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Der Raum zwischen Wörtern

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Seit sie acht Jahre alt ist, schreibt Alica Müller Tagebucheinträge. Foto: Smat © Smat

Mit Tagebucheinträgen hat sich die Wahl-Gießenerin Alica Müller für den bundesweiten Wettbewerb für junge Schreibende der ›Berliner Festspiele qualifiziert: Sie ist hessenweit die einzige Preisträgerin.

Gießen. In einer »Nacht und Nebelaktion im Zug« entscheidet Alica Müller, sechs Tagebucheinträge zum bundesweiten Wettbewerb für junge Schreibende der Berliner Festspiele einzureichen. Zu ihrer eigenen Überraschung wird sie von der Fachjury prämiert.

Vom 17. bis 21. November findet das Treffen junger Autor*innen während der Berliner Festspiele statt. 21 Kinder und Jugendliche aus ganz Deutschland haben sich in einem Wettbewerb mit 354 Einsendungen durchgesetzt. In dem fünftägigen Workshop treffen die jungen Autoren und Autorinnen im Alter von zehn bis 22 Jahren in kreativem Austausch aufeinander.

Alica Müller ist die einzige Preisträgerin aus Hessen. Ihre Beiträge sind Auszüge aus ihrem persönlichen Tagebuch. Seitdem sie acht oder neun Jahre alt war, führe sie Tagebuch, erzählt die 21-Jährige im Gespräch mit dem Anzeiger. Damals geschah das noch ganz klassisch und handschriftlich. Experimentell und abstrakt sei ihr Schreibstil erst geworden, nachdem sie mit 13 Jahren die Theaterwissenschaft für sich entdeckt hatte. Diese Leidenschaft führt sie schlussendlich mit 18 Jahren nach Gießen. Die Entscheidung, von Dresden hierher zu ziehen, sei ihr nicht schwergefallen. »Gießen wurde in vielen Büchern, die ich gelesen habe, erwähnt. Es hieß immer, da gibt es diese abstrakte, postdramatische Theaterwissenschaft. Deshalb wollte ich hier hin.«

Würde man ihr ganzes Tagebuch drucken, so wären das rund 500 Seiten, schätzt die junge Wahl-Gießenerin. Die Auslese wäre jedoch trotzdem einfach gewesen. Herausgekommen sei eine Mischung aus aktuellen Einträgen und unterschiedlichen Textrichtungen. »Immer wieder, wenn ich mein Tagebuch lese, fallen mir diese Texte ein.« Abgeändert habe sie die Texte nur minimal, damit diese »rund und in sich geschlossen wirken«.

Dass sie von der Fachjury ausgezeichnet wurde, hat sie nicht erwartet. »Ich hatte das ein wenig aus dem Hinterkopf verloren«, verrät die Preisträgerin. »Aber es hat mich extrem in meinem Schreiben bestätigt.«

Die Identifikation für andere, die Ähnliches erlebt haben, ist der jungen Autorin wichtig. Soziale Netzwerke hätten einen ähnlichen Effekt, Menschen mit gleichen Erfahrungen zusammenzubringen, aber Texte bewegten sich noch mal auf einem »anderes Level«, da diese nicht so flüchtig zu sein scheinen wie Beiträge im Internet.

Den Mut, unzureichend und fehlerhaft sein, möchte Alica Müller weitertragen. »In dieser sehr perfekt scheinenden Welt ist es okay, dass man Fehler hat und Dinge passieren, die nicht so perfekt sind.«

Mit ihren Werken und ihrem Schriftbild will die 21-Jährige sich gegen Konventionen stellen. Satzzeichen sowie Groß- und Kleinschreibung setzt sie ganz bewusst ein. »Sprache ist in dieser Welt wichtiger als Geld. Wenn Du gut sprechen und gut schreiben kannst, stehen dir sehr, sehr viele Türen offen.« Dagegen möchte sie sich stellen. »Es geht vordergründig um den Inhalt und nicht um das ›wie‹. Aber es entsteht eine ganz besondere Ästhetik dadurch.« Schon als Kind habe sie der Zwischenraum zwischen Wörtern interessiert.

Da es sich um Tagebucheinträge handelt, basieren die Texte der jungen Autorin auf ihrem Leben und aus Themen, die sie beschäftigen. »Wie intim ist meine #foryoupage auf TikTok?« ist zum Beispiel eine Frage, die sie sich in ihrem Werk «#foryoupage« stellt. Die #foryoupage auf der Plattform TikTok bietet eine Auswahl von Videos, die ein Algorithmus aufgrund vorher angesehener Videos zusammenstellt.

Aber auch Themen wie »Verschickungskinder« - Kinder und Jugendliche, die bis in die 1990er Jahre für wenige Wochen in Kinderheime und -heilstätten für Kuren geschickt wurden - und deren Missbrauch behandelt Müller in ihren Einträgen.

Gießen sei ein guter Ort für Selbstreflektion, meint die 21-Jährige. Sie habe großes Interesse an den Orten und mit den Orten, an denen sie sich aufhält, zu arbeiten. »Denn mit Gießen kann man gut arbeiten. Es ist nicht zu überlaufen und es gibt viele Möglichkeiten, etwas passieren zu lassen.« Gießen ist jedoch nicht der einzige Ort, an den es die junge Frau treibt. Aktuell lernt sie Japanisch mit dem Ziel, in Japan zu studieren. »Ich bin sehr digital-affin, und sehr interessiert am Programmieren - aber auch an Theater und Tanz.« Als technisch hoch entwickeltes Land, das gleichzeitig eine hoch ästhetische Theater- und Tanzkultur kultiviert, reize sie das Land sehr. Ebenso die vielen Verkaufsautomaten.

Ihre Werke werden gemeinsam mit den Texten der anderen Preisträger und Preisträgerinnen im Frühjahr in einer Anthologie veröffentlicht. »Es ist eine seltsame Vorstellung, dass Leute, die mich nicht kennen, meine Texte lesen und davon berührt oder anregt werden könnten.«

Den Auftakt zum Treffen junger Autor*innen bildet am 18. November eine öffentliche Lesung der ausgewählten Texte. »Da ist eine gewisse Performativität in den Texten«, sagt Alica Müller, und wünscht sich, ihre eigenen Werke performativ präsentieren zu dürfen.

Von dem Workshop erhofft sie sich, produktiv mit anderen zusammenzukommen und Inspiration zu schöpfen.

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