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»Das unsichtbare Band«

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84 Kerzen leuchteten am Ende des Gottesdienstes in der Petruskirche für die verstorbenen Kinder. Foto: Jung © Jung

Gemeinsam trauern und erinnern: Die alljährliche Gedenkfeier für Eltern und Geschwister verstorbener Kinder fand in der Gießener Petruskirche statt.

Gießen. »Unvorstellbar ist für mich, was Ihnen widerfahren ist«, sagte Pastoralreferentin Dr. Esther Schulz in ihrer Ansprache zum alljährlichen Gedenkgottesdienst für verstorbene Kinder in der Petruskirche und zitierte aus einem Gespräch mit einer betroffenen Mutter.

Unterschiedlich sind die Empfindungen der Trauernden, beschrieb sie die Zeit des Verlustes. Doch eines haben sie gemeinsam: Sie mussten Abschied nehmen von Kindern. »Da ist ein unsichtbares Band der Liebe, das nicht zerreißt«, sagte sie zum diesjährigen Leitthema »Das unsichtbare Band«, wie die Zusammenkunft zu Trauer, Trost und Hoffnung überschrieben war.

Beim Eingang ins Gotteshaus erhielten die betroffenen Eltern kleine bunte Bänder aus Papier, beschrifteten sie mit den Namen der verstorbenen Kinder und hängten sie an die Zweige in der großen Vase vor dem Altar. Am Ende des Gottesdienstes konnten sie die verschiedenen farbigen Symbole als Erinnerung mit nach Hause nehmen.

Im Gegensatz zu den bekannten Freundschaftsbändern bedeuteten diese Bänder mehr als Zeichen der Freundschaft, klärte die Pastoralreferentin von der Katholischen Klinikseelsorge auf: »Es sind Bänder der Liebe«. Sie alle vereine die Liebe zu den Kindern, die bleibt.

Ein Kind zu verlieren, verursache einen Schmerz, der an die Grenze dessen gehe, was ein Mensch ertragen könne. Der Volksmund sagt: »Stirbt ein Erwachsener, so geht er von Deiner Seite, stirbt ein Kind, so geht es von Deinem Herzen«. Das unsichtbare Band der Liebe zerreiße nicht, tröstete die Seelsorgerin die trauenden Menschen im Gotteshaus. Es müsse aber auf andere Art geknüpft werden. Erinnern bezeichnete sie als die vielleicht qualvollste Art des Vergessens und vielleicht die freundlichste Art der Linderung der Qualen, so drückt es ein Dichter aus.

Es sei für alle Betroffenen ein schwerer Weg gewesen, an dem Gedenken teilzunehmen. Schulz bezeichnete ihn als wichtig, weil die Angehörigen hier ihrem Schmerz begegneten, sich erinnerten und gedenken können.

Die Namen der verstorbenen Kinder und Sternenkinder wurden verlesen. Das Anzünden der Kerzen, 84 leuchteten am Ende im Altarraum, und das Verlesen der Namen sei eine Art, das unsichtbare Band der Liebe nun auf eine andere Art zu knüpfen, nämlich: »Die Nähe und Verbundenheit zu Ihrem Kind zu spüren«, machte die Seelsorgerin deutlich. Die Gedenkfeier schafft einen geschützten Raum für die Trauer. Sie stellt für die betroffenen Eltern, Geschwister, Großeltern und Freunde eine wichtige Zusammenkunft an einem Ort dar, wo sie die Trauer zeigen können. Esther Schulz tröstete die Trauernden: »Ihre Kinder haben immer einen Platz in Ihrem Herzen, sie werden Sie ein Leben lang begleiten«.

Pfarrerin Kathleen Niepmann von der evangelischen Klinikseelsorge sagte, jedes Licht, das im Gedenken angezündet werde, leuchte auch für die Gemeinschaft, in der die Trauenden jetzt zusammen gekommen waren. Mit dem Entzünden der Kerzen schimmere auch Hoffnung durch, dass die Menschen, irgendwie mit einem Schmerz, in einer Trauer und einem Leben und Sterben getragen und umfangen sind von Gottes Sicht, und getröstet werden.

Das Vorbereitungsteam bestand wieder aus der evangelischen und katholischen Klinikseelsorge Gießen, der Selbsthilfegruppe »Trauernde Eltern Gießen« und der Initiative Regenbogen »Glücklose Schwangerschaft«. Viele Familien aus der Region kommen alljährlich, andere sind neu dabei und das gemeinsame schwere Schicksal eint sie. Texte, Musik und tröstende Worte prägten auch jetzt wieder die kirchliche Feier. Mitwirkende verlasen Texte und sprachen Fürbitten. »Das Anzünden der Lichter erinnert und bewahrt gleichzeitig die Einzigartigkeit jedes Ihrer Kinder«, so Niepmann und leitete zum Entzünden der Kerzen über, darunter auch acht Lichter zum Gedenken an alle verstorbenen Kinder weltweit.

Cordula Scobel mit gefühlvoller Musik an der Orgel und Carla Jost mit Liedern, begleitet von Kai Picker an der Gitarre, gaben dem Gedenken einen würdevollen Rahmen. Die Kollekte war in diesem Jahr für die Petrusgemeinde bestimmt, die dieses Gedenken schon seit vielen Jahren möglich macht und das Gotteshaus sowie den Gemeindesaal für das anschließende gemeinsame Kaffeetrinken zur Verfügung stellt.

Die Selbsthilfegruppe »Trauernde Eltern Gießen« trifft sich an jedem zweiten Dienstag im Monat um 19 Uhr in der Petrusgemeinde, Wartweg.

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