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Das Leid hinter Qualzuchten

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»Niemand sollte ein Tier so formen, wie er es gerne haben möchte«: Astrid Paparone (links) mit »Helene« und Hanna Wern mit »Fuchsig« und »Mika« warnen vor den Folgen von Qualzüchtungen. Foto: Zielinski © Zielinski

Der Tierschutzverein Gießen weist auf Krankheiten hin, die durch extreme Züchtungen verursacht werden. Außerdem wird Geld benötigt, um Bulldogge »Helene« operieren zu können.

Gießen . Atemnot, Entzündungen, Gelenkerkrankungen - unter diesen und vielen anderen Krankheiten leiden zahlreiche Haustiere aufgrund von extremen Züchtungen. Zwar sind diese sogenannten Qualzuchten dem Deutschen Tierschutzgesetz (Paragraph 11, (»Qualzuchtparagraph«) zufolge verboten, wegen einer unzureichenden Definition und unkontrollierter »Hinterhofzüchtungen« gibt es sie aber dennoch. Von Qualzucht spricht man immer dann, wenn die angezüchteten Merkmale oder deren Folgen Qualen, Leiden oder Schmerzen für die Tiere verursachen.

Ein solcher Fall ist »Helene«, die vor ein paar Tagen im Gießener Tierheim abgegeben worden ist. Eine Frau war über eBay auf die Englische Bulldogge aufmerksam geworden, kaufte sie von einem Hinterhofzüchter frei und bat im Tierheim um Hilfe. Dort wusste man sofort, was mit »Helene« los war. Denn Qualzüchtungen sind leider keine Seltenheit, betont die Vorsitzende des Tierschutzvereins Gießen, Astrid Paparone.

Damit es der fünfjährigen »Helene« wieder besser geht, soll eine Gaumensegel-Operation durchgeführt werden. Denn Englische Bulldoggen zählen, wie beispielsweise Französische Bulldoggen, Mops oder Pekinese auch, zu den »brachycephalen Rassen«. Die Bezeichnung kommt aus dem Griechischen und bedeutet »kurzköpfig«. Im Verhältnis zur Kopflänge ist das Gau-mensegel bei den betroffenen Tieren zu lang, kann sich wie ein Tuch über den Kehlkopf legen und bewirkt, dass der Hund zu wenig Sauerstoff bekommt.

Die Einschränkungen, die aus den kurzen, gedrückten Schnauzen resultieren, können durch eine Gaumensegel-Operation so weit korrigiert werden, dass dem Tier ein Stück Lebensqualität zurückgegeben werden könne, so Paparone. Weiterhin haben »Kurzköpfige« zu kleine Nasenlöcher und können im Gegensatz zu Hunden mit langer Schnauze bei warmen Temperaturen nicht über die Nasenschleimhaut Wärme abgeben.

Im schlimmsten Falle müsse eine solche, deutlich über 3000 Euro teure Operation mehrfach wiederholt werden. Die OP wird in einer Klinik durchgeführt, die viel Erfahrung auf diesem Gebiet hat. »Als privater Verein sind wir dabei auf Spenden angewiesen«, erklärt die Vorsitzende. Und die Leiterin des Tierheims, Hanna Wern, fügt hinzu: »Wer sein Tier liebt, will es nicht leiden sehen.« Daher rufen die Hunde-Expertinnen dazu auf, beim Kauf eines Tieres auf Qualzucht-Merkmale zu achten. Denn nur wenn die Nachfrage sinke, könnten diese unkontrollierten Vermehrungen reduziert werden.

Die alte Englische Bulldogge habe einmal ganz anders ausgesehen, doch dann habe man angefangen, sie so zu züchten, dass sie ihr Leben lang ein kindliches Aussehen habe. Gleiches gelte für die Französische Bulldogge, in deren schmales Gebiss die gleiche Anzahl Zähne hineingepresst werde wie bei einem Schäferhund. Bei einem Mops könnten bei extremen Ausbildungen die Augen vorfallen, wenn man ihn im Genick packe. Deshalb sollte man immer aufpassen und nach verantwortungsvollen Züchtern suchen, welche die einschränkenden Qualzuchtmerkmale nicht zulassen, sondern im Gegenteil versuchen, sie wieder zu beseitigen.

Im Tierheim leben auch die zwei Pekinesen »Mika« und »Fuchsig«, die unter permanent tränenden und entzündeten Augen leiden, da ihr Fell auf dem kurzen Nasenrücken im Auge reibt, was zu bleibenden Schäden führen kann. Zwergkaninchen, die zum Teil wegen ihrer Zahnfehlstellung nicht richtig fressen können, gehören ebenfalls zu den Qualzüchtungen. Ferner leben im Tierheim Tauben, die an ihren Füßen Federn haben, mit denen sie sich kaum bewegen können, oder solche, die mit einem zu kurzen Kopf und Schnabel gezüchtet wurden. »Diese auf Schönheit gezüchteten Tiere sind ihr Leben lang auf die Unterstützung von Menschen angewiesen«, bedauert Astrid Paparone. Einfach abschneiden könne man die Federn leider nicht, da sie durchblutet sind.

Die angezüchteten Erkrankungen wirkten sich zudem auf die Nachkommen aus. Auch »Helene« ist, wie man ihr ansehen kann, schon häufiger Mutter geworden. »Einen Welpen sollte man nie ungesehen kaufen, etwa von einem Internetanbieter«, warnt Hanna Wern. Darüber hinaus raten die Expertinnen, sich das Muttertier sowie das gesamte Umfeld gut anzuschauen, darauf zu achten, dass das Tier frei atmen kann und dass es Papiere gibt. Und: Ein Hund sollte nicht zu früh von seinen Geschwistern getrennt werden.

»Während bei Pferden eine Prüfung vor dem Kauf gesetzlich erlaubt ist, gilt diese Regelung bei Kleintieren nicht«, weiß Hanna Wern. Ein guter Züchter lege alles offen und wer wenig Ahnung von Tieren habe, sollte beim Kauf lieber jemanden mitnehmen, der sich auskennt. »Niemand sollte ein Tier so formen, wie er es gerne haben möchte«, unterstreicht Astrid Paparone.

Wenn genug Spenden zusammengekommen sind, kann »Helene« endlich operiert werden. Die Genesung wird etwa vier Wochen dauern. Danach hofft die menschenfreundliche und trotz Einschränkungen fröhliche Hündin auf ein neues Zuhause.

Spendenkonto : Tierschutzverein Gießen, Stichwort: »Helene«, Sparkasse Gießen, IBAN: DE76(5135 0025 0200 5054 24, BIC: SKGIDE5F.

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Mit Federn an den Füßen: Die linke Taube - neben einem normalen Exemplar - ist auf »Schönheit« gezüchtet worden. © Petra A. Zielinski

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