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Der Wunsch nach schnellem Tod

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Eigene Erfahrungen schilderte Dr. Thomas Sitte in dem Onlinevortrag auf Einladung des St. Josefs Krankenhauses Balserische Stiftung. Screenshot: Leyendecker © Felix Leyendecker

Kontroverses Thema diskutiert: Online-Vortrag von Palliativmediziner Thomas Sitte auf Einladung des St. Josefs Krankenhauses Balserische Stiftung Gießen über Sterbebegleitung und Tötungshilfe.

Gießen. Gerade bei Schwerstkranken und Sterbenden ist der Wunsch nach dem schnellen und schmerzlosen Tod meist besonders groß. Dem ist sich auch Dr. Thomas Sitte bewusst. Der Facharzt für Palliativmedizin praktiziert in Osthessen und ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Palliativstiftung. Er kann aus eigener Erfahrung berichten, dass das Thema Sterbebegleitung und Beihilfe zur Selbsttötung sowohl im Krankenhaus, im Pflegeheim oder zu Hause ein kontrovers diskutiertes Thema ist. Im Rahmen eines Onlinevortrags des St. Josefs Krankenhauses Balserische Stiftung referierte Sitte von seinen eigenen Erfahrungen und Eindrücken zum Thema Sterbebegleitung und warum er das Wort »Sterbehilfe« eher ungern gebraucht.

»Ich versuche immer gerne bei dem Thema beide Seiten zu beleuchten und unterstreiche Vorträge gerne mit praktischen Fällen«, begann Sitte seine Ausführungen. Bereits das Thema der Begrifflichkeit war für ihn ein großes Anliegen. »Ich bin kein Freund des Wortes »Sterbehilfe«. Ich gebrauche es so gut wie gar nicht und in Vorträgen nur in Anführungszeichen«, so der Palliativarzt. Es sei wichtig, wie der Einzelne die Dinge nenne, so auch bei diesem kontroversen Thema. »Ist es eine Lebenshilfe oder eine Tötungshilfe? Es gibt viele Irrungen und Wirrungen bei diesem Thema. Die Grenzen und Möglichkeiten, Bekanntes, Neues und Kontroverses, all das möchte ich hier aufschlüsseln«, betonte Sitte.

Als Alternative zu »Sterbehilfe« verwendet der Arzt in der praktischen Formulierung die Bezeichnung der »Nicht-Fortführung der Behandlung«. »Sterben zulassen ist etwas anderes als sterben lassen. Die Prämisse ist klar: Niemand, der behandelt wird, muss ersticken oder andere Formen von starken Schmerzen haben«. Sitte nannte ein praktisches Beispiel einer Patientin, die ihren Sterbewunsch trotz starker Einschränkungen klar geäußert hatte. »Der menschlich korrekte Umgang beim Sterbeprozess ist eine große Herausforderung«, so der 63-Jährige. Sitte selbst betonte, dass er zum Thema Sterbebegleitung eine klare Haltung hat. »Ich möchte beim Sterben nicht nachhelfen«. Zwei praktische Beispiele aus den Jahren 1987 und 2017 waren dem Palliativarzt im Gedächtnis geblieben. »Ich war im Praktischen Jahr auf der Querschnittsstation. Eine Patientin hatte eine Rückenmarkshöhlenbildung und sie fragte mich, ob ich sie als Arzt töten könnte. Ich habe es ihr am Ende abgeschlagen«. Bei einem weiteren Fall 2017 hatte Sitte einen Krebspatienten, dessen Leiden hätte unangenehm werden können. »Ich nehme die Fragen sehr ernst, wenn Menschen sich töten wollen. Viele fragen nach Medikamenten als Notfallmaßnahmen«. Er selbst unterstrich, dass er ein klarer Gegner von Tötung auf Verlangen sei, betonte jedoch, dass es grauenhafte Situationen für Patienten gäbe.

»Zu dem Patienten 2017 habe ich dann gesagt: Wenn nichts mehr geht, dann töte ich Sie. Das hat juristische Konsequenzen, das muss mir bewusst sein«. Wo es eine Freitodbegleitung gäbe, wie etwa in der Schweiz, sinke nicht die Suizidrate, sondern das Gegenteil sei der Fall. Wie aber sehen die rechtlichen Komponenten aus? »Juristisch ist das Thema Sterbebegleitung sehr liberal geregelt, nämlich gar nicht. 2017 wurde ein Gesetz eingeführt, das dann jedoch wieder gekippt wurde, da es verfassungswidrig sei. Bei »Suizidförderung« ist somit alles möglich«. Mit dem Urteil, so Sitte, hatte damals niemand gerechnet. Nach Ansicht der obersten Richter seien Kollateralschäden hinnehmbar, da das bisherige Gesetz die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen beschnitten hätten. Den Prozess der immer weiter ausartenden Selbsttötungsmöglichkeiten könne die Gesellschaft und die Ärzteschaft nicht aufhalten, lediglich verlangsamen. Dass er selbst Sterbebegleitung durchführe, das sagt Sitte den Patienten in Gesprächen direkt, betont aber stets seine Meinung zu solchen Praktiken. »Das Thema muss mit Mut und Demut angegangen werden. Es trifft uns nachher alle, wir alle sind ersetzbar. Beihilfe zur Selbsttötung aber darf keine ärztliche Aufgabe werden«.

Der Patient dürfe um Beihilfe bitten und Sitte stünde den Patienten auch mit Rat zur Seite und erkläre, wie es für den Notfall gehen würde - trotz juristischer Einschnitte und rechtlicher Fragezeichen. »Sie sind als Arzt immer in einer Grauzone. Das habe ich von Anfang an gelernt und es begleitet mich jeden Tag. Es gibt kein Schwarz und Weiß in diesem Beruf, aber so viel sei gesagt, gerade beim Thema Sterbebegleitung: Den Finger am Abzug muss der Delinquent haben, niemals der Arzt«.

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