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Das Lachen ist ihr »schönster Lohn«

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Von: Benjamin Lemper

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»Mensch des Respekts«: Für ihren »beispielhaften Einsatz« hat Kultusminister Ralph Alexander Lorz die Gießenerin Margrit Althaus sowie 32 weitere Bürgerinnen und Bürger aus Hessen ausgezeichnet. Foto: HKM © HKM

Die Gießenerin Margrit Althaus engagiert sich ehrenamtlich in der Hausaufgabenhilfe der Liebigschule. Sich auf die Kinder einzulassen, zu signalisieren »Ich bin für Dich da«, hält sie für sehr wichtig.

Gießen. Auf den Montagmittag freut sich Margrit Althaus immer ganz besonders. Daher hat die Gießenerin sehr bedauert, dass sie aufgrund der Corona-Pandemie auf ihr liebgewonnenes Ehrenamt länger verzichten musste - obwohl es gerade in den ersten Minuten mitunter ziemlich laut zugeht. Kein Wunder, nach sechs Stunden Unterricht und dem gemeinsamen Mittagessen müssen sich die Kinder oft erst sammeln, um sich noch einmal zu konzentrieren und erneut die Deutsch-, Mathe-, Englisch-, Französisch- oder Biologiehefte aus dem Ranzen zu holen. »Lasst uns das jetzt effizient durchziehen, dann seid Ihr daheim fertig«, versucht Margrit Althaus die Schülerinnen und Schüler in solchen Fällen ein wenig anzuspornen.

Seit einigen Jahren ist die ehemalige Lehrerin und Kunsthistorikerin in der Hausaufgabenbetreuung der Liebigschule tätig, gibt Fünft- bis Achtklässlern Tipps und Hilfestellung - und hat bei Fragen und Sorgen ein offenes Ohr. Ihnen zu signalisieren »Ich bin einfach für Dich da, ich stufe Dich nicht ein und gebe Dir keine Note« hält die sympathische und sehr feinfühlig argumentierende Seniorin dabei für extrem wichtig. Dadurch würden die Mädchen und Jungs schnell ihre Scheu ablegen und es entstehe ein lockeres Miteinander. »Schließlich könnte ich ja ihre Omi sein.« Für ihren »beispielhaften Einsatz« ist Margrit Althaus nun vom hessischen Kultusminister Ralph Alexander Lorz mit 32 weiteren Bürgerinnen und Bürgern in Wiesbaden als »Mensch des Respekts« ausgezeichnet worden.

»Zuverlässig und empathisch«

Ohne Ehrenamt kann keine Gesellschaft funktionieren - vor allem nicht ohne all die Menschen, die sich auf vielfältige Weise mit großer Leidenschaft einbringen, ihre Freizeit investieren, ohne eine Gegenleistung zu verlangen, und die damit das Rückgrat des sozialen Zusammenhalts bilden. Auch in Schulen »setzen sie dort an, wo der normale Unterricht aufhört«, sagte Lorz bei der Feier und lobte die eingeladenen Frauen und Männer als »leuchtende Vorbilder«.

An der Liebigschule sind Lehrkräfte, FSJler, Studierende und ein Helfer des Freiwilligenzentrums in der Nachmittagsbetreuung aktiv. Die einzige Ehrenamtliche, berichtet Direktor Dirk Hölscher, ist Margrit Althaus. Und sie erledige ihre Aufgabe stets »zuverlässig und empathisch«, könne die Kinder aber auch jederzeit fachlich, organisatorisch und persönlich unterstützen. Die Gießenerin selbst zeigt sich von der Ehrung berührt und zugleich überrascht: einerseits, »weil es ja so viele engagierte Menschen gibt, insbesondere in Gießen«, andererseits, weil sie »nicht gerne im Rampenlicht stehen möchte«.

Nach dem Lehramtsstudium hatte Margrit Althaus, die ihre Jugend in Westfalen verbrachte, zunächst an einer Gesamtschule in Kirchgöns die Fächer Englisch, Deutsch und Geschichte unterrichtet, jedoch »relativ früh wieder aufgehört«. Ihre Ansprüche an eine pädagogische Tätigkeit hätten sich nicht mit ihrem Alltag vereinbaren lassen.

Selbstwertgefühl der Kinder stärken

Als die eigenen Kinder aus dem Haus waren, studierte sie ein weiteres Mal, diesmal Kunstgeschichte an der Justus-Liebig-Universität. In dieser Zeit lernte Margrit Althaus auch Carsten Scherließ kennen, den ehemaligen Leiter der »Lio«, der - damals noch als Student - »unserem Sohn Nachhilfe in Latein gegeben hat« und ein guter Freund von ihr und ihrem Mann, dem Mediziner Dr. Hans Ulrich Althaus, geworden ist. Aus dem Kontakt zu Scherließ resultierte später das Engagement an dem Gymnasium in der Bismarckstraße.

Seit mittlerweile 20 Jahren ist die Gießenerin beruflich zudem als freie Kunstvermittlerin am Städel in Frankfurt beschäftigt, macht Führungen bei großen Ausstellungen. »Rembrandt und Renoir waren echte Highlights«, sagt Althaus. Im Moment bereitet sie sich auf eine im November startende Schau über Guido Reni (1575-1642), einen Barockkünstler aus Bologna, vor. Insofern ist sie es also gewohnt und geübt darin, ihre Zuhörerinnen und Zuhörer mitzunehmen und möglichst ihre Begeisterung zu wecken.

Diese Fähigkeit komme ihr in der Hausaufgabenhilfe oder bei ihrem zweiten Ehrenamt als Leselernhelferin des Vereins Mentor an der Korczak-Schule zugute, ist die zweifache Mutter und fünffache Oma überzeugt. Eine zentrale Rolle spiele für sie, »sich auf die Schüler einzulassen, ihr Selbstwertgefühl zu stärken und auf die Zwischentöne zu achten«. Ein Kompliment für die schöne Handschrift oder den Namen könne da manchmal bereits das Eis brechen. »Entscheidend ist nicht nur, ob jetzt fünf plus fünf zehn ist«, sagt Margrit Althaus. Sie redet leise, wählt ihre Worte mit Bedacht. Ausdrücken möchte sie damit, dass es ihr nicht allein darum gehe, intellektuelle Leistungen zu überprüfen. Die Kinder und Jugendlichen seien sich ohnehin sehr bewusst, in der Schule beobachtet und bewertet zu werden, sich behaupten zu müssen. Als Außenstehende sei sie deshalb vielleicht im Vorteil, weil sie den Mädchen und Jungen losgelöst von irgendwelchen Dingen, die drumherum im schulischen Alltag passieren, begegnen könne. Jedenfalls bemühe sie sich um eine ungezwungene Atmosphäre, in der sich jeder öffnen könne.

»Viele wunderbare Erfahrungen«

Beispielsweise habe sie einen Jungen erlebt, der zu Hause unglaublich streng erzogen worden sei und in der Schule den Freiraum genossen habe, »nicht ständig kritisiert zu werden«. Obendrein habe sich herausgestellt, dass er gerne liest. »Also habe ich ihm Bücher mitgebracht, wir haben gemeinsam gelesen und uns darüber unterhalten.« Für einen kurzen Augenblick könne man »manches auffangen, was im Leben der Kinder nicht ganz rundläuft«. Gerade während der Pandemie hätten viele sehr gelitten, da sie ihre Freunde und ihr soziales Umfeld entbehren mussten. Nun sei regelrecht zu spüren, wie sehr die Schülerinnen und Schüler die zwischenmenschliche Nähe und das Füreinanderdasein schätzen - und sei es beim gemeinsamen Hausaufgabenmachen.

Zwar bleibe leider nicht genug Zeit, um auf alle ausgiebig einzugehen. Die »vielen wunderbaren Erfahrungen« möchte Margrit Althaus trotzdem nicht missen. Sie empfinde es als »Geschenk« und als sehr bereichernd, mit den Kindern arbeiten zu können. »Und ich bekomme von ihnen sehr viel zurück«, betont die Gießenerin - »der schönste Lohn« seien dabei ihr Lachen und ihr Vertrauen.

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