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»Das geht an den Eltern vorbei«

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Von: Stephan Scholz

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Welche Rolle spielt Rauschgift an den Gießener Schulen? Das hat die FDP den Magistrat gefragt. Symbolfoto: dpa © Red

Sind die Schulen in Gießen nicht nur ein Ort zum Lernen, sondern auch für Rauschgifthandel? Das legt zumindest eine FDP-Anfrage an den Magistrat nahe.

Gießen. Die FDP scheint sich Sorgen zu machen. »Immer häufiger erreichen uns wieder Mitteilungen, insbesondere von besorgten Eltern betroffener Jugendlicher, dass Drogenkonsum und -handel an Gießener Schulen, insbesondere auch außerhalb der Unterrichtszeiten, immer häufiger und unverfrorener ohne Angst vor irgendeiner Ahndung stattfinden«, schreiben die Liberalen. Mit einer Anfrage haben sie sich deshalb an den Magistrat gewandt. »Schule ist kein klassischer Ort für Rauschgifthandel«, sagt dagegen Fabian Bietz, Leiter des Jugendkommissariats K33 der mittelhessischen Polizei.

Erkenntnisse des Magistrats

Im Detail wollen die Liberalen wissen, welche Erkenntnisse der Magistrat über Drogenhandel an Gießener Schulen innerhalb und außerhalb der Unterrichtszeiten hat. Welche Maßnahmen zur Eindämmung von Konsum und Handel hat die Stadt bislang ergriffen und welche zusätzlichen Wege will der Magistrat zur Eindämmung des Phänomens gehen?

Fabian Bietz, mit seinen Leuten in diesem Bereich zuständig, kann viele Fragen beantworten. Eng verbunden mit dem Begriff Schule sei natürlich die Altersstruktur der Schüler. »In dieser Altersstruktur der meist jugendlichen Schüler ist Drogenkonsum sehr verbreitet. Und er ist in Teilen sogar sozial akzeptiert, gerade im Zusammenhang mit THC-Produkten fehlt oftmals ein Unrechtsbewusstsein«, erklärt der Leiter des K33. Schule sei als sozialer Raum ein Teil der Gesellschaft, in dem Rauschgift eben auch eine Rolle spiele. Aber »die Schule wird nicht als Örtlichkeit genutzt, um dort gezielt Rauschgift zu konsumieren oder zu verteilen«. Viel eher sei sie der Ort, an dem sich Schüler träfen. Später nutzten sie diese Kontakte. »Das weitaus größere Problem ist das, was außerhalb der Schule im Freundeskreis stattfindet«, betont er. Ein weiteres relativ großes Problem seien in seinen Augen die Medien, die Jugendliche heute nutzten, und die Möglichkeiten, darüber an verschiedene Betäubungsmittel zu kommen. »Das geht an den Eltern komplett vorbei. Die klassische Familie ist eigentlich so gestrickt, dass der 15-/16-jährige Sohn IT-technisch weitaus fitter ist als seine Eltern. In dieser Hinsicht ist er auch weitaus informierter über Betäubungsmittel und darüber, wie man besser und verschleiert an sie kommt.« Dabei sei nicht die Rede davon, dass dieser Handel irgendwo im Darknet geschehe, sondern über alltägliche Kommunikationswege der Schüler untereinander. »Das ist heute viel schnelllebiger geworden: Irgendwelche Nachrichten schicken, sich verabreden und, und, und. Das war früher weitaus träger. Die Möglichkeit über ein breites Netzwerk und die damit verbundenen Möglichkeiten an Betäubungsmittel zu gelangen, ist weitaus höher. «

Die Zahlen der Delikte an Schulen seien in den vergangenen Jahren durchweg sehr gering gewesen. »Das ist ein sehr kleines Hellfeld, das wir im Bereich Schule betrachten. Aus unserer Erfahrung hat man in diesem Bereich sehr niederschwellige Verdachtsmomente, weil sich auch unbeteiligte Schüler Lehrern anvertrauen und Lehrer wiederum mit offenen Augen durch den Schultag gehen. Wir sind dann eigentlich relativ schnell im Boot«, so der Kriminalpolizist. »Als Jugendkommissariat arbeiten wir sehr eng und vertrauensvoll mit den einzelnen Schulen zusammen.«

K33 kontrolliert in der großem Pause

Das Dunkelfeld in der Schule sei deutlich geringer als jenes bei Jugendlichen außerhalb. Schule könne man daher eher als »geschützten Bereich« ansehen. »Wirklich besorgniserregend ist die Kombination Rauschgift und Jugendliche immer. Aber das auf Schule abzustellen, entspricht nicht der Realität. In der Schule haben wir keine Besonderheit. Im Gegenteil: Dort wird von Lehrer- und von Mitschülerseite viel mehr darauf geachtet, als wir das im normalen nachmittäglichen Umgang Jugendlicher haben.« Nach konkreten Hinweisen gehe das K33 natürlich repressiv an Schulen vor. »Aber wir arbeiten auch präventiv. Wir sind zu großen Pausenzeiten oder in der Mittagszeit dort und machen auch ganz gezielt Kontrollen«, resümiert Fabian Bietz.

»Ich teile die Einschätzung der Polizei«, sagt Dr. Bernd Hündersen, Geschäftsführer des Suchthilfezentrums Gießen. Die Stadt unternehme vorbeugend viel an Schulen, auch mit der Fachstelle Suchtprävention der Suchtberatung, die unterschiedliche Programme anbiete. Die Zahlen der Polizei zeigten zudem, dass es sich beim Drogenhandel an Schulen um kein riesiges Problem handele. »Sonst hätten wir hier auch viel mehr Notrufe«, meint Hündersen. Ein akutes Problem sei in Corona-Zeiten zunehmende Mediensucht gepaart mit Glücksspielsucht.

Das Thema Drogen sei sehr unterschiedlich präsent - je nach Schule, führt Paul Bartz aus. »Der Konsum von generell illegalen Drogen ist tendenziell recht gering, was bei Zigaretten schon wieder anders aussieht. Das minderjährige Rauchen an Schulen hat sich über die Jahre zwar nicht zahlenmäßig wirklich ausgedehnt, aber die Altersspanne ist (wieder) erschreckend größer geworden. So sind es teilweise schon die Sechstklässler, die man beim Konsum entdecken kann«, so der Stadtschulsprecher. Auch in dem Fall gelte jedoch, dass es Schulen gebe, an denen fast keine Raucher unter den Schülern seien. An anderen rauchten wiederum recht viele Schüler. »Dabei muss man sehen, dass die einzelnen Schulformen, der Schulstandort und auch die Altersverteilung an den Schulen einen erheblichen Einfluss haben«, erklärt Bartz.

»Eher im privaten Bereich«

Wenn Schüler illegale Substanzen konsumierten, dann eher im privaten Bereich. Rund um den Unterricht und in den Schulen seien Drogen zwar ein präsentes, aber nicht sehr großes Problem - auch hier natürlich schulabhängig. Thematisiert werde es im Rahmen von Präventionstagen mit der Suchtpräventionsstelle. »Ich vertrete auch die Meinung, dass Aufklärung wichtig ist und nicht vergessen werden darf, dennoch einen kleineren Einfluss hat als das Milieu, in dem sich der oder die Betreffende privat befindet. An dieser Stelle findet die Aufklärung ihre Schranken.«

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giloka_1802_Drogendeliktein © Martin G. Günkel

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