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Das Paradies ist es nicht

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Verkörperung der Zeit: Roman Kurtz grüßt als Standuhr - zusammen mit (von links) Johanna Malecki, Lukas T. Goldbach und Paula Schrötter. © Friese

Von Plastikmüll bis Liebesleid: »Traumspiel:e« nach einer Vorlage von August Strindberg wurden in der taT-Studiobühne uraufgeführt.

Gießen. Überraschen muss das den Theatergänger im Gegensatz zu Traumwandlerin Agnes natürlich nicht. In August Strindbergs 1901 uraufgeführtem Stück steigt die junge Frau von ihrer Wolke, um sich die Menschheit einmal genauer anzuschauen. Was sie dort unten sieht und erlebt, ist allerdings wenig erbaulich. Nun hat das Stadttheater Gießen die Österreicherin Sophie Reyer beauftragt, Agnes erneut auf einen Erkundungstrip zu schicken. Und was zu erahnen war: »Das Paradies ist es nicht«, wie es an einer Stelle heißt. Reyers Neubearbeitung der Vorlage feierte am Donnerstagabend als »Traumspiel:e« seine Uraufführung auf der taT-Studiobühne.

In der Inszenierung von Patrick Schimanski sind es gleich vier Darsteller, die die Figur der jungen, mit offenen Augen und wachem Verstand über die Erde wandelnden Frau verkörpern. Im schnellen Wechsel durchleben die spielfreudigen Ensemblemitglieder Johanna Malecki, Paula Schrötter, Lukas T. Goldbach und Roman Kurtz dabei Episoden, in denen sie auf unterschiedlichste Charaktere treffen: einen Soldaten, eine Familie, einen Anwalt. So werden diese Kapitel collagenhaft zusammengeführt, um eine Art assoziatives Menschheitsporträt entstehen zu lassen. Individuelle und gesellschaftliche Dramen werden darin gleichermaßen verhandelt: Umweltverschmutzung und Liebesleid, tödliche Krankheit und Flüchtlingselend.

Strindbergs Vorlage des Dramas war stark von der kurz zuvor erschienenen Traumdeutung Sigmund Freunds beeinflusst. Zugleich musste der Schwede während der Arbeit an dem Text verkraften, dass ihn seine junge Ehefrau verließ, was ihn in eine Krise stürzte. Beides ist dem Drama anzumerken, das Sophie Reyer in eine heutige Welt verlegt hat - inhaltlich wie sprachlich. Kunstvoll gedrechselte, artifizielle Sätze wechseln sich darin mit einem sehr heutigen Ton ab.

Sprachliche Überarbeitung

Gleichzeitig zählen die nun hinzukommenden thematischen Aktualisierungen zu den schwächeren Kapiteln des Stücks. Da wird etwa mehrfach beklagt, dass die Meere mehr Plastik als Lebewesen enthalten. Ein hartherziger Mann mit Blindenbrille bekennt, einfach wegzuschauen, wenn Flüchtlinge an der Küste stranden. Es sind schlagworthafte Sequenzen, die in der Kürze der Bühnenzeit arg eindimensional wirken.

Spannender wird das Stück immer dann, wenn Allgemeingültiges in den Blick genommen wird: Liebe, Solidarität, Egoismus, Neid. Und es geht um die ganz großen Fragen: Was ist Zeit? Warum leben? Und besteht nicht sowieso alles aus Wiederholung? Diese ewigen Menschheitsrätsel werden in den 100 Minuten Spielzeit auch musikalisch angerissen. Jeder der vier Schauspieler liefert dazu eine gelungene Rap-Einlage, Goldbach greift zudem mehrfach zur Gitarre.

Zudem hat sich das Quartett weidlich bei den Requisiten des Stadttheaters bedient. So treten sie als Harlekin und Mafioso, mit gelbem Regenmantel und als Bauarbeiter, mit Pferdemaske und als Horrorfigur auf die Bühne. Bisweilen werden die Bühnenfiguren auch ins Groteske verzerrt. Roman Kurtz etwa verkörpert die Zeit als plüschige Standuhr.

Und Hauptfigur Agnes ist durch einen langen Mantel gekennzeichnet, dessen Material einst als Lastwagenplane und Ankündigungsplakat des Stadttheaters diente. Denn Regisseur Schimanski und Bühnenausstatter Lukas Noll haben sich für die Inszenierung ausschließlich im Fundus des Hauses bedient und auf jegliche Neuerwerbung verzichtet. Zu erforschen sei nun, ob diese nachhaltige Arbeitsweise »die Ästhetik, Erzähl- und Arbeitsweisen am Theater verändern und ob für den Zuschauer trotzdem alles frisch und neu und mit Bedeutung auch gefällig sei«, wie es im Programm frei nach Goethes »Faust« heißt.

Nächste Vorstellungen: 20. März, 2., 16. und 22. April.

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