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Der mühsame Weg in die Entgiftung

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Wenn die Gedanken immer öfter nur noch ums nächste Glas Alkohol kreisen, wird es Zeit, sich Hilfe zu suchen. Symbolfoto: dpa © Red

Früh konsumiert ein heute 30-Jähriger Gießener Alkohol und gerät mit 14 Jahren an THC. Nach 15 Jahren schafft er den Absprung.

Gießen. Alkohol ist bloß der frühe Anfang. Schon im Alter von 14 Jahren konsumiert der Gießener THC. »Irgendwann waren es dann plötzlich allerlei verschiedene ›Party-Drogen‹ und Medikamente. Alles, was es so gab, alles, was so ging. Dass ich abhängig sein könnte, kam mir nicht in den Sinn«, blickt der heute 30-Jährige, der anonym bleiben möchte, aus Anlass der »Aktionswoche Alkohol 2022« auf seine »Suchtmittelkarriere« zurück. Mittlerweile lebt der Gießener substanzfrei, nicht zuletzt dank der Unterstützung der Fachstelle für Suchthilfe der Diakonie Gießen. »Reine Alkoholprobleme gibt es kaum noch. Jugendliche im Alter um die 14 Jahre probieren alles Mögliche wie Tabak oder THC«, sagt Bereichsleiter Winfried Sell im Gespräch mit dem Anzeiger.

»Süchtig waren die anderen«

Es dauerte nicht lange, bis der Gießener mit heftigen Problemen konfrontiert war. »Klick« macht es allerdings nicht sofort. »Mein Leben und mein Alltag gestalteten sich anders als ich mir das wünschte, aber das konnte ja wegen vieler Gründe sein und hatte sicherlich nichts mit mir zu tun. Ich könne jederzeit aufhören, wenn ich es wolle, nur wollte ich eben jetzt noch nicht. Süchtig waren die anderen - jene, denen man ansieht, dass sie die Kontrolle über ihr Leben verloren hatten. Dass mein Denken, Fühlen und Handeln schon lange durch die Substanzen bestimmt war, wollte mir so gar nicht in den Sinn kommen.«

Eine Suchterkrankung entwickele sich schleichend über einen längeren Zeitraum hinweg, informiert die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen in einer Mitteilung zur Aktionswoche. »Wer auf Alkohol nicht mehr verzichten kann oder bemerkt, dass die Gedanken häufig um das nächste Glas kreisen, sollte sich beraten lassen. Hilfe finden Menschen mit problematischem Alkoholkonsum bei Suchtberatungsstellen oder einem Arzt ihres Vertrauens«, erklärt die Hauptstelle. In Deutschland werde überdurchschnittlich viel Alkohol konsumiert, informiert auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. »Mit umgerechnet 10,8 Litern Reinalkohol lag der bundesweite jährliche Pro-Kopf-Konsum der Bevölkerung ab 15 Jahren 2019 deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Etwa 1,4 Millionen Menschen im Alter von 18 bis 64 Jahren trinken missbräuchlich und etwa 1,6 Millionen gelten als alkoholabhängig. Jährlich sind rund 20 000 Todesfälle bundesweit auf hohen Alkoholkonsum zurückzuführen«, berichtet die Bundeszentrale.

Der Gießener erzählt: »Irgendwann ließ sich die Fassade nicht mehr aufrechthalten, persönliche Schicksalsschläge und allgemeine Überforderung in Kombination mit Unzufriedenheit sorgten dafür, dass ich den ersten wichtigen Schritt in Richtung suchtmittelfreies Leben machte und mich zur Entgiftung in der Vitos-Klinik einfand.«

»Chaos, Trauer, Verzweiflung«

Chaos, Trauer, Verzweiflung, Ambivalenz, Durcheinander seien gute Attribute, um den Aufenthalt in den ersten Tagen der Entgiftung zu beschreiben. Das Team der Station habe sich viel Mühe gegeben, könne aber den riesigen emotionalen Bedarf der Patienten nicht auffangen. In diesem Kontext habe er die Fachstelle der Diakonie kennengelernt, blickt der 30-Jährige zurück. Sie organisiere »regelmäßig freitags eine Infoveranstaltung auf der Station 6 der Vitos-Klinik Gießen. Interessierten werden die verschiedenen Möglichkeiten der Rehabilitation und die Suchthilfestrukturen in Gießen nähergebracht. Zudem besteht die Chance, über die eigene Situation in ein persönliches Gespräch zu gehen, was ich als sehr hilfreich und unterstützend erlebt haben.«

Da er die Station nicht einfach habe verlassen können, sei ein Besuch der Gießener Selbsthilfegruppen eine willkommene Abwechslung gewesen. »Es gibt ein Lotsenprojekt, bei dem ehrenamtliche Suchtkrankenhelfer die Patienten zur Gruppe abholen und im Anschluss wieder in die Klinik bringen. In der Diakonie gibt es von montags bis freitags, immer abends, verschiedene Info- und Motivationsgruppen, in denen Betroffene und Angehörige sich austauschen und ihre Erfahrungen teilen können«, so der 30-Jährige. Die Gruppe habe ihm sehr geholfen und die Entscheidung für ein drogenfreies Leben bestärkt. »Meiner Gruppe bin ich bis heute treu geblieben, es haben sich sogar Freundschaften entwickelt.«

Nach mehr als vier Wochen Entgiftung stand für den Gießener eine 15-wöchige Reha an. Sie habe ihm gutgetan, dennoch »hat man Angst vor der Zeit danach, wenn man wieder, nach der berühmten ›Käseglocke‹, auf sich alleine gestellt mit dem Alltag zu Hause konfrontiert wird.« Weitere professionelle Unterstützung im Alltag sei hilfreich gewesen, um die erreichten Veränderungen weiter zu festigen. »Die Gruppen- und Einzelgespräche bei Herrn Sell haben mir sehr geholfen, Probleme selbstständig zu lösen, neue Perspektiven zu entwickeln und an diesen zu arbeiten.«

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