: »Sie hat unfassbares Leid erlebt, das man sich kaum vorstellen kann.« Es gebe heutzutage »viel sinnloses Zeug, von dem man sich ablenken lasse. Aber man hat auch die Möglichkeit, sich einzubringen, damit sich die Geschichte nicht wiederholt«.

Foto: Mielke

giloka_0903_mielke_ebp_0_4c_1
Lorenz Mielke © Red

Auch interessant