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Der Klang der Elemente

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Hatte für seinen ersten Konzertauftritt nach langer Zeit ein anspruchsvolles Programm zusammengestellt: der Gießener Chor Cantamus unter der Leitung von Axel Pfeiffer. Foto: Hahn-Grimm © Hahn-Grimm

Der erste öffentliche Auftritt des Gießener Chors Cantamus nach zweieinhalb Jahren Corona-Pause ist geglückt - und das mit einem anspruchsvollen Programm.

Lich. Sie singen wieder. 36 Sängerinnen und Sänger des Gießener Chores Cantamus unter der Leitung von Axel Pfeiffer sind am Sonntag zu ihrem ersten Konzert nach zweieinhalbjähriger Coronapause in der Öffentlichkeit aufgetreten. Für dieses Konzert wählten die Sänger einen ganz besonderen Ort: Die Kirchenruine in Kloster Arnsburg. Auch die Themenwahl ließ aufhorchen: »Naturgewalten - Klang der Elemente«. Die Ruine war bis auf den letzte Platz besetzt.

Zum Auftakt gab es zwei zeitgenössische Lieder: den »Earth Song« von Frank Ticheli (Jahrgang 1958) und « Power of Nature« von Alwin Schronen (1956), letzterer sogar achtstimmig. Der Chor meisterte die anspruchsvollen, modernen Passagen klangrein. Zum besseren Verständnis des Publikums traten zwei Chormitglieder als Moderatoren hervor, Martin Petrick und Linnéa Peppler. Sie erzählten im Verlauf des Konzertnachmittags Wissenswertes zum Hintergrund der einzelnen Lieder und wiesen auf die nicht ganz einfachen Probenarbeiten während der Epidemie hin. Das Üben im Online-Modus habe viele vor besondere Herausforderungen gestellt. »Es war ein harter Weg«, stellte auch Chorleiter Axel Pfeiffer fest.

In den vergangenen Jahren sind im Chor 15 neue Sängerinnen und Sänger dazu gekommen, bei einem Chor von aktuell 36 Mitgliedern also eine ganze Menge. Dabei reichte die Spanne vom 21-jährigen Studenten bis zum Uni-Professor.

Auf der Bühne folgten Lieder aus der Zeit der Romantik, »Ungewitter« von Robert Schumann sowie zwei Kompositionen des Briten Edward Elgar, überschrieben mit »The Shower« und »The Foundation«. Bei letzteren Songs war dank des deutlichen Ausdrucks des Ensembles das plätschernde Spiel der Wassertropfen herauszuhören.

Doch die Beschreibung der Natur kann auch ein Ausdruck menschlicher Befindlichkeiten sein, so bei dem traurigen Lied »Ungewitter« von Robert Schumann. Die Natur als Idylle, in der die Welt noch heil ist, ein Ort, wo man alle Sorgen vergessen kann, auch dieses Motiv ist in der Musikliteratur vielfach zu finden. Cantamus stellte hierzu ein Lied von Felix Mendelssohn-Bartholdy vor: »Im Grünen«. Die klaren Stimmen im Sopran, die melodiöse Begleitung durch den Alt, die hohen Männerstimmen im Tenor und das tiefe Fundament im Bass, so ist der viersätzige Chorgesang aufgebaut und dieses kompositorische Prinzip ist bei Cantamus immer transparent nachzuverfolgen, erst recht im kleinen Ensemble wie bei diesem Lied.

Auch bei weiteren Beiträgen waren Variationen angesagt. Bei »Komm Trost der Welt« von Wilhelm Nagel (1871 - 1958) war ein reiner Männerchor zu hören, voluminös und ausdrucksstark hallten die tiefen Stimmen durch das Gemäuer und bewiesen, dass reine Männerchöre in der heutigen Zeit keinesfalls überholt sind.

Anspruchsvolles Programm

Im Anschluss daran, gewissermaßen als Kontrastprogramm, folgte ein reiner Frauenchor. Sie brachten das romantische »Tag und Nacht« von Arnold Mendelssohn (1855 - 1933) zu Gehör und erhielten für ihren klangreinen Vortrag auch in höchsten Tonlagen viel Applaus. Am schwierigsten einzustudieren war für den Chor sicherlich »The Tyger« von Franz Herzog: es ist extrem vielstimmig (bis zu acht Stimmen) und hat hohe Unterschiede bei den Lautstärken: Pianissimo wechselt sich mit Fortissimo ab. Neben den Dynamiken ist es teils sehr dissonant, was dem Chor Mut abfordert, um das gewünschte Klangbild zu erzeugen. Bemerkenswert war auch das von Alwin Schronen eigens für Cantamus komponierte Lied »Am Strande« nach einem Text von Rainer Maria Rilke.

Hohe Musikalität und Fokussiertheit auf die Chorliteratur machen die Qualität von Cantamus aus. Hinzu kommt, dass Chorleiter Axel Pfeiffer hohe Ansprüche stellt, was Klangreinheit, Zusammenhalt der Stimmen und Auftrittssicherheit betrifft. Die einheitliche schwarze Kleidung vor dunklen Klostermauern sorgten für einen festlichen Eindruck.

Manchmal hätte man sich etwas mehr Lockerheit gewünscht. Zwei, drei bekanntere Lieder hätten ebenfalls das Publikum erfreut. Aber es war nun einmal ein nicht ganz leichtgewichtiges Programm mit vielen Beiträgen aus der zeitgenössischen Literatur. Auch mit dem inhaltlichen Thema über die Kräfte der Natur hat sich der Chor keine leichte Aufgabe gestellt.

So zeigte sich, dass der Chor die lange Unterbrechung gut überstanden hat und bald wieder sein ursprüngliches Niveau erreicht haben wird. Das Publikum jedenfalls war froh, wieder ein Konzert mit dem Chor besuchen zu dürfen und spendete lang anhaltenden Beifall. Auch für den Freundeskreis Kloster Arnsburg, der es ermöglicht hatte, dass der Auftritt an diesem reizvollen Ort stattfinden konnte.

Cantamus ist für den 15. Hessischer Chorwettbewerb vom 11. bis 13. November in der Landesmusikakademie Hessen in Schlitz angemeldet. Ziel des Gießener Ensembles ist es, den Titel zu verteidigen: Cantamus hat 2013 die Kategorie »A.2 Gemischte Chöre ab 32 Mitwirkende« beim Hessischen Chorwettbewerb gewonnen. (uhg)

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