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Der Aufstieg der Künstlerinnen

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Jo van Nelsen stellte im Netanyasaal Musik von Frauen aus der Zeit der Weimarer Republik vor - abgespielt auf einem Grammofon aus dem Jahr 1929. © Schultz

Gießen. Musikkabarettist Jo van Nelsen war zu Gast beim Literarischen Zentrum Gießen (LZG). Der Frankfurter bezauberte das Publikum im Netanyasaal mit seinem Programm »Bubikopf und Bleistift« über Autorinnen der Weimarer Republik. Seinem Vortrag berührender Texte fügte er feinen Humor und musikalische Beispiele hinzu, abgespielt auf einem Originalgrammofon von 1929.

Van Nelsen, geboren 1968 in Bad Homburg, arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Chansonsänger, Schauspieler, Sprecher und Moderator. Sein aktueller Blick zurück in die 1920er und 30er Jahre widmet sich den schier umwerfenden künstlerischen Explosionen der Zeit ebenso wie den aufkeimenden Umtrieben der Nazis. Denn die kreuzten sich in der ersten deutschen Demokratie bereits unheilvoll mit der herrschenden Frauenfeindlichkeit und der Verblüffung der männlichen Welt über so viel künstlerische Potenz.

Van Nelsen gab gleich zu Beginn ein Beispiel für die Tanzmusik der Zeit - mit einer Schellackplatte, abgespielt auf einem Grammofon von 1929, inklusive Kratzen und Krachen. Der unwiderstehliche Charme der Musik vermittelte sich dabei ganz und gar. Zugleich gaben Filmausschnitte von der damaligen Frisurenmode einen Eindruck der Zeit. Neben dem Bubikopf, Zeichen einer modernen Gesinnung, wellte die Damenwelt abends das Haar mit Brennstab und der »Pixavon«-Tinktur. »Gefallen war wichtig«, sagte van Nelsen, »bei den Herren, aber auch bei anderen Frauen.« Sexuelle Klischees lösten sich gerade auf, erläuterte er in anschaulichen Textbeispielen. Problematisch war die Lohnsituation für Frauen: Ein beinhart schuftendes »Tippfräulein« bekam 30 Mark im Monat, eine Dauerwelle kostete bereits 20 Mark - Männer erhielten um die 200 Mark. Erst 1918 hatten die Frauen das Wahlrecht erhalten.

Härten des Lebens

Hektik und enorme Arbeitsanstrengungen wurden zu einem neuen Phänomen, aber auch beeindruckende kreative Arbeiten. Die erfolgreiche Pianistin Rae de Costa etwa starb schon mit 29 Jahren: »Wohl an Überanstrengung durch das Leben auf der Überholspur«, berichtete van Nelsen.

Auch die Medien blühten auf. 1930 gab es rund 3700 Zeitungen, Buchverlage brachten zahlreiche Autorinnen heraus, und im Showbusiness glänzten freche Sängerinnen wie Claire Waldoff (»Die Männer von heute sind überflüssig«), die auf der Bühne mit emanzipatorischen Texten abräumten (»Ham wir det nötig?«). Die Dichterin Mascha Kaléko, politisch engagiert und jüdischer Abstammung (»Chor der Kriegerwaisen«), und ihre Kollegin Polly Tieck wurden schnell populär. Die Nazis stoppten jedoch nach ihrer Machtübernahme 1933 diese Entwicklung - und auch nach dem Krieg gelang kaum einer Frau ein Comeback im deutschen Literaturbetrieb. Die gewitzte, freche Musik war ebenso ein Genre, das mit den Nazis verschwunden ist.

Van Nelsen las unter anderem Texte von Irmgard Keun, die sich kritisch über die Lebensumstände mokierte und in den Salons »epileptisch verkrampfte Stickbuchstaben« notierte. Gabriele Terget schrieb markante Reportagen aus Berliner Gerichtssälen (»Moabiter Bilderbogen«), während Lili Grün private Szenerien schuf (»Ein Fräulein erwacht in einer fremden Wohnung«) und ihren ersten Roman mit »Alles ist Jazz« betitelte.

Zu den außergewöhnlichen literarischen Qualitäten - Kaléko erinnert an Kästner, andere Autorinnen verströmen minuziös geschilderte Atmosphäre - und dem geradezu greifbaren Eindruck der damaligen künstlerischen Szene, den van Nelsen auch in seiner Moderation vermittelte, kam ein weiterer Vorzug: sein exzellenter Vortrag. Nicht nur trug er sämtliche Texte blitzsauber artikuliert vor. Er verlieh den teilweise autobiografischen Arbeiten einen sorgfältig gestalteten und atmosphärischen Klang - wie ein zeitgenössischer Erzähler. Das passte und vermittelte gewisse subjektive Aspekte aus Ambiente und Zeitgeschichte, etwa die Härten des Lebens der Arbeitslosen. Alles war gewürzt mit reichlich witzigem Material. So sorgte der Gast für einen ebenso unterhaltsamen wie aufklärerischen Abend.

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