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Das Unheil naht am Küchentisch

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Von: Björn Gauges

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Sein Arbeitszimmer hat Christian Boller zum Aufnahmestudio umfunktioniert. Hier entstehen die »Geschichten aus dem Nichts«. Foto: Gauges © Gauges

Der Gießener Christian Boller betreibt seit drei Jahren einen Mystery-Podcast - mit stetig zunehmendem Erfolg.

Gießen. Der Erzähler sitzt gerade beim Abendbrot in der Küche, als sich plötzlich geheimnisvoller violetter Nebel darin ausbreitet. Der gibt bald die Sicht frei auf ein furchterregendes Wesen. Es hat drei Fledermausflügel, Schlangenschuppen, »viel zu viele Augen an viel zu vielen Stellen« und ist mindestens 2,50 Meter groß. »An diesem Ding ist alles falsch«, schaudert der Augenzeuge, der sich dennoch bald mit der Situation zu arrangieren weiß. So beginnt der Mystery-Podcast mit dem Titel »«Geschichten aus dem Nichts«, die der Gießener Christian Boller Monat für Monat auf Sendung schickt. Mit stetig zunehmendem Erfolg. Gerade hat er die 5000-Hörer-Marke geknackt.

Mittlerweile mehr als 5000 Hörer

Angefangen hat alles vor drei Jahren. Boller, studierter Kunsthistoriker und »Fan von Laber-Podcasts«, wollte das zunehmend populäre neue Medium selbst einmal ausprobieren und suchte nach Mitstreitern - fand aber keine. »Mit mir selbst ein Gespräch zu führen, ging also nicht.« Mit verstellten Stimmen Dialoge simulieren, mochte er auch nicht. Und so wählte er einen anderen Weg, um seinen Podcast mit Inhalt und Leben zu füllen. Er begann als Erzähler von der Welt dieses seltsamen Wesens zu erzählen. Dazu zählt etwa die Geschichte »vom halben Weltuntergang und warum vier Tage lang die Farbe Blau verboten war«, wie es zu Beginn heißt. »Lebende Erinnerungen, ein mysteriöses High-Tech-Netzwerk und eine möglicherweise intelligente Chilipflanze spielen dabei nicht unbedeutende Rollen«, beschreibt Boller den Inhalt.

Der Podcaster verzichtete dabei auf einen stringenten Handlungsverlauf. Jeder Hörer könne daher jederzeit in jeder Folge einsteigen. Doch wer einmal auf diese schrägen Stories gestoßen ist, bleibt den »Geschichten aus dem Nichts« meistens treu. Das zeigt sich dem 47-Jährigen bei der Auswertung seiner Sendungen, die über alle gängigen Plattformen wie Spotify und Apple abrufbar sind. Diese Abspieldienste stellen ihm als Produzenten unterschiedliche Analysefunktionen zur Verfügung. So bekommt der Gießener nicht nur Infos, wo seine Hörer leben (Deutschland, Österreich, Schweiz), sondern auch, ob und an welcher Stelle sie zwischendrin aussteigen, welche musikalischen Vorlieben sie haben oder wie alt sie sind. Damit ließe sich seine Zielgruppe noch genauer ansprechen - doch das ist dem studierten Kulturwissenschaftler alles nicht sonderlich wichtig.

Umso interessanter, wie sein Publikum den Gießener findet, wie seine Hörerschaft von Monat zu Monat wächst. Ohne Werbung, ohne Marketing. Und »ein guter Netzwerker bin ich auch nicht.« Hinzu kommt: Die Streaming-Plattformen haben ihn etwa in der Rubrik »Comedy-Fiction« einsortiert, ebenso unter »Kunst und Unterhaltung«. Das trifft es - und auch wieder nicht. »Was ich mache, ist schwer auf den Punkt zu bringen, sagt der Fan von Schriftstellern wie Terry Pratchett, Haruki Murakami und John Irving.

Ihm geht es um den Spaß, sich in diesem Medium auszuprobieren und der eigenen Fantasie freien Lauf zu lassen. Dafür investiert er eine Menge Zeit und Kreativität. Rund acht Stunden veranschlagt er an Aufwand, bis eine einzelne Folge sendefertig ist. Dazu zählt zunächst das Skript, auf dem er die Ideen notiert und in eine schlüssige Form bringt. Dann spricht er den Text ein, den er anschließend mit einem Schneideprogramm bearbeitet, damit weder Versprecher noch Außengeräusche den Klang des Podcasts stören. Sein Studio hat er dafür im Arbeitszimmer eingerichtet. Neben einem Rechner mit zwei Monitoren und der entsprechenden Software gehört auch zwei professionelle Mikrofone dazu. Um den Klang zu optimieren, schützt er sich bei der Aufnahme mit einem Paravent und wirft zwei Koltern über den Kopf. Ist nicht perfekt, tut aber seine Wirkung, lacht Boller.

Mit sonorer Sprecherstimme

Und das Ergebnis kann sich tatsächlich hören lassen. Der Podcaster erzeugt eine dichte Atmosphäre, was auch an seiner sonoren, professionell klingenden Erzählstimme liegt. Sich gute 45 Minuten lang einem Thema zu widmen, ist ihm tatsächlich nicht fremd. Nach dem Studium in Marburg hat er einige Erfahrung als Hochschul-Dozent sammeln können, bevor er sein Geld in der Erwachsenenbildung verdiente. Mittlerweile arbeitet er als Ghostwriter, um etwa Biografien seiner Auftraggeber niederzuschreiben. Für das Okkulte und Übersinnliche bleibt da allerdings kein Platz.

Das kann er dafür umso mehr in seinem Podcast ausbreiten, mit dem Boller auch schon manche interessante Reaktion seiner Hörer ausgelöst hat. Ein weiblicher Fan schickte ihm etwa ein Foto einer originellen Bastelarbeit, die sie nach einer der Figuren gestaltete. Ein anderer hinterließ ein Lob, das dem Gießener so gut gefiel, dass er es auf seiner Homepage veröffentlichte: »Ich habe keine Ahnung, was ich hier höre, aber es ist wirklich fantastisch«, schrieb ein Fan namens »Dahurga« vor wenigen Tagen.

Christian Bollers Podcast »Geschichten aus dem Nichts« ist auf allen gängigen Streamingportalen zu hören, ebenso auf seiner Homepage: geschichtenausdemnichts. podigee.io/

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