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Der Klassen-Sprecher an der CBES

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In Lollar las Christian Baron aus seinem viel diskutierten Erinnerungsbuch »Ein Kind seiner Klasse«. © Hans Scherhaufer

Christian Baron hat mit »Ein Mann seiner Klasse« eine liebevolle, wie schonungslose Aufarbeitung einer Kindheit in der Unterschicht vorgelegt. Den autobiografischen Roman stellte er nun in Lollar vor.

Lollar. Es gibt Bücher, die treffen einen Nerv mit der Präzision eines sadistischen Zahnarztes. Christian Barons vor zwei Jahren erschienene, ebenso liebevolle wie schonungslose Aufarbeitung einer Kindheit in der Unterschicht »Ein Mann seiner Klasse« ist so ein Buch. Am Freitag stellte der 36-Jährige den autobiografischen Roman in der Stadt- und Schulmediothek der Clemens-Brentano-Europa-Schule Lollar vor.

Wie Didier Eribon mit »Rückkehr nach Reims« in Frankreich legt Baron auf dieser Seite des Rheins den Finger in die klaffende (aber seltsamerweise nicht allzu schmerzhafte) Wunde der politischen Linken, nämlich den Verlust ihrer Kernklientel, der Arbeiterklasse.

Wobei, Klasse, ist das nicht ein Begriff aus dem Vokabular des 20. Jahrhunderts, den heutzutage nur noch alte weiße Milliardäre wie Warren Buffett (»Es herrscht Klassenkampf, meine Klasse gewinnt«) in den Mund nehmen? Den »Urmythos der BRD«, dass wir in einer nivellierten Mittelschichtgesellschaft statt in einer Klassengesellschaft leben, hält Baron für »ideologische Verblendung.« Er hat ihn erlebt, den täglichen Kampf der Mittelklasse gegen die Unterschicht, das ständige Wassertreten nach denen ganz unten, zu denen man auf keinen Fall abrutschen will.

Dort, wo Christian Baron aufgewachsen ist, kann man kaum noch tiefer rutschen und dort ist kein Platz für noch so bescheidene kleinbürgerliche Träume. Polizist hat der Vater werden wollen. Am Ende langte es dann doch nur zum Möbelpacker. Das Gewaltmonopol ausüben kann der seinen Frust im Alkohol ertränkende Pfälzer nur an den eigenen Kindern. »Dei Arsch hat Kirmes« geht ihm leichter über die Lippen als »Ich hab dich lieb«. Das sei ein »Frauensatz«, ergo nichts für echte Kerle mit Proletenstolz; ein Stolz der verhindert, dass der »Working Poor« für sich und seine sechsköpfige Familie die Sozialhilfe in Anspruch nimmt, die ihr eigentlich zustehen würde. Egal wie tief unten man ist, es gibt immer noch einen, der unter einem steht. Und ein Sozialhilfeempfänger wollte sein Vater nie sein und hat es lieber vorgezogen, sich buchstäblich zu Tode zu schuften. »Ein Recht aber, das beschämt, ist kein verwirklichtes Recht«, so Baron.

»Ein Kind seiner Klasse« mit seiner Schilderung eines Deutschlands, in dem gehungert wird und Kinder von mitfühlenden Lehrern heimlich die Pullover geschenkt bekommen, die die eigene Mutter nicht kaufen kann, hätte ein bitteres Buch, eine Abrechnung sein können. Es ist aber vor allem die Geschichte einer Selbstermächtigung, ermöglicht durch Hilfe. Hilfe von engagierten Lehrern, einem Staat, der auf Integration statt Segregation setzt(e) und eine Mutter, die den Samen ihrer unerfüllten Träume ins Herz des Sohnes pflanzte. »Wichtig ist, dass du stolz bist, auf das, was du bist und was du machst, dann bin ich auch stolz auf dich«, gibt sie ihm mit auf den Weg.

Das Buch ist vor allem ein Requiem für diese Mutter, die heimlich Gedichte schrieb, es ist keine Abrechnung mit dem Vater, dem der Autor nur im Buch und nicht im richtigen Leben verzeihen konnte, dem er aber auch die Gerechtigkeit widerfahren lässt, seltene Momente nicht zu unterschlagen, in denen er ihm ein Vater war.

Baron hat es geschafft, seinem Milieu zu entkommen, was immer auch ein bitterer Triumph ist, weil mit dem Verlust von Heimat und mit Entwurzelung verbunden. »Du hältst dich doch für etwas Besseres« rufen ihm die nach, die bei seinem Aufstieg zum Buchautor und Kulturredakteur zurückbleiben. Baron hat sich solche Sätze zu Herzen genommen, nicht vergessen, wo er herkommt und im Gegensatz zu dem Sohn einer alleinerziehenden Putzfrau, der seinesgleichen später als Kanzler die Hartz-Regeln einbrockte, die Bodenhaftung behalten. Er weiß, »es braucht immer wieder Menschen in einem auf Ungerechtigkeit angelegten System, die Schranken öffnen und Wege zeigen« und »Ich hätte kein Abitur machen können, wenn es nicht die Gesamtschule gegeben hätte.« Christian Baron hat auch nicht vergessen, dass in einem Land, in dem 83 Prozent der Menschen dem irrigen Glauben anhängen, dass jeder seines Glückes Schmied ist und es aber schon immer besser war, reich zu sein, als begabt, er die Ausnahme von der Regel ist. Einer gewollten Regel, denn: »Wer 100 Milliarden in die Aufrüstung steckt, der kann sich auch ein vernünftiges Schulsystem leisten«, wenn er’s denn will.

Dass »Ein Kind seiner Klasse« nicht nur gut geschrieben, sondern auch gut lesbar ist, haben wir übrigens Barons älterem Bruder zu verdanken. Der habe ihm nämlich die obligatorischen Bourdieu-Zitate wieder rausgestrichen, weil: »Du net unbedingt zeige musst, wie schlau de bist.«

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