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Das Alleinsein kennen viele

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Von: Ursula Hahn-Grimm

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Schriftsteller Daniel Schreiber beim LZG im Gespräch mit Medienwissenschaftlerin Sabine Heymann. Foto: Hahn-Grimm © Hahn-Grimm

Gießen . 17,5 Millionen Menschen in Deutschland leben allein. Dies ist ein Ergebnis des Mikrozensus, die Daniel Schreiber in seinem viel gelobten Essay »Allein« zitiert. Diese Zahl ist im Vergleich zum Beginn der 1990er fast um die Hälfte angestiegen und macht 42 Prozent der Gesamthaushalte aus. Eine Entwicklung, die zum Nachdenken anregt. Dies zeigte sich auch an dem Besucherandrang im ausverkauften Ulenspiegel.

Nicht nur das Thema, auch der Autor dürfte für viele Besucher Anlass gegeben haben, sich für diesen Lese- und Gesprächsabend ein Ticket beim Literarischen Zentrum Gießen (LZG) zu besorgen. Schreiber, 1977 in Mecklenburg-Vorpommern geboren, studierte Kulturwissenschaften in Berlin und New York. Er ist Autor der Susan-Sontag-Biographie »Geist und Glamour« und wurde vor allem durch seine hochgelobten Essays bekannt. Zudem ist er viel in den sozialen Netzwerken unterwegs und deshalb vor allem unter jüngeren Menschen bekannt.

Im Ulenspiegel führte die Medienwissenschaftlerin Sabine Heymann das Gespräch mit dem Gast. In ihrer Einführung verwies sie auf seine drei erfolgreichen Essays »Nüchtern«, »Zuhause«, »Allein«, was in dieser knappen Aufzählung für einige Heiterkeit im Publikum sorgte. Grund zur Heiterkeit gab es auch bei späteren Anlässen, was angesichts der schwierigen Thematik durchaus erholsam war.

Denn das Thema »Alleinsein« ist alles andere als ein leichtes, von Daniel Schreiber in Relation zum Begriff »Einsamkeit« gebracht und immer wieder mit der desolaten weltpolitischen Lage eng verbunden. Der Autor behandelt sein Thema auf höchstem philosophischen und soziologischem Niveau, seine Ausführungen hat er um 113 Fußnoten und um eine achtseitige Literaturliste ergänzt. Dennoch handelt es sich bei dem Buch um keine trockene theoretische Abhandlung, sondern um einen spannenden Erfahrungsbericht, fast könnte man sagen, einen Selbstversuch, der immer wieder aufs Neue zum Weiterlesen einlädt.

Der schräge Blick der Mehrheit

»Wie wir als Gesellschaft auf allein lebende Menschen schauen, das ist absurd«, betonte der Autor. Die kulturellen Erzählungen hinkten diesem sozialen Wandel hinterher. Von einem »Gefühl der Schmach« sprach Sabine Heymann. Warum wird in einer Gesellschaft von Individualisten das Alleinleben als Scheitern wahrgenommen?

Dem Publikum stellte Schreiber drei Textstellen vor. Gleich die ersten Seiten machten seine Liebe zu Gärten deutlich, einer Art ordnender Gegenentwurf zu einer gefährdeten Welt und einem verletzten Ich. »Wir saßen auf wackeligen Klappstühlen hinter dem Haus, genossen die letzten warmen Strahlen der Spätsommersonne und schauten auf das verwilderte Grundstück, das einmal ein großer Schrebergarten gewesen war ... Vor uns lag ein struppiges Feld aus Trockengräsern, Meldepflanzen und Brennnesseln, umgeben von dicht aneinander gedrängten, meterhohen Thujen. ... Vielleicht hatte ein Teil von mir den Eindruck, dass der desaströse Zustand des Gartens dem meines Lebens glich.« Wenige Zeilen später schreibt der homosexuelle Autor: »Ich habe nie die bewusste Entscheidung getroffen, allein zu leben. Im Gegenteil, ich bin die längste Zeit davon ausgegangen, dass ich mit jemandem mein Leben teilen und zusammen alt werden würde.«

Das Gartenmotiv ziehe sich durch das ganze Buch, stellte Sabine Heymann fest. Ebenso wie ein zweites Motiv: Freundschaften. »Reicht das, braucht man keine romantische Liebe?«, fragt die Moderatorin. Der Autor ist ambivalent: Am Ende sei man als Alleinstehender immer allein, habe ihm eine Freundin auf seine Frage geantwortet. »Am Ende lebten alle, auch deine besten Freundinnen und Freunde, als Paar und hätten kaum noch Zeit für dich. Ich antwortete ihr, dass ich mich weigerte, das zu glauben. Ich bin mir nicht sicher, was ich heute antworten würde.«

Corona-Pandemie beendete Rituale

Die Pandemie mit ihren Kontaktbeschränkungen verstärkte für viele Menschen das Gefühl der Einsamkeit. »Die pandemische Unterbrechung des gesellschaftlichen Lebens, jene lineare Zeit, ging für mich so spürbar damit einher, dass ich den Halt verlor. Nicht zuletzt, weil mir die eingespielten Rituale meines mit Freundinnen und Freunden geteilten Alltags fehlten.«

Viele Probleme, die vor der Pandemie bestanden hatten, waren nicht verschwunden, stellte Daniel Schreiber fest. »Das Geschehen der zurückliegenden Jahre hatte die neoliberale Umverteilungsmaschine noch weiter vorangetrieben. An vielen geopolitischen Brennpunkten begann es wieder zu brodeln.« Der Autor spricht von brennenden Wäldern, Überschwemmungen und schmelzenden Eisbergen.

Die letzten Seiten seines Buches beschreiben wieder einen Garten, diesmal liegt das von einem schwer an HIV erkrankten Künstler liebevoll gestaltete Stückchen Erde in Südengland im Schatten eines Kernkraftwerks. »Ich kannte kein besseres Beispiel dafür, wie man mit Problemen, die sich nicht lösen lassen, leben kann, mit Fragen, auf die es keine Antworten gibt.«

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