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Den Fuß im Auge behalten

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Von: Imme Rieger

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Die Referenten beim 14. Symposium Diabetischer Fuß (v. l.): Meike Häuser-Kloos, Ingo Pfeiffer, Hanna Voytovych, Tina Hoffmann, Karl Förster, Christina Neuhaus und Andreas Breithecker. Foto: Rieger © Rieger

Viele Amputationen sind bei Diabetikern vermeidbar - Das erfuhren die Teilnehmer beim 14. Symposium »Diabetischer Fuß«, zu dem Ärzte und Experten aus Gießen und der Region zusammenkamen.

Gießen. »Fußamputationen vermeiden - warum Netzwerke wichtig sind«, so lautete das Thema beim 14. Symposium Diabetischer Fuß, zu dem das »Fußnetz Mittelhessen« vom Verein »Gesundheit-Prävention-Schulung Mittelhessen« (GPS) ins Bürgerhaus Kleinlinden eingeladen hatte.

Es war 2006 von Ärzten und Experten aus der Region Gießen-Wetterau-Wetzlar-Marburg mit dem ausdrücklichen Ziel gegründet worden, die Amputationsrate von Füßen aufgrund einer Diabeteserkrankung in Mittelhessen um die Hälfte zu senken. Dabei sollen direkter Austausch und persönlicher Kontakt sowie stete Weiterbildungen eine kontinuierliche Qualitätsentwicklung professioneller Strukturen ermöglichen. Beim Fußnetz-Symposium sitzen Ärzte, Fußpfleger, Pflegedienste, Wundmanager und Orthopädieschuhmacher an einem Tisch. Um die 100 Teilnehmer folgten der Einladung.

In diesem Jahr wartete diese jährliche Fortbildungsreihe im Herbst bei ihrer 14. Auflage mit einer kleinen Premiere auf: Die Diabetologinnen Dr. Tina Hoffmann und Christina Neuhaus haben Ende 2021 die Leitung des Fußnetzes von Dr. Cornelia Marck und Privatdozent Dr. Klaus Ehlenz übernommen. Sie moderierten erstmalig das Symposium. Tina Hoffmann ist seit dem 1. Oktober neue Chefärztin der Abteilung Diabetologie und Stoffwechsel im St. Josefs Krankenhaus Balserischer Stift in Gießen, Christina Neuhaus ist Leitende Oberärztin in der Diabetesklinik Bad Nauheim.

Wie immer präsentierte sich das Symposium praxisorientiert. Insbesondere Diabetiker vom Typ II haben ein hohes Risiko für schlecht heilende Wunden am Fuß, die sich zu chronischen Wunden entwickeln können. Im schlimmsten Fall kommt es zur Amputation des Fußes. Es gibt aktuell rund sieben Millionen Diabetiker in Deutschland, die Tendenz ist steigend. Jährlich werden etwa 50 000 Fußamputationen in Deutschland wegen Diabetes vorgenommen, viele davon sind nach Ansicht der Experten vermeidbar. »Ganz wichtig ist es, dass die verschiedenen Fachdisziplinen aus der Diabetologie, Angiologie, Gefäßchirurgie und Fußchirurgie im Netzwerk zusammenarbeiten, um beste Ergebnisse für Patientinnen und Patienten mit einem diabetischem Fußsyndrom zu erzielen«, betonte Tina Hoffmann. Ziel des Netzwerkes ist es, dafür Sorge zu tragen, dass der Patient eine optimale Versorgung erhält, ganz gleich wo die regionale Erstaufnahme stattfindet.

Aufgrund der Zusammenarbeit wird sichergestellt, dass der Patient auf direktem Weg in die für sein Krankheitsbild notwendigen Fachabteilungen gelangt. »So wird dafür gesorgt, dass er jeweils an seinem Wohnort die medizinisch optimale Betreuung aus den verschiedensten Fachbereichen erhält«, betonte die Diabetologin. Darüber hinaus werde durch die Wundversorger, orthopädische Schuhmacher und Podologen die ambulante Weiterbehandlung gesichert. Anhand des realen Fallbeispiels eines 74-jährigen Patienten, der mit einer bis auf die Knochen offenen Fußwunde, einem sogenannten »Steigbügelabszess« am Fußrand ärztliche Hilfe suchte, wurde das Ineinandergreifen der verschiedenen Disziplinen eindrucksvoll veranschaulicht: Dabei erläuterte Christina Neuhaus die Behandlung detailliert aus diabetologischer, Dr. Andreas Breithecker aus radiologischer und Dr. Karl Förster aus fußchirurgischer Sicht. Orthopädie-Schuhmachermeister Ingo Pfeiffer stellte schließlich die Maßschuhversorgung vor.

»Früher hätte man in dem Fall eine Amputation vorgenommen, wir haben das Bein erfolgreich gerettet«, resümierte Dr. Förster. Die Behandlung allein im Krankenhaus dauerte 86 Tage, »für die Klinikabteilung war das hochdefizitär«, räumte er ein. Der Patient hat die Rettung seines Beines sicherlich als Segen empfunden, wenn auch der Weg der Heilung ihm vermutlich sowohl physisch als auch psychisch sehr viel abverlangt hat.

Wie kann es eigentlich sein, dass viele Diabetiker erst dann zum Arzt gehen, wenn die Wunde schon gravierend ist? Es liegt daran, dass sie sehr häufig an Neuropathien an den Füßen leiden, das sind Nervenschäden, deshalb spüren sie Verletzungen dort oft nicht rechtzeitig. Auch ist das Gewebe empfindlicher als bei gesunden Menschen. Ist die Wunde erst einmal bakteriell infiziert, breitet sich die Infektion oft sehr schnell innerhalb weniger Tage aus. Der dringende Appell der Fußnetz-Experten an Patienten, aber auch an Haus- und Fachärzte, Fußpfleger und Pflegedienste lautet deshalb: »Schauen Sie sich die Füße regelmäßig an, das ist ganz wichtig, alle sollten aufmerksam sein.«

Im zweiten Teil der Veranstaltung ging es um »Das doppelte Dilemma - diabetischer Fuß und Ulcus cruris«, dieser Fachausdruck bezeichnet das umgangssprachlich »Offene Bein«. Über Diagnostik und Therapien sprachen Tina Hoffmann, Dr. Pascal Bauer, Dr. Hanna Voytovych und Meike Häuser-Kloos.

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