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Das Wunder der Welt

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Legt ein lesenswertes Buch über die geheimnisumwitterten Zeilen Rilkes (kleines Foto) vor: Franz Josef Wetz. © Wetz, dpa

Gießen. »So leben wir und nehmen immer Abschied.« Die »Duineser Elegien« von Rainer Maria Rilke (1875-1926) handeln von Liebe und Tod, von der Vergänglichkeit des Lebens und vom ewigen Abschiednehmen. Die zehn Stücke gehören zum Schwierigsten und Komplexesten, was in deutscher Sprache jemals geschrieben oder gedichtet wurde. Als junger Student mit Anfang 20 hatte Franz Josef Wetz ein Seminar dazu belegt.

»Damals hatte ich das Gefühl, dass keiner etwas verstanden hatte - auch der Dozent nicht«, sagt der 63-Jährige heute, der mittlerweile selbst Dozent ist. Und weil es ihn seither schon immer gereizt hat, den tieferen Sinn der geheimnisumwitterten Verse zu ergründen, hat der in Gießen lebende und in Schwäbisch Gmünd lehrende Philosophie-Professor nun mit seinem neuen Buch »Das Fest der gewöhnlichen Dinge« einen lesenswerten und auch für interessierte Laien zugänglichen »Lesekompass durch Rilkes Duineser Elegien«, so der Untertitel, vorgelegt.

Um es vorwegzunehmen: Das ehrgeizige Vorhaben des Autors muss insgesamt als geglückt bezeichnet werden, weil er sich die einzelnen Elegien in aller Gründlichkeit Absatz für Absatz vornimmt und jeweils ihren philosophischen sowie kultur- und literaturgeschichtlichen Hintergrund allgemeinverständlich beleuchtet. So gesehen stellt das Buch eine wertvolle Hilfe für Studenten, Germanisten und Literaturliebhaber dar.

Die Gelegenheit zur Veröffentlichung scheint günstig gewählt, denn demnächst steht das Werkjubiläum an: Nachdem er zehn Jahre daran gearbeitet hatte, schloss Rilke die »Duineser Elegien«, sein Hauptwerk aus dem Grenzbereich zwischen Philosophie und Literatur, im Februar 1922 ab. Trotz ihrer inzwischen hundertjährigen Geschichte klingen in den zehn Stücken Themen an, die durchaus aktuell sind. Eines wäre zum Beispiel Achtsamkeit. Das Wort selbst taucht zwar nicht auf, aber der Gedanke daran: dass wir nämlich aufmerksamer mit den Dingen unserer Umwelt umgehen sollten.

Rilkes Klagegesänge handeln nicht nur von Tod und Vergänglichkeit, sondern »sind zu einem erheblichen Teil auch Loblieder, welche ihre Leser das Staunen über die sichtbare Welt lehren möchte«, schreibt Wetz. Der Mensch verfüge über die einmalige Gelegenheit, das Wunder der Welt zu bestaunen. Aber entweder seien wir zu dumpf, zu zerstreut, zu oberflächlich oder zu stark verstrickt in die Sorgen des Alltags, dass wir »die sensationelle Gelegenheit, die Dinge zu schauen«, meist verpassten. »Erst nachdem wir wacher gegenüber der Wirklichkeit geworden sind, ist es möglich, unsere Aufmerksamkeit interessenfrei auf die Dinge ringsum zu richten. Die Elegien verwandeln dieses Erwachen in Hymnen, die bunte Facetten der Erde vor den Augen der Leser entfalten.«

»Rilke will das Banale in den Rang des Erhabenen erheben. Insofern ist er antinihilistisch«, so Wetz im Gespräch, der sich nach erfolgreichen Buchtiteln wie »Die Würde des Menschen ist antastbar«, »Die Kunst der Resignation«, »Lob der Untreue« und »Rebellion der Selbstachtung« diesmal einen Ausflug ins Reich der Lyrik erlaubt hat.

Nicht selten werde dem Dichter der Elegien ja der Vorwurf der »schikanösen Verschlüsselung« gemacht: »Das hat er aber bestimmt nicht so gesehen. Es war eben seine Art zu dichten.« In seinen Elegien bleibe er auch ganz diesseitig und drifte nicht ins Religiöse ab: »Rilke hält die Erde ohne den Menschen für unvollständig. Nach ihm braucht uns die Erde als Zeugen. Das ist unser Auftrag.« Oder, um mit Zeilen aus der ersten Elegie zu sprechen:

»Ja, die Frühlinge brauchten dich wohl. Es muteten manche / Sterne dir zu, daß du sie spürtest. Es hob / sich eine Woge heran im Vergangenen, oder / da du vorüberkamst am geöffneten Fenster / gab eine Geige sich hin. Das alles war Auftrag.«

Franz Josef Wetz: Das Fest der gewöhnlichen Dinge. Lesekompass durch Rilkes Duineser Elegien. 230 Seiten. 20 Euro. Alibri Verlag.

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gikult_rilke2_200122_1c © Red

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