1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Das Fenster zum Gehweg

Erstellt:

giloka_0608_zaun2_ebp_06_4c
So sieht es hinter dem Bullauge aus: Silvia Burgert und Omar Nosseir mit ihren Hunden im Garten. Fotos: Pfeiffer © Pfeiffer

Damit ihre Hunde rausschauen können: Silvia Burgert und Omar Nosseir aus Gießen bauen Bullaugen in ihren Zaun

Gießen . Wer am Haus von Silvia Burgert und Omar Nosseir vorbei geht, der kann sich mitunter etwas beobachtet fühlen. Denn aus dem hohen Lattenzaun ragen zwei Bullaugen - allerdings viel zu niedrig angebracht, als dass ein durchschnittlich großer Erwachsener ohne Verrenkungen aus dem Garten nach draußen schauen könnte. Mit den runden Fenstern will das Paar aber ohnehin nicht die Passanten begutachten: Die Plastikausgucke hat Nosseir eigens für die drei Schäferhunde »Ursula«, »Friedrich« und »Wilhelm« angebracht, damit diese ganz genau beobachten können, was sich gerade auf der anderen Seite des Zauns abspielt. »Meistens«, erzählt der Gießener, »stehen sie immer dann am Zaun, wenn sie ein Auto hören. Es könnte ja das Herrchen sein.«

Durch das offene Tor rausgehuscht

Vor zwei Jahren hatten »Ursula«, »Friedrich« und »Wilhelm« noch die perfekte rundum-Aussicht, der Gartenzaun war deutlich niedriger. Doch nachdem ihre Hunde ein paar Mal durch das offene Tor auf den Gehweg gehuscht seien, habe sich das Ordnungsamt bei ihnen gemeldet, erzählt Silvia Burgert. »Ruckzuck hatten wir die Auflage, binnen zwei Wochen unseren Zaun aufzurüsten, damit er nicht übersprungen werden kann - was die Hunde nie tun würden.«

Schäferhunde können mitunter zwei Meter hoch springen. Der Zaun musste also hoch werden - höher als die laut Nachbarrechtsgesetz gängigen 1,20 Meter. Ein befreundeter Architekt half dem Paar beim Bearbeiten des Bauantrages: »Alleine wären wir überfordert gewesen.« Den Zaun dürften sie übrigens nur so lange behalten, wie sie Hunde besitzen, erzählt Nosseir. Sollten die Vierbeiner irgendwann einmal weg sein, müsste auch der hohe Zaun zurückgebaut werden. Aber ob das überhaupt passieren wird?

»Schon meine Eltern hatten Schäferhunde. Irgendwann habe ich mir einen zum Spazierengehen ›ausgeliehen‹«, erzählt Nosseir. »Eduard« war der Vater von »Ursula«, »Friedrich« und »Wilhelm« und ist im vergangenen Jahr gestorben. Seine Urne steht auf einem selbstgeschweisten Regal im Haus des Paares. Mit seinen drei Kindern konnte »Eduard« übrigens nicht viel anfangen. »Sie waren ihm zu aufdringlich. Mit der Katze hat er sich besser verstanden«, sagt Nosseir und lacht.

Seine drei Nachkommen seien durchaus »ein bisschen verwöhnt«, jeden Tag werde für sie frisch gekocht. Und auch wenn der hohe Zaun als »Gefahrenabwehr« es vermuten lässt: »Ursula«, »Friedrich« und »Wilhelm« haben »noch nie jemanden angegriffen. Man wird höchstens zu Tode geschleckt«. Als die drei noch klein waren, sei der alte Zaun phasenweise zum Streichel-Treffpunkt geworden: Eltern hätten zusammen mit ihren Kindern den drei Welpen einen Besuch abgestattet.

Meinungsbild per Zettel

Über die ausbruchsichere Lattenwand freuen sich vielleicht auch deshalb nicht alle in der Nachbarschaft. »Wir haben eine Abstimmung gemacht per Zettel: Gefällt es, ja oder nein?« Etwa ein Drittel der Striche sei dabei auf der Nein-Seite gelandet.

Seine direkten Nachbarn hat das Paar übrigens gefragt, ob sie lieber auf Latten im Zick-Zack-Muster schauen wollen oder ob sie senkrecht angeordnet werden sollen. Und weil die Meinungen hier auseinander gingen, hat Nosseir für die einzelnen Seiten unterschiedliche Muster gewählt. Den Zaun hat der Gießener übrigens selbst gebaut. Zum einen, weil die Nachricht des Ordnungsamts mitten in einen Corona-Lockdown fiel, zum anderen »sind Zäune ganz schön teuer«.

Die Bullaugen werden übrigens nicht nur von »Ursula«, »Friedrich« und »Wilhelm« genutzt. Vor allem als sie neu waren, hätten Passanten von der anderen Seite durchgeschaut, gerufen und gewunken. Silvia Burgert und Omar Nosseir stört es nicht: »Wir winken dann zurück.«

giloka_0608_zaun_ebp_060_4c_1
Was ist denn da los? Schäferhund Ursula hat genau im Blick, was draußen passiert. © Eva Pfeiffer

Auch interessant