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Er ließ Frankfurt - und die Titanic-Redaktion - vom Meistertitel träumen: Anthony Yeboah.

Das waren die frühen 90er

Es ist ein Mammutwerk, an dem Gerhard Henschel (59) seit knapp 20 Jahren arbeitet. 2004 begann es mit dem »Kindheitsroman«, in dem er die ersten Lebensjahre seines Alter Egos Martin Schlosser schilderte und damit gleichzeitig ein ebenso persönliches wie dichtes bundesrepublikanisches Zeitporträt der 60er Jahre vorlegte. Seitdem sind zahlreiche weitere Schlosser-Romane hinzugekommen, in denen der Lebensweg dieses sympathischen Freigeistes detailliert nachgezeichnet wird.

Nun geht es mit dem »Schauerroman« und den frühen 90er Jahren weiter. Und einmal mehr gelingt es dem ungemein produktiven Henschel darin, das Persönliche mit dem Allgemeinen in eine Balance zu bringen, die für ein großes Lesevergnügen sorgt und zudem manch erhellende Erkenntnis in die Jetztzeit transportiert.

Für Schlosser, den im provinziellen und ihm bald zu eng werdenden Emsland aufgewachsenen jungen Mann, geht es nach längerer beruflicher wie privater Durststrecke mittlerweile aufwärts. Das Studium hat er abgebrochen, sein Geld verdient er als freier Autor für verschiedene Magazine wie das Satireblatt »Kowalski«. Und im Laufe des Romans erhält er das Angebot, eine Redaktionsstelle im Frankfurter Konkurrenzunternehmen »Titanic« zu übernehmen, wo er auf die von ihm verehrten Großmeister der Satire trifft: Robert Gernhardt, Chlodwig Poth oder die Karikaturisten Greser & Lenz etwa. Doch es geht wie immer auch sehr profan zu im Kosmos des Martin Schlosser. Er schlägt sich die Nächte in den Nordend-Kneipen um die Ohren, hat zahlreiche Bettgeschichten, reist zu abenteuerlichen Lesungen in den tiefen Osten der Republik und hofft mit den Kollegen auf die Meisterschaft für die (zunächst) groß aufspielende Frankfurter Eintracht.

So ist viel zu erfahren über die sehr entspannte, sehr nahbare Satirikerelite des Landes. Gleichzeitig aber schlägt Henschel auch immer wieder andere motivische Pfade ein: Er erzählt ausführlich von den Familienverhältnissen und der zunehmend mühseliger werdenden Pflege seines misanthropischen und kränklichen Vaters. Er hat immer wieder Geldsorgen wegen der Zahlungsmoral mancher Auftraggeber. Und er kommentiert die Zeitläufte in der deutschen und internationalen Politik als aufmerksamer Beobachter.

Was diesen wie die anderen Schlosser-Romane so lesenswert macht, ist die mit lakonischem Witz unterfütterte Zeitdiagnose, in der vieles bereits aufscheint, was die heutigen Debatten prägt. Der grassierende Rassismus ist dabei ebenso zu erkennen wie der linke Dogmatismus, mit dem sich die Satiriker der Titanic herumschlagen müssen. So oder ähnlich waren sie also - die frühen 90er.

Gerhard Henschel: »Schauerroman«. 587 Seiten. 26 Euro. Hoffmann und Campe.

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