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Das böse Erwachen am Tag danach

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Gut aufpassen: Das eigene Getränk sollte nicht unbeaufsichtigt gelassen werden. Symbolfoto: Paul Zinken/dpa © Red

Wie groß ist die Gefahr, in Gießen Opfer einer Attacke mit K.o.-Tropfen zu werden? Das Problem ist kaum zu quantifizieren, aber Betroffene stehen mit dem Erlebten nicht allein.

Gießen. Die Vorstellung ist fürchterlich: Man wird Opfer einer Straftat, vielleicht gar eines sexuellen Übergriffs, und kann sich an nichts mehr erinnern. Was bleibt, sind allenfalls vage Vermutungen und Scham. Und genau deshalb ist es so schwierig, einen Täter zu benennen, der einer Frau oder Jugendlichen - seltener auch einem Mann - ohne Zustimmung K.o.-Tropfen verabreicht hat, um sie oder ihn bewusstlos, hilflos, manipulierbar, handlungsunfähig und zur »leichten Beute« zu machen. Hinzu kommt, dass die genutzten Substanzen nur für kurze Zeit nachgewiesen werden können. Beim Sommerfest der SPD-Bundestagsfraktion in Berlin sind offenbar gerade erst mindestens fünf Frauen Opfer einer Attacke mit K.o.-Tropfen geworden. Wie wahrscheinlich ist es aber, in Gießen überhaupt in eine solche Situation zu geraten? Zumal nach den Corona-bedingten Einschränkungen längst wieder mehr gefeiert wird.

Ganz eindeutig beantworten lässt sich das nicht, weil das Problem kaum zu quantifizieren sei. »Wir gehen davon aus, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt«, sagt Diplom-Pädagogin Charlotte Schmidt von der »Gießener Hilfe«. Klar ist zumindest, dass Betroffene nicht alleine stehen, ihre Erfahrungen und Traumata mit professioneller Unterstützung aufarbeiten können.

»Sehr ausgeklügelt«

Sich nach einer Partynacht verkatert, matt und übermüdet zu fühlen, mag nicht ungewöhnlich sein. Ein »totaler Filmriss« tritt dagegen nicht ganz so häufig auf. Vielfach wird das Unwohlsein auf übermäßigen Alkoholkonsum zurückgeführt. Wer unfreiwillig K.o.-Tropfen eingenommen hat, spürt jedoch oft, dass etwas geschehen sein muss. Bloß können Schmerzen und Verletzungen nicht wirklich zugeordnet werden. Die Ungewissheit ist zermürbend. »Meistens beschreiben die Klientinnen, dass sie auf einer Veranstaltung, in einer Diskothek oder einer ähnlichen Lokalität gewesen seien. Manche schildern, im Getränk einen komischen Geschmack bemerkt zu haben«, erläutert Charlotte Schmidt. Andere seien von den Symptomen und der Wahrnehmungstrübung oder Ohnmacht auch völlig überrascht worden. »In einigen Fällen berichteten die Frauen, von einem ihnen unbekannten Mann oder mehreren Männern vorher angesprochen worden zu sein, dies als sehr unangenehm empfunden und kurz darauf das Bewusstsein verloren zu haben.« Eine Klientin habe sogar erzählt, sie sei in einer Disco auf dem Weg zur Toilette von hinten angegriffen worden und man habe ihr etwas direkt eingeflößt.

Die Strategien der Täter seien »sehr ausgeklügelt«, betont die Beraterin. Zum Opfer zu werden, »hat dabei nichts mit Naivität zu tun, sondern vor allem damit, ob der oder die Täter eine Gelegenheit finden, K.o.-Tropfen einzusetzen«. Auch Friederike Stibane, städtische Beauftragte für Frauen und Gleichberechtigung, sieht eine »konkrete Gefahr, weil so viele Mittel als Partydroge im Umlauf sind und der Missbrauch sehr einfach ist«. Gleichzeitig verweist sie darauf, dass die Übernahme des Modellprojekts »Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung« in Gießen einst auch aufgrund von Vorfällen mit K.o.-Tropfen initiiert worden sei. Es galt, eine sinnvolle und niedrigschwellige Struktur mit Kooperation verschiedener Institutionen zu etablieren, an die sich jede*r zur medizinischen Versorgung und »gerichtsfesten« Spurensicherung nach Sexualdelikten wenden kann, ohne Anzeige erstatten zu müssen. Heimische Schulen haben ebenfalls schon Aktionstage genutzt, um für das Thema zu sensibilisieren, aufzuklären und präventiv zu wirken.

Statistisch schlägt sich das Gefährdungspotenzial allerdings nicht nieder. »Wir haben sehr wenige Verdachtsfälle«, sagt Jörg Reinemer, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen. Und meist bestätige sich der Verdacht dann nicht. Insofern sei die Gefahr als »nicht sehr hoch« einzuschätzen. Diese Auffassung teilt auch Dr. Walter Martz, Leiter des Bereichs Forensische Toxikologie und Alkohollabor am Institut für Rechtsmedizin in Gießen. Dort hätten die Experten ein bis zweimal im Monat mit Analysen von Blut- und Urinproben zur Beweissicherung im Kontext von K.o.-Tropfen zu tun. Das Dilemma: Die verwendeten, in der Regel farblosen und geschmacklich vom jeweiligen Getränk übertünchten Mittel - in der Literatur ist laut Walter Martz von etwa 150 Substanzen die Rede - bauen sich im Körper »sehr schnell und rückstandslos ab«. Bei der häufig genutzten Gamma-Hydroxy-Buttersäure (GHB), in der Partyszene als »Liquid Ecstasy« geläufig, passiert das beispielsweise nach acht (Blut) respektive maximal zwölf (Urin) Stunden.

Erste Anzeichen

Die Wirkung hängt von der körperlichen Konstitution jedes Einzelnen ab, von der Dosierung, dem vorherigen Alkoholgenuss und davon, wie lange die letzte Mahlzeit zurückliegt. Erste Anzeichen können nach zehn bis 30 Minuten Schläfrigkeit und Schwindel, aber auch plötzliche Euphorie, Entspannung und (sexuelle) Enthemmung sein.

Strafrechtlich handelt es sich beim Einsatz von K.o.-Tropfen zunächst einmal um eine gefährliche Körperverletzung - und zwar in den Varianten »Beibringung von Gift oder anderen gesundheitsschädlichen Stoffen« und »mittels eines hinterlistigen Überfalls« (heimlich ins Getränk mischen), erklärt Staatsanwalt Rouven Spieler, stellvertretender Pressesprecher der Gießener Strafverfolgungsbehörde. Werden obendrein noch Raub- oder Sexualdelikte an »widerstandsunfähigen Personen« begangen, erhöht sich der Strafrahmen.

In jedem Fall, so Jörg Reinemer, empfiehlt es sich, sofort ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, um Beweise für Ermittlungsmaßnahmen zu sammeln, und eine Beratungsstelle zu kontaktieren. Das Erlebte und damit verbundene Ängste sollten nicht alleine bewältigt werden. Und: Niemand müsse sich schämen. »Im Gegenteil: Selbst kleinste Hinweise können der Polizei Anhaltspunkte liefern und so weitere Menschen davor bewahren, Opfer zu werden.«

Grundlage für eine weitere Betreuung sei natürlich die Freiwilligkeit, weiß Charlotte Schmidt von der »Gießener Hilfe«, bei der sich bislang nur Mädchen und Frauen gemeldet haben. Bei Jungen und Männern, vermutet die Pädagogin, sei die Hemmschwelle eventuell höher. Wer möchte, könne jederzeit eine Vertrauensperson mitbringen. »Wir legen großen Wert darauf, uns nach den Bedürfnissen der Klientinnen zu richten und ihnen gerade nach dem massiven Kontrollverlust die Kontrolle über die Beratungsinhalte und -abläufe zu geben.« Eine Strafanzeige sei dafür keine Bedingung.

Schuld und Scham

Gemeinsam werde erörtert, was bei einem Trauma dem Körper und der Seele widerfährt, welche Symptome auftreten und wie in dieser Akutphase für Entlastung sowie Stabilität gesorgt werden könne, sagt die Expertin. Eine wesentliche Rolle spiele, sich mit eigenen Schuld- und Schamgefühlen auseinanderzusetzen und sich davon zu distanzieren. »Wir nehmen uns so viel Zeit, wie nötig. Bei Bedarf vermitteln wir weiter an Psychotherapeuten und/oder Ambulanzen.«

Sollte sich eine Klientin doch noch für eine Strafanzeige entscheiden, werde sie ebenfalls unterstützt und auf Wunsch zur Polizei begleitet. Gelingt es, einen Täter zu ermitteln und wird Anklage erhoben, müsse auch die Zeugenaussage vor Gericht nicht alleine durchgestanden werden. »Wichtig kann es auch sein, nach Abschluss eines Prozesses das Geschehen mit den Klientinnen nachzubereiten«, so Charlotte Schmidt, »denn oft setzt dann die Verarbeitung erst richtig ein«.

Kontakt : »Gießener Hilfe - Beratungsstelle für Opfer von Straftaten und für Zeugen«, Telefon: 0641/972250, E-Mail: info@giessener-hilfe.de, www.giessener-hilfe.de; Frauenklinik des UKGM, Telefon: 0641/985-45105 (außerhalb der Sprechzeiten: Zentrale Notaufnahme unter 0641/98557900), www.soforthilfe-nach-vergewaltigung.de

Maßnahmen, um es den Tätern schwer bis unmöglich zu machen, mit ihrer Methode erfolgreich zu sein:

Nicht alleine auf Veranstaltungen gehen und auch keine Situationen schaffen, in denen jemand aus der Gruppe alleine gelassen wird (auch nicht alleine zur Toilette gehen).

Das eigene Getränk nicht unbeobachtet lassen. Wenn es doch unbeaufsichtigt abgestellt war, nicht mehr davon trinken. Wenn möglich auch auf die Getränke der Freunde achten.

Sich von Unbekannten keine Getränke spendieren lassen. Getränke bei der Bedienung bestellen und selbst entgegennehmen.

Es gibt mittlerweile einige empfehlenswerte Hilfsmittel, mit denen das eigene Getränk gesichert werden kann, zum Beispiel Strohhalm-Aufsätze für Flaschen und Bierdeckel mit einer Strohhalm-Öffnung für Biergläser.

Wenn man sich dennoch komisch fühlt oder den Eindruck hat, dass eine Freundin Opfer von K.o.-Tropfen geworden sein könnte, das Personal verständigen und sofort ärztliche Hilfe holen (112), da unter anderem die Atmung beeinträchtigt sein oder aussetzen kann.

Da das Zeitfenster, um K.o.-Tropfen nachzuweisen, nur wenige Stunden umfasst, sollte im Verdachtsfall sofort ein Krankenhaus aufgesucht und eine Blutprobe entnommen werden. (bl)

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