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Das Richtige tun, indem man nichts tut

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Hier wird das Richtige getan. Foto: dpa © dpa

Wenn es einen Wettstreit der geflügelten Worte gäbe, wäre der Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal (1623 bis 1662) ganz weit vorne. Sein »Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen«, hat jeder mal gehört, jeder mal zitiert, oft vermutlich, das Kinn in den Händen abgestützt, verballhornt wiedergegeben, weil es irgendwie zu jeder Krise passt.

Und wenn es einem nicht gleich einfällt, brummelt man vor sich hin: »Irgendwas mit Zimmer und Unruhe.«

Byung-Chul Han, viel schreibender Philosoph, der in Freiburg und München studiert hat und in Berlin lebt, führt in seinem neuen Essay eine weitere Spielart des Pascal‘schen Gedankens ins Feld. Er modernisiert das Idealbild des kontemplativen Stubenhockers, der einst bei Pascal, in der Renaissance, zu Ehren kam. Nicht umsonst vielleicht, denn der Buchdruck mit beweglichen Lettern stammt aus jener Zeit. Und hat den Grund gelegt für unsere Unruhe. Die Lettern, die sich damals zu bewegen begannen, halten uns heute, ungleich beweglicher geworden, als WhatsApp und Twitter in Atem. Oder lassen uns, so wäre es besser formuliert, nachgerade atemlos werden.

Von Blaise Pascal bis Hannah Arendt

Han hat unsere Zeit (und die Crux derselben) bereits in den brillanten Analysen »Müdigkeitsgesellschaft«, »Transparenzgesellschaft«, aber und vor allem in »Vom Verschwinden der Rituale« philosophisch, aber verständlich, in Worte gefasst, nun geht er einen Schritt weiter. In »Vita Contemplativa« wird die Untätigkeit zur uns (und den Planeten) errettenden Lebensform erklärt. Nur wenn wir den Kreislauf des und der immer (Werk-)Tätigen durchbrechen, haben wir noch eine Chance, der Zerstörung entgegenzuwirken.

Das Richtige tun, indem man nichts tut, das ist freilich nicht neu. Schon Paul Lafargue, Schwiegersohn von Karl Marx, sang in seinem Hauptwerk »Das Recht auf Faulheit« das Loblied auf Kontemplation und erdachte das Ende der »abgerackerten Maschinensklaven«. Schon Friedrich Schlegel wusste um die »Faulheit als letztes Gut«, das »vom Paradiese übrigblieb«. Von Novalis ganz zu schweigen.

Daran anknüpfend und gleichermaßen darüber hinausgehend, versteht Byung Chul-Han die Versöhnung zwischen Mensch und Natur als »Endzweck der Politik der Untätigkeit«.

Das ist nichts anderes als die Erkenntnis, dass das Sein wichtiger als das Haben sein sollte, das aus der permanenten Tätigkeit in unserer Konsumwelt wie zwangsläufig zu erwachsen scheint. Han nimmt in den Blick den Menschen, der nur die Reaktion auf den Reiz kennt, im kapitalistischen Irrsinn auf Nachfrage nach dem Angebot gedrillt. Ein Angebot, das oft kein Mensch braucht, das, im Gegenteil, zumeist nur schädigt.

Als inspirierenden »Gegenentwurf zu Hannah Arendts »Vita Activa« versteht Byung Chul Han seinen Essay. Was man freilich auch als nur halbe Wahrheit interpretieren könnte, ist doch Arendts »Vita Activa« eine Handlungsanweisung zu »selbstverantwortlicher aktiver Mitwirkung am öffentlichen Leben.« Ergo: Nur der politische Mensch Arendt‘schen Denkens kann die »Untätigkeit als Humanum« eines Byung Chul-Han überhaupt verstehen. Han selbst bestreitet das allerdings. Nach der Lektüre bleibt gleichwohl der Eindruck, dass »Vita Contemplativa« nicht der Gegenentwurf von »Vita Activa« ist, sondern die konsequente Weiterentwicklung. Oder denken wir falsch, wenn wir nicht mit (ihm, dem Autor) denken?

So oder so: Byung-Chul Han hat, wie stets, einen gut zu lesenden und eingängigen Essay geschrieben, verweisend auf Philosophie, Kunst und Kultur. Ein wenig störend ist die massive Abarbeitung an Hannah Arendt. Ganz so, als habe er ein philosophisches Hühnchen mit ihr zu rupfen. Allerdings verschwindet auch er hinter den herumfliegenden Federn. Dabei kommt die Stärke des 1959 in Seoul geborenen Publizisten immer dann zum Tragen, wenn er sich ganz seinen Thesen von der Sinnstiftung des Kontemplativen widmet. »Die Untätigkeit als letzten Zweck menschlicher Anstrengung« zu sehen, ist ein schönes Gedankenspiel. Nicht neu, aber in diesen Zeiten umso wichtiger.

Doch wer aus dem Zimmer geht und sich umschaut, wird sich fragen, wie das funktionieren soll? Mit dem kleinen Rädchen Philosophie im großen Welt-Getriebe? Also bleiben wir besser drin - und lesen. Etwa Han. Der schreibt viel. Untätig ist er nicht.

Byung-Chul Han: Vita Contemplativa. Oder von der Untätigkeit. 130 Seiten. 22,99 Euro. Ullstein.

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