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Der Puls schlägt wieder höher

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Dennis Bahl und sein Team arbeiten an den letzten Vorbereitungen für den Gießener Kultursommer. Von Schlager über Pop und Rap bis Hardrock ist alles dabei. Es gibt mehr Gastspiele als je zuvor.

Gießen. Vor ein paar Tagen wurde Dennis Bahl, langjähriger Veranstalter des Gießener Kultursommers, beim Einkaufen in der Stadt von einem Einzelhändler erkannt. Der freute sich über die Begegnung, hatte er doch schon vor langer Zeit Tickets für Sido erstanden. Doch dann entbrannte an der Ladentheke eine Diskussion über den richtigen Auftrittstag des Berliner Rappers auf dem Schiffenberg. Denn der Verkäufer »nannte mir das einzige Datum in diesen zwei Wochen, an dem keines der Konzerte stattfindet«, erzählt Bahl lachend. »Und das wusste ich nun wirklich ganz genau.« Sein Rat an alle Besucher lautet daher: »Unbedingt nochmal aufs Ticket schauen!«

Der Irrtum des Fans entstand - natürlich - wegen Corona und der damit zusammenhängenden Verschiebungen, die sich durch die Festival-Absagen der vergangenen beiden Jahre ergeben haben. So sind anstatt der üblichen 12 diesmal innerhalb von 16 Tagen 15 Konzerte mit namhaften Bands und Solisten aller musikalischen Genres vor der prächtigen Basilika-Kulisse zu erleben: von Schlager über Pop und Rap bis Hardrock. Es sind damit mehr Gastspiele als je zuvor, was dem Gießener Unternehmen zum einen die Möglichkeit gibt, die durch Corona entstandenen enormen Einnahmenverluste der vergangenen beiden Jahre zumindest teilweise wieder aufzufangen. Zugleich ist das umfangreiche Programm allerdings mit jeder Menge Vorbereitungsstress verbunden. »Die Zeiten sind komplett verrückt«, meint Bahl beim Gespräch am (noch weitgehend stillen) Ort des baldigen Konzertgeschehens.

»Aktuell eine extreme Situation«

Die aktuelle Situation für Veranstalter musikalischer Großereignisse wie diesem beschreibt er als »extreme Mischung« aus großem Angebot an Künstlern, zögerlichem Kaufverhalten des Publikums und Verlust an Personal, das in andere Branchen abgewandert ist - bei gleichzeitiger Kostenexplosion auf allen Ebenen. »Wir sind da an einer Grenze angelangt, an der es fast keinen Spaß mehr macht.«

Glücklicherweise habe sich sein Team rechtzeitig um ausreichend Mitarbeiter gekümmert. »Wir sind da gut aufgestellt«. Am bekannten Angebot und Service auf dem Gießener Hausberg soll es also auch bei dieser Ausgabe des Kultursommers nicht hapern. Zu tun gibt es für sein Team aber auch in diesen Tagen der letzten Vorbereitungen mehr als genug: Sicherheitskonzepte, Verkehrskonzepte, Hygienekonzepte, Gespräche mit der Stadtverwaltung. Hinzu kommen Geländeplanung, Materialbeschaffung, Bauzäune bestellen, Ton und Licht einrichten: Bei dieser stakkatoartig vorgetragenen Aufzählung kann einem schon schwindlig werden.

Und dann sind da noch die technischen Besprechungen der täglichen Abläufe. Wann können welche Bühnenbauer das Material ihres Künstlers auf den Schiffenberg bringen, wenn zugleich das Equipment vom Vortrag abtransportiert werden muss? Das wird mit den Teams der jeweiligen Musiker besprochen - und die sind natürlich gerade fast alle unterwegs auf Tour. »Da musst du die richtigen Slots abpassen, um die Show durchzusprechen«, berichtet Bahl.

So erklärt sich, dass »gerade alle einen maximalen Puls haben« und der Stresslevel enorm sei. Schließlich müsste sein Konzertbüro nach zwei Jahren mit quasi null Herausforderung aus dem Stand heraus ein Mammutprogramm stemmen. »Das geht an die Substanz«, gesteht Bahl. Und dennoch: »Ich freue mich total auf die Veranstaltungen.

Allerdings müsse nun auch wieder »Überzeugungsarbeit bei den Besuchern« geleistet werden. Denn in den mehr als zwei Jahren ohne musikalische Großereignisse scheinen viele Zuschauer noch nicht bereit, wieder auf Veranstaltungen zu gehen. Andere warteten wegen der noch immer hohen Infektionszahlen bis kurz vor dem Konzerttermin, ob sie sich für den Kauf eines Tickets entscheiden. Doch das sorge für mangelnde Planungssicherheit für die Veranstalter - »und so können wir nicht arbeiten«.

Karten werden künftig teurer

Bahl betont, dass sich auf dem Schiffenberg niemand wegen einer Ansteckung ängstigen müsse. »Ich bin zu 99,9 Prozent davon überzeugt, dass wir hier im Open-Air-Bereich keinen großen Gefahren ausgesetzt sind und alles wie geplant stattfinden kann«. Zudem lassen sich Ticketversicherungen abschließen: »Wer sich ansteckt oder krank wird, bekommt sein Geld zurück.« Dasselbe gelte natürlich für den Fall, dass ein Künstler absagen muss. Und noch ein Argument führt der Profi für den Kauf von Konzertkarten ins Feld: Sie werden künftig teurer. »30, 40 Prozent erwartet die Branche« angesichts von hoher Inflation und steigenden Rohstoffpreisen.

Noch einmal die Werbetrommel für die Auftritte der Stars zu rühren, ist das eine. Wobei der Verkauf zuletzt merklich angezogen habe. Sido und Johannes Oerding sind bereits ausverkauft, bei anderen wie Santiano und Wincent Weiss »wird es jetzt mit Tickets knapp«, zählt Bahl auf.

Denn auch das gehört für ihn zum Kultursommer: Die meisten aus seinem Team kennen sich seit Jahren, machen das Festival zu so etwas wie einer Art »großem Ferienlager«. Überhaupt macht der Kultursommer den Schiffenberg für Dennis Bahl zu einem Ort der Begegnung, einem Ort des Miteinanders. »Ich finde es wichtig, dass man sich wieder traut, zu einem Konzert zusammenzukommen« Er selbst ist natürlich wieder täglich vor Ort - und zudem mit der Tochter für den Auftritt von Wincent Weiss verabredet. Da wird der sonst so konzentrierte, auf die Abläufe der Abende fokussierte Veranstalter dann auch ausnahmsweise »zusehen, dass ich ganz weit vorne mit dabei bin«.

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