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»Das musste alles raus«

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Von: Björn Gauges

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Empfang in Bayreuth: Der Roman schildert eine Szene, in der Adolf Hitler auf seine glühende Verehrerin Winifred Wagner trifft. Foto: dpa, SWR/Ullstein © dpa, SWR/Ullstein

Im Kopf des Tyrannen: Schriftsteller Feridun Zaimoglu stellte seinen neuen Hitler-Roman in der Bezalel-Synagoge vor.

Lich. Feridun Zaimoglu, seit rund 30 Jahren einer der wichtigsten Schriftsteller des Landes, hat sich für seinen neuen Roman einer ganz besonderen künstlerischen Mutprobe unterzogen. Er beschreibt das Leben Adolf Hitlers aus allernächster Nähe: durch die Augen des Tyrannen selbst. Nun stellte Zaimoglu das Buch mit dem Titel »Bewältigung« in der Bezalel-Synagoge vor. Es ist ein sprachlich beeindruckender, überaus düsterer Text geworden, der aber auch Momente des grotesken Witzes bereithält.

Für ihn war diese Auseinandersetzung ein wichtiger Prozess, berichtete der in Kiel lebende Zaimoglu beim Gespräch mit Andreas Matlé, dem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei der den Abend ausrichtenden Ovag. »Auch mein eigener Dreck steckt da drin. Das musste alles raus.« Der Schriftsteller las dazu nicht nur unzählige Bücher, sondern fuhr auch an mehrere Schauplätze wie Bayreuth, Dachau oder München, um sich der Figur zu nähern. Gut getan habe ihm die monatelange intensive Beschäftigung mit der Wahnwelt Hitlers allerdings nicht. Diese Anverwandlung »war noch schlimmer als gedacht. Ich habe mich immer noch nicht davon erholt«, gestand Zaimoglu.

Was der im Alter von sechs Monaten mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland gekommene Schriftsteller damit meinte, wurde bei seiner anschließenden Lesung deutlich. Er trug die Passage eines Besuchs Hitlers in Bayreuth vor, wo er bei einem Abendessen auf Richard Wagners Sohn Siegfried sowie dessen Ehefrau Winifred trifft. Der Schriftsteller kriecht bei dieser Begegnung mit den beiden glühenden Verehrern tief hinein in den Kopf des »Führers« um dessen Beobachtungen und Gedanken auf sprachlich virtuose Weise zu schildern.

Dabei sollte diese Herangehensweise eigentlich sogar noch radikaler ausfallen. Zunächst war Zaimoglus Plan, ein Buch ausschließlich aus der Perspektive Hitlers zu schreiben. Dieses Werk ist auch tatsächlich entstanden und 600 Seiten schwer, aber nicht für die Veröffentlichung bestimmt. Denn der Justiziar seines Verlages habe den Schriftsteller darauf hingewiesen, dass sein Vorhaben nicht von der künstlerischen Freiheit gedeckt ist und er sich damit strafbar machen könne, erzählte er. »Ich hätte da gegen ungefähr 20 deutsche Gesetze verstoßen.« Dieses Risiko konnte und wollte der 57-Jährige natürlich nicht eingehen.

Also setzte er sich erneut an den Schreibtisch und schuf ein zweites Buch, in dem sich ein Autor mit Hitler beschäftigt. »Und auch wenn man das als Leser üblicherweise strikt trennen sollte«, erklärte Zaimoglu in Lich, in diesem Fall ist der Autor ich.«

So wechselt er im Buch und bei seinem Vortrag die Perspektive, lässt Hitler sprechen, ebenso wie den Autoren, der bei der Recherche in einer Münchner Handwerkerwohnung sitzt und über seinem Material brütet. So erlebten die Besucher der Lesung die ungemein plastische Schilderung des Essens, bei dem Hitler ein Tropfen Suppe im Bärtchen hängen bleibt und sich die Spucke in seinem Mund sammelt, während er Winifred Komplimente macht und gleichzeitig die Juden beschimpft. So zeigte sich Zaimoglu in der Bezalel-Synagoge überzeugt: »Dieser Mann ist erklär- und erzählbar.«

Die Lesung war der Auftakt des aktuellen Licher Veranstaltungsreihe zur Pogromnacht des 9. November 1938. Sie wird am Donnerstag, 17. November, um 20 Uhr im Kino Traumstern mit einem Film über Leonard Cohen fortgesetzt.

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Schriftsteller Feridun Zaimoglu (links) und Moderator Andreas Matlé in der Bezalel-Synagoge. Foto: Gauges © Gauges

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