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»Das Recht auf Wind in den Haaren«

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»Das macht Spaß, auf jeden Fall«: Melanie Bräuer (ab Anfang Oktober Leiterin St. Anna), Caritas-Direktorin Eva Hofmann, Gundula Breyer (Caritas Gießen), Ingeborg Müller, Hein Zeiß, Thomas Grün von der »GlücksSpirale«/Lotto Hessen, Andreas Fölsing (Leiter Maria Frieden) und Andreas Habermann von der Firma »E-motion« bei der Übergabe der neuen E-Rikscha. Foto: Mehl © Mehl

Mithilfe von Spenden hat der Caritasverband Gießen eine E-Rikscha für seine Einrichtungen St. Anna und Maria Frieden angeschafft. Die Bewohner können so die Umgebung kennenlernen.

Gießen. »Die Fahrscheine bitte!« Es muss schon seine Ordnung haben, wenn die Bewohnerinnen und Bewohner der Caritas-Einrichtungen St. Anna und Maria Frieden einen Ausflug per Rikscha machen wollen. Dieses Angebot gibt es schon länger durch ein vom Land Hessen zur Verfügung gestelltes Rikscha-Fahrrad. Jetzt verfügt der Gießener Verband aber endlich auch über ein eigenes, elektrisch unterstütztes Gefährt. Am Caritashaus Maria Frieden wurde die neue E-Rikscha übergeben.

»Den Wunsch haben wir schon lange. Die Umsetzung wurde durch Corona hinausgezögert«, blickt Gundula Breyer vom Gießener Caritasverband zurück. Ermöglicht wurde die Anschaffung des rund 12 000 Euro teuren Dreirads der besonderen Art durch eine Spende von der »GlücksSpirale«/Lotto Hessen sowie aus dem Erlös der aktuellen Caritas-Sommersammlung von rund 2500 Euro. »GlücksSpirale«-Vertriebsrepräsentant Thomas Grün war eigens aus Wiesbaden gekommen, um den symbolischen Scheck über 10 171 Euro an Caritas-Direktorin Eva Hofmann zu überreichen. Mit dem überschüssigen Betrag soll noch ein Unterstand auf dem Gelände von Maria Frieden errichtet werden.

Die Umgebung kennenlernen

Genutzt wird das Rikscha-Fahren schon eifrig. In beiden Einrichtungen können sich Interessierte anmelden. Der erwähnte Fahrschein dient einerseits zur Erinnerung, andererseits gibt er dem Ausflug in die Stadt oder in den nahen Bergwerkswald einen offiziellen Anstrich. »Das wird gut angenommen«, berichtet Gundula Breyer. »Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer strahlen, wenn sie zurückkommen«, hat sie festgestellt. Zum einen stelle es eine Abwechslung für die Bewohnerinnen und Bewohner der beiden Heime dar, zum anderen erfolge so auch ein Austausch zwischen den beiden Wohnbereichen. »Das macht Spaß, auf jeden Fall«, bestätigt der 83-jährige Hein (Karl-Heinrich) Zeiß, der seinen Lebensmittelpunkt vom Schwanenteich in den Gießener Südwesten verlegt hat. »Dadurch lernt man die Umgebung kennen«, ergänzt Ingeborg Müller. Die 80-Jährige hat den Großteil ihres Lebens in Baden-Württemberg verbracht und ist nun nach Gießen in die Nähe ihrer Familienangehörigen gezogen.

So einladend auch die neuen Gebäude der Caritas sind, sie haben einen entscheidenden Schwachpunkt: ihre isolierte Lage. »Hier fährt kein Bus, hier gibt es keine Anbindung«, sagt Müller zur fehlenden Mobilität. Durch die Fahrten mit der Rikscha habe sie ihre neue Heimat inzwischen besser kennengelernt. Schließlich seien die Rikscha-Piloten auch profunde Fremdenführer. Neben dem Bergwerkswald sind die Lahnufer, der Schwanenteich und die Innenstadt beliebte Fahrziele. Dazu lockt der benachbarte Park des Finanzamtes (ehemals Bundeswehrkrankenhaus). Doch dort müsse noch eine Lösung für die Schranke am Eingang gefunden werden.

Weitere Piloten sind willkommen

»In der Regel sind wir so eine halbe bis anderthalb Stunde unterwegs«, sagt Bernd Stäudtner, der nicht nur als ehrenamtlicher Pilot in die Pedalen tritt, sondern sich auch »Rikscha-Kapitän« bezeichnen darf. Will heißen, dass er interessierte Pilotinnen und Piloten an dem in Japan erfundenen Gefährt schult und ihnen dann eine entsprechende Urkunde ausstellt. »Das Recht auf Wind in den Haaren« ist das altersgemäße Motto des Rikscha-Fahrens bei der Caritas. Beim Pressetermin sind mit Jörg Franke und Reinhard Ewald noch zwei weitere Piloten anwesend. Sie berichten, dass das Fahren trotz der Elektro-Unterstützung schon mal harte Arbeit werden kann, wenn geteerte Wege verlassen werden. Zudem sei ein wenig Übung notwendig, lenke sich doch ein sogenanntes »Dreispurgefährt« anders als ein Fahrrad.

Derzeit umfasst das Fahrerlager zwei Kapitäne sowie zehn Pilotinnen und Piloten. Da die Rikscha in der Regel täglich jeweils am Vormittag und am Nachmittag genutzt wird und es auch anderen älteren Menschen oder Personen mit Behinderungen zur Verfügung steht, werden noch weitere ehrenamtliche Pedaleure gesucht. »Wir nehmen alle Altersgruppen«, wirbt Gundula Breyer (bei Interesse: gundula.breyer@caritas-giessen.de). Angehörige könnten ebenfalls den Fahrdienst übernehmen, betont die Caritas-Vertreterin. Und auch sie werden sich schnell an die Aufforderung »Die Fahrscheine bitte!« gewöhnt haben.

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