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Der Literaturscout lag wieder richtig

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Ben Daniel Jöhnk las unter anderem Texte von Italo Calvino, Jörg Fauser und Raymond Carver. © Schultz

Gießen. Manches, das lange schmerzlich vermisst wurde, kehrt nun wieder zurück, darunter auch die Reihe »Stories, Wein, Musik« des Gießeners Christoph Jilo. Rund 60 Zuhörer hatten sich am Dienstagabend im »Who Killed The Pig« eingefunden, um einer neuen Folge des hochwertigen Literatur-Musik-Gemischs zu lauschen. Die Erwartungen wurden aufs Schönste erfüllt.

»Wie schön, dass wir uns auch wieder in so großer Zahl treffen können,« freute sich Veranstalter Jilo mit Blick auf die überwiegend maskenlosen Besucher. Auch diesmal hatte er wieder einen Cocktail süffiger Literatur zusammengestellt, die die Spanne von im besten Sinne merkwürdig, humorvoll bis elegant ausfüllte.

Zunächst gab es aber Musik von Eva Schäfer (Gesang) und Benjamin Schäfer (Gitarre). Das Duo servierte eine professionelle Mischung aus Popsongs, die mit mühelos scheinender Leichtigkeit für sich einnahmen. Schäfer verzichtete auf überflüssige Verzierungen, sondern bot einfach nur richtig guten Gesang. Ihr Mann übte sich derweil in konstruktiver Zurückhaltung. So hätte das Duo ein ganzes Kirchenschiff füllen können, ebenso wie es die intime Situation für sich zu nutzen wusste. Im Programm hatten sie Curtis Mayfields Klassiker »People get ready«, später eine maßvoll leidenschaftliche Fassung von Leonard Cohens »Hallelujah« - es war eine fast kammermusikalisch abgestimmte Performance, exzellent.

Als Vorleser hatte Christoph Jilo erneut den in der Reihe mehrfach bewährten Ben Daniel Jöhnk engagiert. Der Schauspieler und Sprecher spielt an vielen namhaften deutschsprachigen Bühnen, darunter sind das Schauspielhaus und Thalia-Theater Hamburg, das Schauspiel Frankfurt und das Staatsschauspiel Düsseldorf. Jöhnk machte schon den Auftakt mit Italo Calvinos »Die Paarung der Schildkröten« zu einem vielschichtigen Vorlesevergnügen. Für die beteiligten Reptilien war es eher mühsam, was Calvino beobachtete, ein kleines bisschen Schadenfreude klang mit - alles ging ja so langsam. Doch die Tiere kennen schließlich kein anderes Tempo als das gemächliche, und in dem offenbarte sich dann manche Nuance, die der Autor sanft humorvoll ausmalte.

Mit Raymond Carvers »Nachbarn« lernte man eine äußerst kunstvolle Verschmelzung diverser erzählerischer Ebenen kennen, als ein Ehepaar die Nachbarswohnung samt Katze hütet. Besonders daran waren die merkwürdigen Verhaltensweisen und Gelüste, die plötzlich auftraten: der Mann zieht ein Kleid an, seine Frau interessiert sich für die Schubladen. So bietet Carver direkter Blick in die menschliche Seele.

Zwischen die Stories waren einige Gedichte von Robert Gernhardt zu hören, etwa sein köstliches Couplet mit dem Kernsatz »Für Geilheit gibt’s keinen Ersatz«.

In Jörg Fausers »Requiem für einen Goldfisch« schaut der Protagonist auch in die Seelen der Figuren, während er eigentlich im Arbeitsamt einen Job sucht. Virtuos blendet Fauser die verschiedenen Ebenen ineinander - ein Irrer hält eine demente Rede, die Königin von Saba tritt in einem Stehausschank auf, und zwei Sachbearbeiterinnen haben auch einen an der Waffel. So entsteht eine witzige, hochgenaue Jonglage mit Gefühlen, die zum Wegträumen verführt. Christoph Jilo erwies sich hier einmal mehr als versierter Literaturscout, man möchte diese Texte spontan alle nochmal nachlesen.

Höhepunkt und längster Beitrag des Abends war dann Richard Yates‹ »Ein genesendes Selbstbewusstsein«, in dem ein Rekonvaleszent sich vorstellt, wie eine alltägliche Ehesituation wegen eines Missgeschicks eskalieren wird, wie er sich herausreden muss, und wie er das Ganze vermeiden könnte. Das Stück bietet blühende Autorenfantasie und eine wunderbar verblüffende Wende - der Autor spielt virtuos auf der Klaviatur psychischer Zustände. Ebenso kompetent, engagiert und konzentriert las Jöhnk an diesem Abend. Er sorgte für diverse Stimmungsebenen und zog das Publikum im Nu auf seine Seite. So vorgelesen zu bekommen ist einfach eine Wohltat.

Der nächste Termin der Reihe ist am 31. Mai um 19.30 Uhr geplant, wieder im »Who Killed The Pig«. Eine frühe Kartenreservierung wird empfohlen.

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