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Der bestohlene Samariter

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Tatkräftig und zuverlässig: Raffaele Polizza ist auf seinen Motorroller angewiesen. Foto: Schäfer © Schäfer

Raffaele Polizza ist seit Jahren für seine Mitmenschen in der Gießener Nordstadt da, pflegt Kranke, macht Einkäufe, kocht und hört zu. Dafür braucht er seinen Motorroller - und der wurde ihm geklaut.

Gießen. Seinen Mantel zerschnitt Sankt Martin dereinst als Soldat mit einem Schwert und schenkte die Hälfte einem armen Mann, der keine Kleider anhatte. Die alljährlichen Laternenumzüge am Martinstag, dem 11. November, erinnern daran. Genau so ein Samariter lebt in der Nordstadt, der »sein letztes Hemd« für andere hergibt. Und ausgerechnet ihm, der bei seinen Besorgungen für sich in Not befindliche Mitmenschen auf sein »Dienstfahrzeug«, einen kleinen Motorroller, angewiesen ist, wurde dieser gestohlen. Raffaele Polizza aus der Schottstraße im Flussstraßenviertel kann aufgrund seiner schweren Erkrankung nur noch kürzere Strecken gehen und leichte Sachen tragen. Deshalb ist er auf seinen motorisierten Untersatz angewiesen.

»Raffaele ist einer unserer tatkräftigsten und zuverlässigsten Mitarbeiter in der Werkstattkirche. Seine Wohnung und sein nicht zu übersehender besonderer Vorgarten nahe der Ecke zum Schwarzlachweg sind so etwas wie eine kleine Filiale von uns«, erzählen Christoph Geist und Bärbel Weigand, die beiden Macher der Werkstattkirche in der Ederstraße. »Bei mir ist eine Stelle, wo sich jeder ausheulen kann. Ich höre zu und gebe keinen Kommentar«, so Raffaele über sich selbst. Auch gibt es bei ihm immer was zu essen und zu trinken - jedoch keinen Alkohol. Raffaele ist selbst abstinent. Und das, obwohl er jahrzehntelang in der Gastronomie gearbeitet hat.

»Früher«, erzählt Raffaele, »war es ganz furchtbar hier bei uns in den Straßen: Alkoholismus, Schlägereien, Rauschgift. Kinder wurden vom Jugendamt ihren Eltern oder Müttern weggenommen. Ich wohne da ja schon über 20 Jahre und habe das alles mitverfolgt.« Vieles habe ihn traurig gemacht. Besonders die Kinder hätten ihm oft leid getan. Um viele habe er sich gekümmert. Dazu, alle zu retten, reiche es nicht. Jedoch tue er, was er könne. »Für mich ist das selbstverständlich.« Das habe er von klein auf so erlebt und gelernt, zu geben. Das bleibe im Gedächtnis haften. Raffaele ist Sizilianer, und die, sagt er, »haben ein ganz anderes Herz«.

Seinen Freund und Wohnungsnachbarn über ihm, einen an Demenz Erkrankten, hat er fast fünf lange Jahre Tag und Nacht gepflegt. Die letzten drei Jahre konnte er deswegen nicht mehr nach Sizilien fahren, um seine Mutter zu besuchen, was er sonst jedes Jahr getan hatte. Für einen Familienmenschen wie Raffaele ein großes Opfer. »Aber«, sagt Raffaele, »für mich war das selbstverständlich. Wie ich es schon als Kind mitbekommen habe: Wenn jemand krank wird, wird das eben gemacht. Dann kümmert man sich, auch wenn es schwere Arbeit rund um die Uhr ist«. Er habe das gern getan und würde es wieder so machen.

Aber nicht nur um ihn sowie Kinder und Jugendliche hat sich Raffaele gekümmert. »Es gibt viele arme Leute in meiner Umgebung«, weiß er. Kennt mittlerweile so viele Familien- und Einzelschicksale. Ist eigentlich nie allein in seiner Wohnung. Immer sind Menschen da, die etwas brauchen, fast alle auch zum Essen. So kocht Raffaele - einst Gastronom - fast jeden Tag für viele hungrige Leute. Ausnahme ist der Freitag, an dem in der Werkstattkirche Mittagessen bereitet wird. Und da hilft er auch mit.

Warum Raffaele ausgerechnet diese eigenartige Zelt-Gewächshaus-Konstruktion in seinem Vorgarten gebaut hat? Angefangen hatte es mit ein paar Pflanzentöpfen auf der Umfassungsmauer; als eine Art von »Gnadenhof« für Pflanzen, wie er sagt. Als es dann aber zu eng wurde in der Wohnung mit den vielen Leuten, wurden die Pflanzen draußen immer dichter. Es sollten nicht alle sehen, wer zu ihm kommt. Die Besucher sollten anonym bleiben. »Die kamen zum Reden, zum Essen, zum Nichtalleinsein.«

Dabei ist Raffaele nicht weniger arm als die Menschen, um die er sich kümmert. Er bekommt den Hartz-IV-Satz. Was er als Selbstständiger ohne Rentenversicherung für das Alter zurücklegen konnte, musste er, als er nicht mehr arbeitsfähig war, für seinen Lebensunterhalt verwenden. Erst als das aufgebraucht war, bekam er Leistungen der Grundsicherung. Originalton Raffaele: »Ich will mich nicht beschweren. Ich mache das Beste draus.« So ist er, der Sizilianer: Lustig und ernst zugleich, dankbar, selbstlos, immer freundlich, ohne Vorurteile und er hat nicht nur ein »Händchen« für Menschen, sondern auch noch einen »grünen Daumen« für alles, was wächst.

»Die Seele«

Christoph Geist nennt ihn »die »Seele der Nordstadt« und einen der aktivsten Mitmach-Menschen der Werkstattkirche. »Wo es irgendetwas für andere Menschen zu tun gibt, ist ihm kein Weg zu weit und keine Hilfe zu anstrengend.« Er mache Besorgungen und Einkäufe für kranke und behinderte Menschen. Er koche Essen für Hungrige. Und wenn einer keinen Schlafplatz habe, biete er auch noch eine Übernachtung in seiner kleinen Wohnung an. Er höre sich die Sorgen und Nöte von Menschen aus seiner Nachbarschaft, manchmal auch von ganz fremden Leuten an und organisiere Hilfe. »Wir sind so dankbar ob seines Engagements für Menschen in Not«, fügt Weigand hinzu: »Dabei ist er selbst schwer krank und lebt auch nur von Grundsicherung. Er hat keine Möglichkeit, einen neuen, auch nur gebrauchten Roller zu finanzieren. Wir müssen ihm helfen und sammeln Spenden, um ihm ein neues Fahrzeug zu kaufen. Sein großes Engagement, ja sein wichtigster Lebensinhalt, wäre ohne Fahrzeug nicht mehr da.« Weigand hofft, dass es einigen Menschen Wert ist, dafür eine finanzielle Zuwendung zu geben.

Dass der Motorroller, ein »Peugeot Speedfight2 Ultimate Edition«, vorgestern ganz in der Nähe in einem Gebüsch aufgefunden wurde, klingt erst einmal gut. Allerdings wurden die wertvollsten Teile wie Motor und dergleichen ausgebaut. So ist zu befürchten, dass eine Reparatur des ausgeschlachteten Kraftrades teurer sein wird, als ein gebrauchtes Ersatzfahrzeug zu kaufen.

Spenden erbittet die Werkstattkirche auf das Spendenkonto der Jugendwerkstatt Gießen gGmbH Volksbank Mittelhessen IBAN: DE94 5139 0000 0038 6099 12 Verwendungszweck: »Motorroller«.

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