1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Der Run hat begonnen

Erstellt: Aktualisiert:

ANZGLOKSTADT17-B_122405_4c
Mit Teddy geht alles besser: Ein Stofftier hilft Kindern ganz sicher als Mutmacher. Außerdem sind Impfausweis und Krankenkassenkarte mitzubringen. Symbolfoto: Daniel Reinhardt/dpa © Petra A. Zielinski

Gießen. Kinder ab zwölf Jahre können bereits seit einigen Wochen gegen Corona geimpft werden. Ab dieser Woche darf nun auch ein niedrig dosierter Biontech-Impfstoff an Fünf- bis Elfjährige verabreicht werden. Die Stiko (Ständige Impfkommission) empfiehlt in Abwägung aller bisher vorhandenen Daten die Covid-19-Impfung in dieser Al-tersgruppe allerdings nur für Kinder mit Vorerkrankungen oder Kinder, in deren Umfeld sich Kontaktpersonen mit hohem Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf befinden, die selbst nicht oder nur unzureichend durch eine Impfung geschützt werden können.

Darüber hinaus können auch fünf- bis elfjährige Kinder ohne Vorerkrankungen nach entsprechender ärztlicher Aufklärung geimpft werden, sofern ein individueller Wunsch der Eltern bzw. Sorgeberechtigten besteht. Da die Sieben-Tage-Inzidenz in dieser Altersgruppe sehr hoch ist, kann laut Stiko davon ausgegangen werden, dass sich ohne Covid-19-Impfung ein Großteil der Fünf- bis Elfjährigen mittelfristig infiziert, allerdings würden die meisten Infektionen asymptomatisch, alsdo ohne schwere Erkrankung, Hospitalisierung oder Intensivbehandlung verlaufen.

Kinderimpfhaus

Hinzu kommt, dass das Risiko seltener Nebenwirkungen der Impfung aufgrund der eingeschränkten Datenlage derzeit nicht eingeschätzt werden kann. Daher spricht die Stiko für fünf- bis elfjährige Kinder ohne Vorerkrankung aktuell keine generelle Impfempfehlung aus. Das kann sich ändern, so bald neue relevante Erkenntnisse vorliegen. Trotz dieser Aussage hat der Run auf die Kinderarztpraxen begonnen. Die Wartelisten sind lang, zumal der Impfstoff noch nicht, wie eigentlich angekündigt, sogleich geliefert wurde. Im Seltersweg wurde im Obergeschoss des dortigen DRK-Testcenters eigens ein Kinderimpfhaus eingerichtet, in dem täglich bis zu 50 Kinder geimpft werden können. Mit diesem zentralen Angebot des Landkreises sollen die Kinder- und Hausarztpraxen entlastet werden. Im Kinderimpfhaus wird für die Beratung und Aufklärung vor allem ärztliches Personal mit Erfahrung im Kinder- und Jugendbereich eingesetzt.

»Die ersten Kisten Biontech sind mittlerweile bei uns eingetroffen«, sagt der Gießener Kinderarzt Dr. Christoffer Krug, der seine Praxis in der Marburger Straße hat, im Gespräch mit dieser Zeitung. Nun gehe es um die Terminvergabe. Dabei halte man sich selbstverständlich strikt an die Vorgaben der Stiko. Priorisiert würden Kinder mit Vorerkrankungen, wie Mukoviszidose, Herzerkrankungen, Asthma oder Mädchen und Jungen, die auf eine Lebertransplantation warten. »Für diese Kinder könnte eine Ansteckung mit Corona fatale Folgen haben.«

»Obwohl wir viele Kinder mit Vorerkrankung in unserer Praxis behandeln, handelt es sich bei einem großen Teil der etwa 400 Personen auf unserer Warteliste um gesunde Mädchen und Jungen«, erklärt der Kinderarzt. Und ergänzt: »Draußen regiert die Angst.« Viele Eltern seien einfach verunsichert. Aber nicht nur die Eltern müssten umfassend beraten werden, sondern vor allem gelte es, die Kinder behutsam auf die Impfung vorzubereiten. »Eine empathische Betreuung der Kinder ist hier elementar«, weiß der erfahrene Arzt. Wichtig sei es, mit den Kindern auf Augenhöhe zu sein und Einfühlungsvermögen zu haben.

Mehr Personal

Geplant ist, nur an bestimmten Tagen zu impfen. »Im Gegensatz zum Impfstoff für Erwachsene ist Biontech für Kinder zehn statt nur drei bis vier Wochen haltbar. »Eine Flasche beinhaltet zehn Impfdosen«, erklärt Dr. Krug. Neben den Impfungen muss auch der normale Praxisalltag weitergehen. Und auch hier gibt es aktuell sehr viel zu tun.

»Während viele Erkrankungen im vergangenen Winter wegen der strengen Hygienemaßnahmen ausblieben, sind Erkältungen in diesem Winter wieder auf dem Vormarsch«, hat Krug beobachtet. Vor allem das Respiratorische Syncytial-Virus (RSV) - bei Säuglingen und Kleinkindern bis zu drei Jahren weltweit der häufigste Auslöser von akuten Atemwegserkrankungen - sei aktuell besonders verbreitet.

Für Christoffer Krug, der bereits zusätzliches Personal eingestellt hat, steht fest, dass in dieser extremen Situation zusätzliche Schichten eingelegt werden müssen. Geplant sind Impfsprechstunden nach Sprechstundenschluss oder am Wochenende. Wer zurzeit versucht, eine Kinderarztpraxis telefonisch zu erreichen, braucht einen langen Atem. Nicht selten wird - nach bis zu zehn Minuten in der Warteschleife - der Anruf einfach beendet.

Auch interessant