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Damit unsere Luft sauberer wird

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Die kunterbunte Luftmessstation in der Westanlage steht an einer der verkehrsreichsten Stellen Gießens. © Friese

Die 2021er-Werte für Feinstaub und Stickstoffdioxid liegen nun vor: Eine Expertin des Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie bescheinigt Gießen ein »gutes Ergebnis«.

Gießen . Aufgrund von Corona-Pandemie und Ukraine-Konflikt scheinen vorher dominierende Themen wie Klimaschutz und Luftqualität ein wenig in den Hintergrund gerückt zu sein. Dennoch dürften sich viele Menschen fragen, was gerade die langen, verkehrsarmen Lockdown-Phasen bezüglich Feinstaub- und Stickstoffdioxid-Entwicklung für Natur und Gesundheit gebracht haben. Das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) hat nun die 2021er-Daten für Gießen veröffentlicht. Ermittelt wurden sie wie alljährlich seit 2006 schon an der kunterbunt bemalten Messstation, die an der Kreuzung Bahnhofstraße/Westanlage steht, die zu den verkehrsreichsten der Universitätsstadt gehört. Im Gespräch mit dem Anzeiger stellt Diplom-Meteorologin Dr. Diana Rose, beim HLNUG Leiterin des Dezernats Luftreinhaltung: Immissionen, die Daten vor und ordnet sie ein.

Daten zu Silvester

Für Feinstaub der Kategorie PM10 (die hier gemessenen Partikel haben einen Durchmesser von weniger als zehn Mikrometer) wie auch Stickstoffdioxid (NO2) gilt für den Jahresmittelwert (JMW) derselbe Grenzwert: 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. Während der JMW bei NO2 2021 erneut zurückgegangen ist (31,9 gegenüber 33,2 in 2020), gibt es bei PM10 eine leichte Zunahme zu verzeichnen (15,7 nach vorher 15,4). Zweimal wurde der PM10-Tagesmittelwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten, was auch 2020 der Fall war; zulässig wären laut Umweltbundesamt 35 Überschreitungen pro Kalenderjahr. Über die vergangenen Jahre gesehen spricht die Meteorologin von einer »sehr erfreulichen Entwicklung« für Gießen. Und es sei noch »umso mehr ein gutes Ergebnis«, wenn man bedenke, dass sich der Verkehr 2021 trotz Pandemie wieder weitgehend normalisiert habe.

Wie sich auch in anderen Städten Hessens beobachten lasse, zahle sich gerade in den Innenstädten die Umstellung von Diesel- auf Erdgasbusse aus, so Rose weiter. In Gießen fahren mittlerweile alle Stadtbusse der Mit.Bus GmbH mit Bio-Erdgas. Ein anderer Faktor, der sich ebenfalls positiv auf die Luftqualität auswirkt, ist laut der Expertin, dass immer mehr Autos mit Dieselmotoren nach der Euro-6-Norm unterwegs sind, »die viel weniger NO2 ausstoßen«. Doch bleibt auch hier noch einiges zu tun, wie ebenso bei der Feinstaub-Entstehung durch Reifenabrieb. »Die Industrie arbeitet an Verbesserungen«, erwartet Rose auch hier Fortschritte.

Besonders spannend ist es jedes Mal, zu sehen, wie die Feinstaubwerte in der ersten Stunde nach dem Jahreswechsel aussahen. Sind hier doch aufgrund der Silvesterfeierlichkeiten die mit Abstand höchsten Einzelwerte zu erwarten. Bekanntlich herrschte aber nun zwei Jahre hintereinander ein bundesweites Böllerverkaufsverbot, während der Landkreis ergänzend auch für die Stadt Gießen große Menschenansammlungen an öffentlichen Orten wie Berliner Platz oder Kirchenplatz untersagte. Das macht sich natürlich bei den Messungen deutlich bemerkbar. So lag der Tagesmittelwert der PM10-Konzentration am 1. Januar dieses Jahres bei gerade mal 12,3 Mikrogramm pro Kubikmeter. Zum Vergleich: Am ersten Tag des Jahres 2020, als die Corona-Pandemie noch weit entfernt schien, betrug dieser Wert 73,3. Am Neujahrstag 2021 waren es dann 20,5.

Die Meteorologin macht jedoch darauf aufmerksam, dass die Tages-Konzentration an diesem Datum wetterbedingt selbst in »normalen« Jahren ziemlich niedrig sein kann, so etwa am 1. Januar 2019, als es 26,3 waren. »Trotz Böllerei können bei Wind und Regen recht moderate Feinstaubwerte gemessen werden«, führt sie aus. Wer aber möchte Silvester schon gerne nass werden?

In Gießen existiert übrigens noch eine zweite Messstation des Landesamts, berichtet Rose. Diese befindet sich in der Johannette-Lein-Gasse, ist allerdings weitaus unauffälliger als die in Westanlage und hat gerade mal »die Größe eines Joghurtbechers«. Dabei handelt es sich um einen sogenannten Passivsammler, der keinen Strom braucht. Der hier für 2021 gemessene NO2-Jahresmittelwert beträgt 20,9 Mikrogramm pro Kubikmeter, liegt also deutlich unter dem in der Westanlage, was angesichts des Standorts nicht verwundern dürfte.

Obwohl es die Technik längst möglich macht, werden in Deutschland jedoch nicht alle Feinstaubkonzentrationen ermittelt und mit Grenzwerten versehen. So gebe es »ultrafeine Partikel«, die kleiner als 100 Nanometer sind, beispielsweise am Frankfurter Flughafen, berichtet Diana Rose. Studien, in denen Dosis und Wirkung bezüglich der Gesundheit untersucht werden, fehlen hier bislang. »Es ist ein Teufelskreis. Es gibt keine Studien, weil es keine Messungen dazu gibt«, sagt die Meteorologin. Bleibt zu hoffen, dass hier nicht noch böse Überraschungen lauern.

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