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Der Einbruch des Totalitären: Hier eine der Bücherverbrennungen im März 1933, als zahlreiche deutsche Schriftsteller bereits um ihr Leben fürchten mussten.

Lesung in Lich

Der plötzliche Einbruch der Gewalt

Der Literaturkritiker und Publizist Uwe Wittstock stellt sein virtuoses Buch »Februar 33« am 23. Februar in der Licher Bezalel Synagoge vor.

Lich. Bertolt Brecht hatte es geschafft. Gerade noch rechtzeitig konnte er sich im März 1933 vor den neuen deutschen Machthabern in Sicherheit bringen. Zusammen mit seiner Ehefrau Helene Weigel war er aus Berlin nach Wien geflohen. Doch gelang es dem Paar nicht mehr rechtzeitig, seine zweieinhalbjährige Tochter Barbara mit ins Exil zu nehmen. Das Mädchen befand sich noch in Obhut des Kindermädchens in Brechts Heimatstadt Augsburg. So musste der 35-Jährige fürchten, es würde von den Nazis als Faustpfand benutzt, um seine Rückkehr zu erpressen. Er schickte daher eine englische Bekannte los, die das Kleinkind heimlich über die Grenze bringen sollte, mit dem Pass eines vierjährigen Jungen.

Passagen wie diese lesen sich wie ein Krimi - der Journalist, Literaturkritiker und Autor Uwe Wittstock hat für sein großartiges neues Buch »Februar 1933« Dutzende davon zusammengetragen. Am Mittwoch, 23. Februar, (19 Uhr) stellt er dieses so erschreckende wie berührende Geschichtsmosaik in der Licher Bezalel Synagoge vor. Darin konzentriert sich Wittstock auf den »Monat, in dem sich alles entschied«, wie es gleich zu Beginn heißt. Die zeitliche Spanne reicht vom Vorabend der Reichstagswahl am 30. Januar und Hitlers Ernennung zum Reichskanzler über die letzten freien Wahlen am 5. März bis zum 15. März, als Deutschland bereits ein anderes Land war - und unzählige Schriftsteller und Journalisten ihr nacktes Leben retten mussten.

Wittstock wendet dabei ein literarisches Verfahren an, mit dem bereits sein Schriftstellerkollege Florian Illies vor einigen Jahren in »1913« einen Bestseller landen konnte. Er wirft anhand des knappen zeitlichen Ausschnitts und der chronologischen Aneinanderreihung kurzer und kürzester Kapitel einen verdichteten Blick auf einen Epochenwechsel. Und er zeigt, in welch rasender Geschwindigkeit sich dieses Drama vollzog. Dabei gelingt es ihm nicht nur, die Ereignisse dieser Tage auf packende Weise zu verdeutlichen. Er kommt auch den zahlreichen berühmten Schriftstellern auf persönliche Weise nah.

Sichtbar wird dabei zugleich noch einmal, welch einzigartige Blüte deutschsprachiger Literatur die im Februar 1933 zu Ende gehende Weimarer Republik hervorgebracht hat. Heinrich und Thomas Mann, Alfred Döblin und Hans Fallada, Joseph Roth und Stefan Zweig, Ricarda Huch und Else Lasker-Schüler, Oskar Maria Graf und Erich Maria Remarque hinterlassen neben vielen weiteren Meistern des Wortes in dem Buch ihre prägnanten Spuren.

Die meisten von ihnen wurden von der radikalen Verwandlung der demokratischen Republik in ein totalitäres System vollkommen überrumpelt. Bezeichnend dafür ist der sich durch das gesamte Buch ziehende Konflikt um die in Berlin angesiedelte Sektion für Dichtkunst in der Preußischen Akademie der Künste. Dort traten am 15. Februar die Vorsitzenden Heinrich Mann und Käthe Kollwitz zurück, um die drohende Auflösung der Institution zu verhindern. Und während die verbliebenen Mitglieder wie der assimilierte Jude Döblin in den folgenden Tagen um Satzungen und Protestnoten rangen, schafften Hitler, Propagandaminister Goebbels und Konsorten längst Fakten. Der wohlhabende Heinrich Mann musste nur wenige Tage später klammheimlich über die deutsch-französische Grenze fliehen - mit einem einzigen Koffer und einem Regenschirm als Gepäck. Sein Bruder Thomas wurde im Urlaubsdomizil in der Schweiz von den Kindern Erika und Klaus am Telefon gewarnt, bloß nicht in ihr Haus nach München zurückzukehren. Doch erst eine weitere Warnung des Hausmeisters konnte ihn überzeugen. Die oppositionellen Publizisten Carl von Ossietzky und Erich Mühsam hingegen bezahlten ihre Weigerung, Nazi-Deutschland zu verlassen, mit dem Leben. Sie wurden im März 1933 festgenommen und in Haft grausam misshandelt. Mühsam starb 1934 im KZ Oranienburg, Ossietzky 1938 in Berlin.

Andere wie Erich Kästner und Ricarda Huch zogen sich in die innere Emigration zurück. Verzweifelte Exilanten wie Stefan Zweig und Ernst Toller begingen in der Fremde Selbstmord. Und dann war da noch der Berliner Arzt und Dichter Gottfried Benn, der als einer der ganz wenigen ernstzunehmenden Künstler mit Hitler auf einen geschichtlichen Umbruch setzte, für den auch menschliche Opfer in Kauf zu nehmen seien.

Diese Opfer gab es allerdings schon im Februar 33 täglich auf den Straßen der Republik zu verzeichnen. Uwe Wittstock schiebt immer wieder kurze nachrichtliche Passagen ein, in denen von Anschlägen berichtet wird. Vor allem Kommunisten, aber auch manche Straßentrupp-Mitglieder der Nazis fielen den brutalen Kämpfen zum Opfer, während die meisten Schriftsteller noch immer davon ausgingen, dass der »Nazi-Spuk« schon in wenigen Monaten beendet sei.

Eine seltene Ausnahme war Lion Feuchtwanger der die kommende Tragödie früh erkannte und im amerikanischen Exil befand: »Hitler heißt Krieg«. Für die meisten anderen deutschen Intellektuellen hingegen war die totalitäre Überwältigung der Demokratie einfach zu schnell gekommen.

Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur. 288 Seiten. 24 Euro. C.H. Beck.

Uwe Wittstock stellt sein neues Buch »Februar 33 - der Winter der Literatur« am Mittwoch, 23. Februar, um 19 Uhr in der Bezalel Synagoge in Lich vor. Die Veranstaltung aus der Reihe »Leseland Gießen« wird in Kooperation mit dem Verein KünstLich durchgeführt. Tickets zum Preis von 12 (9) Euro sind über die Internetseite des Vereins erhältlich: http://kuenstlich-ev.de/. (red)

Uwe Wittstock

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