1. Startseite
  2. Stadt Gießen

»Das Glück ist kein Hufeisen«

Erstellt:

Von: Klaus Frahm

ANZGLOKSTADT18-B_113352_4c
Das Glück liegt oft in einem Moment. Foto: Axel Heimken/dpa © Axel Heimken/dpa

150 Besucher hören im Hermann- Levi-Saal einen ebenso unterhaltsamen wie tiefgründigen Vortrag von Professor Wetz über das Glück. Eingeladen hatte der Hospizverein Gießen.

Gießen. »Glück ist etwas, das wir uns wünschen, das wir unseren Freunden wünschen, das wir allen Menschen wünschen«, sagte Erwin Kuhn. Der Vorsitzende des Gießener Hospizvereins begrüßte 150 Besucher im Gießener Hermann- Levi-Saal im Kulturrathaus. Auf dem Programm stand ein Vortrag des Gießener Philosophen Professor Franz Josef Wetz zu dem Thema »Glück - ein zerbrechliches Gut«.

Seit seiner Gründung vor 25 Jahren bringen die Mitglieder des Hospizvereins Menschen an ihrem Lebensende ein wenig Glück ins Haus, so der Vorsitzende. Da sei es angebracht, einmal eine Erklärung des Phänomens Glück und unseren Bezug dazu von einem ausgewiesenen Fachmann zu bekommen.

»Irgendwas fehlt immer, hat Kurt Tucholsky zum Thema Glück gesagt, und Sigmund Freud befand, die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten«, so Wetz. Nach vielen Jahren, in denen sich die Psychologie immer nur mit dem Negativen beschäftigt habe, sei die »Positive Psychologie« entstanden, die dem Menschen zum Glück verhelfen möchte.

»Die positive Psychologie und die Glücksökonomie verlegen die Schaffung von Glück in den Glücksuchenden«, so Wetz weiter. Alles werde gut, man müsse es nur wollen. Dabei werde jeglicher äußere Einfluss auf die Glücksfindung geleugnet, kritisierte Wetz.

»Das Glück ist kein Hufeisen und der Glückssucher kein Schmied, Glück lässt sich nicht einfach herstellen«, so der Philosoph. Alles Glück sei körperlich, der Körper sei die Grundlage, das Werkzeug und der Erlebnisort des Glücks. Das Belohnungssystem funktioniere wie ein Schaltkreis, an dem das limbische System, die Großhirnrinde und der Hippocampus mitwirkten. Dabei müss die Chemie stimmen, also Botenstoffe, wie Neurotransmitter und Hormone ausgeschüttet werden.

»Glück gibt es wie Gemüse nicht direkt, sondern nur indirekt«, so Wetz. Gottfried Benn habe es so definiert: Dumm sein und Arbeit haben - das ist Glück. Theodor Fontane habe das Glück großzügiger definiert: Glück ist ein gutes Buch, ein paar Freunde, eine warme Schlafstelle und keine Zahnschmerzen. Unserer Suche nach dem Glück stehe unser begrenztes menschliches Glückstalent im Weg, so Wetz. Unserem Körper fehlten die erforderlichen Voraussetzungen, um dauerhaft und ungetrübt glücklich zu sein.

So, wie ein Kind mit seinem ersten Geschenk drei Wochen spielen könne, während das Interesse für das 50. Geschenk bereits nach drei Stunden erlösche, ermatte beim Menschen jedes Glück mit der Zeit an sich selbst.

»Wenn man morgens in den Spiegel schaut und dem Tod bei der Arbeit zusieht, der da Falten gräbt in das Gesicht und Haare ergrauen lässt, ist es schwer dabei ein Glücksgefühl zu empfinden«, so Wetz. Die äußeren Umstände, die dem Glück förderlich sind, sensibilisieren zugleich auf übertriebene Weise für die verbliebenen Mängel, mögen diese auch noch so gering sein. Dabei seien es die Tagträume, die die Wirklichkeit sogar dann blamieren, wenn diese all unsere Wünsche erfülle. Unser gemeinhin unglückliches Bewusstsein entstehe aus dem Gegensatz zwischen dem gegenwärtigen Hier, an dem man sich aufhalte, aber nicht wohlfühle und einem abwesenden Dort, das man ersehne, aber nicht erreiche.

Am Ende seines unterhaltsamen Vortrags riet Wetz zu besonnenem Glücksstreben. Mit Friedrich Nietzsches Worten riet der Philosoph den Zuhörern: »O Glück! O Glück! Willst du wohl singen, o meine Seele? Du liegst im Grase. Aber das ist die feierliche Stunde, wo kein Hirt seine Flöte bläst. Scheue dich. Heißer Mittag schläft auf den Fluren. Singe nicht! Still! Die Welt ist vollkommen. Wenig macht die Art des besten Glücks. Still!«

Nach dem Vortrag kam es noch zu einer Diskussion mit den Zuhörern, bei der einige Teilnehmer auf das Glück der kleinen Dinge verwiesen und das Glück armer Menschen in weit entfernten Ländern beschworen. Diese Glück der Armen im Himalaya zog Franz Josef Wetz allerdings in Zweifel. Erwin Kuhn bedankte sich bei dem Redner und rief dazu auf, dem Gießener Hospizverein beizutreten, in dem man ehrenamtlich ein wenig Glück in die Wohnungen bringe, in denen Menschen das Glück dringend brauchen.

Foto: Frahm

FranzJosefWetz_151122_4c
Franz Josef Wetz © Klaus Frahm

Auch interessant