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Der Baum nadelt wieder

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Er zählt zur Gründungstruppe der legendären »Neuen Frankfurter Schule«: der Satiriker und Schriftsteller Pit Knorr. © Czernek

Gießen (bcz). Wer allmählich genug von zuckersüß-klebriger Weihnachtsberieselung hat, der war am Sonntag genau richtig bei der Matinee im Kino Traumstern: Dort gaben sich das Trio der »Eiligen drei Könige« alias Frank Wolff (Cello), Ali Neander (Gitarre) und Markus Neumeyer (Klavier) zusammen mit dem Satiriker und Schriftsteller Pit Knorr die Ehre zu einer rundum gelungenen Lesung mit musikalischer Begleitung.

Der Titel der Veranstaltung, »Erna, der Baum nadelt«, war zugleich Programm. Diese 1998 geschriebene Satire auf die schier unglaubliche Erkenntnis, dass ein Weihnachtsbaum sein Grünzeug verlieren kann, hat mittlerweile Kultstatus, wurde schon in etliche Dialekte übertragen und hat bis heute nichts von ihrem Biss und Witz verloren. Unerreicht bleibt es jedoch, wenn es der Autor seinen Text selbst zum Besten gibt.

Mitgründer von »Titanic«

Der 82-jährige Pit Knorr, Mitbegründer der Frankfurter Satirezeitschrift »Titanic« und Texter zahlreicher Klassiker-Gags von Otto Waalkes, trug bissige Satiren aus seinem reichhaltigen Fundus mit viel hinterlistigem Witz im Traumstern vor. Da ging es etwa um Gebrauchsanleitungen für »Seltengänger« in Sachen Kirchgang.

Um Erkenntnisse über die Geburt Jesu, die für alle werdenden Eltern von Bedeutung sein sollten. Oder um Hinweise über die richtige Auswahl der Geschenke zum nahenden Fest. Über das weihnachtliche Treiben lassen sich schon herrlich schräge Geschichten schreiben.

Und selbst wenn die eine oder andere Erzählung im Kino wenig bis nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun hatte, war das nicht weiter von Belang, weil sie so vorzüglich vorgetragen wurden. Knorr brachte seine Pointen auf den Punkt. Das war Ironie vom Feinsten, mit viel Sprachwitz, der ihm genauso viel Vergnügen beim Vorlesen bereitete wie dem Publikum im ausverkauften Saal.

Hinzu kamen die »Eiligen Drei Könige«, die weihnachtliche und manchmal auch weniger weihnachtliche Klänge von Barock bis Rock im Programm hatten. Wolff, Neander und Neumeyer kennen sich schon lange, entsprechend lässig kamen sie daher. Ob Bach (»Erfreue Dich Zion«) oder der zuckersüße Judy-Garland-Song »Over the Rainbow«, alles kam zum richtigen Zeitpunkt und wurde mit hohem Niveau vorgetragen. Die musikalischen Zwischenstücke passen haargenau zu den Texten. So konterte das Trio also nach einer kalorienreichen Geschichte über das Bierholen mit dem Song «I’m fat« von Weird Al Yankovic .

Cellist Wolff, der seinem Instrument erstaunliche Töne und Klänge entlockte, überraschte bei »What a wonderful World« auch mit seiner Stimme, die dem Reibeisen Louis Armstrongs erstaunlich nah kam. Dagegen konnte Wolff mit seinem klaren Tenor nicht ankommen, stand aber immer für einen musikalischen Gag bereit. Während vielseitige Ali Neander, bekannt vor allem als Mitgründer und Gitarrist der Rodgau Monotones, diesmal vor allem für die bluesigen Töne zuständig war.

Das Quartett tourt mit diesem etwas anderen Weihnachtsprogramm schon länger durch die Lande. Und bei ihnen passt der Spruch: Immer wieder gerne, fast so wie bei den Weihnachtsplätzchen. Man freut sich einfach darauf und hofft, dass es sie auch im kommenden Jahr wieder gibt.

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