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Das Kettensägen-Massaker

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Unser absurder Alltag: Götz Eisenberg über gefällte Bäume und das brüchige Glück.

Gerade schlug wieder einmal der Lärm über mir zusammen. Es wurde gebohrt, gehämmert, geschreddert und gesägt, was das Zeug hält. Meine Ohrenstöpsel konnten den Lärm ein wenig dämpfen, von mir weghalten konnten sie ihn nicht. Ich konnte in kein halbwegs ruhiges Zimmer fliehen, der Lärm drang von allen Seiten auf mich ein. Es gab gegen ihn keinen Schutz und kein Entkommen. Die Verursacher solchen Lärms tragen in der Regel Ohrenschützer, die Opfer ringsherum müssen sehen, wie sie klarkommen.

Ich habe vor über zehn Jahren einmal einen Text geschrieben, der »Vom Recht auf Stille« heißt. Ich könnte ihn im Grunde jedes Jahr neu herausbringen. Der Lärmausstoß hat sich in der letzten Dekade nicht verringert, sondern vervielfacht: im Verkehr, beim Bauen und im Privatbereich. Ohnmächtige Wut füllt mich an und erzwingt einen Daueralarm vegetativer Leistungen. Der Herzschlag beschleunigt sich und beruhigt sich auch so schnell nicht wieder. Lärm macht krank.

Eine Gruppe orange gekleideter Arbeiter war dabei, mittels einer Hebebühne eine alte Eiche zu zersägen und abzutragen. Dabei arbeiteten sie sich von oben nach unten vor. Die kleineren Äste wurden an Ort und Stelle geschreddert, die dickeren wurden am Boden gestapelt und würden später zu Brennholz verarbeitet werden. Als ich bei Anbruch der Dunkelheit den Tatort besichtigte, lag der dicke Stamm der Eiche wie ein gestrandeter Wal am Boden. Jahrhundertelang ist sie gewachsen, an einem Tag ist sie niedergebrochen, zersägt und geschreddert worden.

Warum dieses Gemetzel? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich wird man sich damit herausreden, der hohe Baum stelle bei den sich häufenden Stürmen eine Gefahr für die Nachbarhäuser und die Menschen dar, die unter ihm entlanggehen. Und vor allem für die auf dem Hof des benachbarten Bürogebäudes geparkten Autos. Solange man bereit ist, für solche Güter eine alte Eiche zu opfern, wird sich gar nichts ändern an unserem Verhältnis zur Natur. Warum muss, wenn es zu einer Unvereinbarkeit von Haus und Baum kommt, stets der Baum weichen?

Am Rand der akademischen Philosophie wird inzwischen darüber diskutiert, ob nicht Pflanzen - wie Menschen und Tieren - Rechte zustehen, die ihnen das Gesetz garantieren sollte und müsste. Die Infragestellung der anthropozentrischen Weltsicht provoziert und stößt auf Widerstand. Leute, die Bäume mit Menschen gleichstellen und ihnen Rechte einräumen, werden auch in der Linken betrachtet, als beträten sie den Diskursraum mit geöffnetem Hosenstall.

Als ich nun morgens in die Küche kam und aus dem Fenster blickte, stellte ich erschrocken fest, dass sich die Silhouette vollkommen verändert hatte. Wo sich jahrzehntelang die alte Eiche in den Himmel wölbte, klaffte nun eine riesige Lücke. Das Panorama hatte sich von einem Tag auf den anderen völlig verändert. Mein veränderter Blick ist nun aber wahrlich nicht das Schlimmste. Ein weiterer Baum ist verschwunden. Was werden die Vögel denken, die gewohnt waren, sich auf seinen Ästen niederzulassen und von dort aus in die Welt zu blicken?

Am nächsten Tag hörte ich die markanten Pfiffe der Kleiber. Sie kamen mir traurig vor. Sie wählen gern alte Bäume als Behausung, und wahrscheinlich hatte man sie durch das Fällen der Eiche gerade ihrer Wohnung beraubt. Hat nicht auch ein Kleiber ein Wohnrecht und einen Kündigungsschutz?

Auf der anderen Seite meiner Wohnung war mein Blick, wenn er während des Schreibens aus dem Fenster schweifte, auf eine wunderbare, große Birke gefallen, die selbst dann schön war, wenn sie ihre Blätter abgeworfen hatte und kahl war. Dann wurde sie umgesägt und entfernt. Nachbarn hatten Klage über den Schmutz geführt, den diese Birke verursache. Es gab eine Zeit, da waren dem willkürlichen Fällen von Bäumen Grenzen gesetzt, heute kann offenbar jeder nach Belieben wüten und sägen. Wozu braucht es Bäume? Erst wenn der letzte Baum gefällt und alles zubetoniert ist, wird der Furor zur Ruhe kommen. Aber die Erde wird dann unbewohnbar sein wie der Mond. Aber auch der ist ja längst nicht mehr unbewohnbar. Es gibt heute Leute, die bereiten schon ihren Umzug auf den Trabanten vor, wenn auf der Erde Leben nicht mehr möglich sein wird. Da werden die Milliardäre endlich unter sich sein.

Ich floh bei wunderbarem, frühlingshaftem Wetter in die Restnatur und habe mich im Tal des mäandernden Baches auf eine meiner Lieblingsbänke gesetzt. Zwei Bussarde kreisten im tiefen Blau des Himmels. Manchmal versuche ich, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ob es mir gelingt, weiß ich nicht. Der Wind rauschte in den Bäumen. Sonst war es still. Die Sonne stand bereits relativ hoch am Himmel und wärmte angenehm. Irgendwann zog eine Formation Kraniche mit schrillen Schreien über mich hinweg Richtung Nord-Osten.

Die Himmelsrichtung ließ meine Hirnantilope zu Wladimir Putin springen. Ich verscheuchte die Kriegsgedanken und ging das Tal hinauf, immer am Waldrand entlang, vorbei an einem alten preußischen Grenzstein. In den vier Stunden, die ich unterwegs war, sah ich vier Menschen. Zwei ältere Ehepaare saßen auf Bänken und genossen die Sonne. Wir grüßten uns freundlich und wechselten ein paar belanglose Worte. Dann ging ich weiter. Die Ruhe, die ich draußen vorfand, ließ mich selbst zur Ruhe kommen. Was ich in solchen Augenblicken spüre, ist so etwas wie Glück. Es ist brüchig und nicht von Dauer. Zu Hause angekommen, jaulten noch immer die Motorsägen, aus dem Radio drangen die Kriegsnachrichten aus der Ukraine.

Der Gießener Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet an einer »Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus«, deren dritter Band unter dem Titel »Zwischen Anarchismus und Populismus« im Verlag Wolfgang Polkowski erschienen ist. Foto: Polkowski

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Das Ende einer alten Gießener Eiche. © Eisenberg
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