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Der Stock, der Hut, die Frau, die Hose

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Unser Kolumnist Götz Eisenberg stimmt heute ein Loblied auf die gewissenhaften Handwerker auf den letzten Inseln des Beständigen in einem Ozean der Wegwerf-Waren an. Fares Rjeibi (CC-BY-SA-4.0) © Red

Vor ein paar Tagen habe ich zum ersten Mal länger mit dem alten Mann mit dem Stock gesprochen. Er bewegte sich im abgesperrten Bereich einer Baustelle vor der Johanneskirche. Seit drei Monaten wurden hier Arbeiten im Untergrund an irgendwelchen Leitungen ausgeführt, nun wird die Straßendecke erneuert. Diese Arbeiten führe seine alte Firma aus, sagte er.

44 Jahre habe er für diese Hoch- und Tiefbaufirma gearbeitet. Er sei als junger Mann aus Kroatien nach Gießen gekommen und habe dort schnell Arbeit gefunden. So eine lange Firmenzugehörigkeit gebe es heute gar nicht mehr. Er sei froh gewesen, wenigsten zwei der auf dieser Baustelle beschäftigten Kollegen noch gekannt zu haben. Morgen werde er für die Kollegen mal Kaffee kochen und in einer Thermoskanne vorbeibringen.

Er sprach die ganze Zeit mit sichtlichem Stolz von »seiner Firma«. Dabei stützte er sich auf seinen geschnitzten Stock, ab und zu nahm er ihn hoch und deutete auf irgendetwas. »So eine Dampfwalze hab ich auch mal gefahren«, sagte er zum Beispiel. Er erklärte mir, aus wie vielen Schichten ein Straßenbelag bestehe und dass die für uns sichtbare Fahrbahndecke nur die oberste Schicht eines komplexen Aufbaus sei. Zum Schluss berichtete er mir noch von einem Arztbesuch. Der habe ihm geraten, abzunehmen. »Und, was machen Sie jetzt?«, fragte ich. »Einen neuen Doktor suchen«, erwiderte er lachend.

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Mehrfach am Tag durchquert ein Mann in meinem Alter die Straße, in der ich wohne. Er ist stets allein, noch nie habe ich ihn in Begleitung eines anderen Menschen gesehen. Immer ist er korrekt gekleidet, meist trägt er einen Mantel und einen breitkrempigen Hut, der einen Kreis von männlicher Einsamkeit um ihn wirft. Nie hat er es eilig. Er geht gemessenen Schrittes, wie man früher sagte. An windigen Tagen wie heute trägt er, weil er fürchtet, der Wind könnte ihm den Hut vom Kopf wehen, eine wollene Mütze, von der ich vermute, dass sie einmal eine Frau für ihn gestrickt hat. Von der Beziehung zu ihr ist ihm wahrscheinlich nur diese Mütze geblieben. Immer führt der Mann eine altmodische Einkaufstasche mit sich. Sie ist außen aus Bast, innen ist sie mit rotem Tuch gefüttert. Der Mann trägt sie an zwei Henkeln, und die Tasche schaukelt im Rhythmus seiner Schritte wie eine kleine Schiffschaukel. Die Tasche ist auch dann leer, wenn der Mann aus der Stadt zurückkehrt. Das weiß ich, weil ich ihn meist vom Balkon aus, also von oben, sehe und in die Tasche hineinschauen kann. Gelegentlich liegt ein Strauß Blumen darin. Warum führt er die Tasche mit sich? Ich vermute, weil er nicht den Eindruck eines Flaneurs hervorrufen möchte, der einfach so in die Stadt und wieder zurück geht. Die Tasche soll seinem sinnlosen Dahinschreiten etwas Zweckhaftes verleihen. Er hat gelernt, dass man immer etwas vorhaben muss. Deswegen möchte er den Eindruck eines Mannes erzeugen, der Einkäufe erledigt und nicht den eines Mannes, der sinnlos umherschweift, »herumstreunt« hätte man in seiner und meiner Jugend abfällig gesagt. Er macht auf mich den Eindruck eines korrekten Mannes, dem es auch als Rentner nicht gelingt, aus seiner Korrektheit herauszutreten. Irgendwann ist es für solche Ausbruchsversuche wohl auch zu spät.

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Dieser Tage sah ich in einer Reportage über den Krieg in der Ukraine eine Frau vor ihrem zerbombten und brennenden Haus stehen. »Was haben wir ihnen getan?«, fragte sie fassungslos, wie ein Kind, das für irgendetwas bestraft wird, das es nicht getan hat. Die einzige »Schuld«, die die Ukrainer auf sich geladen haben, besteht darin, dass das Territorium, das sie bewohnen, früher einmal zur Sowjetunion gehörte, und ein von Größenfantasien geplagter Tyrann nicht wahrhaben will, das sein Reich zerfallen ist und sich nicht wiederherstellen lässt. Für seine Obsession, die leider auch von anderen geteilt wird, leiden und sterben nun Menschen, Tag für Tag.

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Einer meiner Lieblingsorte ist eine Änderungsschneiderei, die von einem älteren türkischen Ehepaar betrieben wird. Sie befindet sich ganz in meiner Nähe im ersten Stock eines Wohnhauses. Man klingelt unten und steigt dann, wenn der Türsummer betätigt worden ist, die Treppe hinauf. Ich klopfe oben an, und erst wenn von drinnen ein »Herein« ertönt, trete ich ein. Empfangen wird man vom Mann, der hinter einem Tresen steht. Darauf legt man, was repariert werden soll. Seine Frau sitzt im Hintergrund an der Nähmaschine, die ein ruhiges Surren von sich gibt. Er nimmt den Schaden in Augenschein und reißt dann, wie im Kino »Traumstern«, ein Papier mit einer Nummer von einer Rolle. Dann überlegt er einen Moment und sagt: »Sie können die Hose ab Mittwoch abholen.« Es ist nicht einer dieser Schnellreparaturläden, wo man warten und die geflickten Sachen gleich wieder mitnehmen kann. Hier brauchen die Dinge ihre Zeit.

Noch nie habe ich den Schneider sagen hören: »Diese Reparatur lohnt sich nicht.« Seine Frau und er finden für alles eine Lösung. Diese Schneiderei ist nichts für Leute, die in die Schnelligkeit verliebt sind und es eilig haben. Und genau das schätze ich. Hier merkt man, dass auf die Wiederherstellung der defekten Kleidungsstücke Arbeit verwendet wird, die ihre Zeit braucht. Die Kundschaft besteht dementsprechend aus Menschen, die den Wert der Dinge noch zu schätzen wissen und nicht jede Hose gleich in den Müll werfen, wenn sie am Knie ein bisschen fadenscheinig geworden ist oder die Hosentasche ein Loch bekommen hat.

Hier hört man oft einen Satz, der ansonsten verpönt ist: »Es eilt ja nicht.« Ganz selten kommt es vor, dass ein Kunde gleich neben der Tür auf einem Stuhl Platz genommen hat und auf eine dringende Reparatur wartet.

Einmal hockte dort ein Angestellter, dem beim Bücken die Hose am Gesäß aufgeplatzt war. Der Schneider leistete in diesem Fall eine Art von erster Hilfe. Man hatte dem Mann, damit er nicht in Unterhosen dasitzen musste, eine Decke geliehen.

Die Änderungsschneiderei ist ein Zufluchtsort für Dinge und Menschen, die ein wenig aus der Zeit gefallen sind. Genau deswegen schätze ich sie und hoffe, dass sie uns und mir erhalten bleibt. Eine Welt, die ausschließlich aus Fast-Food-Lokalen und Schnellschustern besteht, scheint mir wenig erstrebenswert.

Der Gießener Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet an einer »Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus«, deren dritter Band unter dem Titel »Zwischen Anarchismus und Populismus« im Verlag Wolfgang Polkowski erschienen ist. Foto: Polkowski

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gikult_goetz_290122_4c_2 © Red

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