1. Startseite
  2. Stadt Gießen

DGB: Wir bieten gerne Hilfe an

Erstellt: Aktualisiert:

Bei der DGB-Veranstaltung in Gießen »Geflüchtete aus der Ukraine - Infoabend zu aktuellen Regelungen und zur Arbeitsmarktsituation in Deutschland« ging es vor allem um eine nachhaltige Vernetzung

Gießen. Für den Gewerkschaftssekretär des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Mittelhessen, Robin Mastronardi, lag das Thema nicht erst kurzfristig auf dem Schreibtisch: »Wir wollen den ukrainischen Flüchtlingen einen ordentlichen Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt gewähren. Wir überlegen seit dem Morgen des 25. Februar, wie wir beim Thema reagieren. Es geht um unmittelbare Bedürfnisse und der Aspekt Arbeit wurde immer wieder genannt.«

Grund genug, um präventiv zu wirken, wie die Gewerkschaft betont. Bei der Veranstaltung »Geflüchtete aus der Ukraine - Infoabend zu aktuellen Regelungen und zur Arbeitsmarktsituation in Deutschland« ging es vor allem um eine nachhaltige Vernetzung. So nachhaltig, dass viele Ukrainer sich digital dazuschalteten und vor Ort das DGB-Gewerkschaftshaus in Gießen besuchten, da sie anhand eines verschickten Flyers in ukrainischer Sprache davon ausgingen, konkrete Arbeitsstellen angeboten zu bekommen. Eine positive Verwirrung, wie sich später herausstellte.

»Die Besucher dachten, wir vermitteln hier beim DGB Arbeit. 2015 waren die Leute besser geordnet und strukturiert. Das geht zwar alles etwas über den gewerkschaftlichen Job hinaus, aber wir bieten da gerne Hilfe an«, betonte Geschäftsführer Matthias Körner. Die klare Botschaft der Gewerkschaft an die Flüchtlinge: Menschen sind nicht immer schutzlos dem deutschen Arbeitsmarkt ausgeliefert. »Hilfe ist möglich, bei allen Problemen«, unterstrichen Mastronardi und Körner. Sobald Menschen aber in prekäre Situationen geraten, haben Gewerkschaften wenig Spielraum, betonte Mastronardi. »Wir wollen über Beratungs- und Praxismöglichkeiten berichten. Wir wollen über die Auswüchse des deutschen Arbeitsmarktes erzählen. Viele denken sich: Deutschland ist eine Industrienation, was haben die für Probleme?«

Allein waren die Gewerkschaftler dabei nicht. Maria Aniol vom DGB-Beratungsnetzwerk »Faire Mobilität« sowie Kateryna Danilova und Janna Bieker von der Beratungsstelle »Faire Integration« erzählten aus ihrem eigenen beruflichen Alltag und mit welchen Thematiken sich die drei täglich konfrontiert sehen. »Es ist wichtig, zu wissen, welcher Situation sich Menschen in Deutschland stellen müssen«, betonte Bieker.

45 Berater

Rund 65 Prozent der Ratsuchenden haben einen Fluchthintergrund und die Beratungsmöglichkeiten für Menschen in prekären Situationen sind zwar vorhanden, aber selten bekannt. »Wir haben Berater, die alle möglichen Sprachen sprechen. Wir haben 45 Beratende an 27 Standorten, die zwölf Sprachen sprechen«, erzählt Bieker.

Maria Aniol vom Beratungsnetzwerk Faire Mobilität zählte die Stärken der künftig 13 Beratungsstellen in Deutschland auf, die seit elf Jahren die Menschen in arbeits- und sozialrechtlichen Fragen beraten. »Meist tun wir das in der Muttersprache der jeweiligen Personen. Wir versuchen auch, verstärkt Informationen auf Facebook in verschiedenen Sprachen anzubieten«, so Aniol. Der Fokus des Angebots liegt auf Osteuropa und so kommt es, dass auch die ukrainischen Flüchtlinge dort erste Anhaltspunkte bekommen können. »Es betrifft Themen, die direkt mit dem Beschäftigungsverhältnis zusammenhängen: Fragen zum Lohn, zur Arbeitszeit oder auch zu Urlaub und Kündigung«, sagte Aniol. Das Beratungsnetzwerk informiere beispielsweise Lkw-Fahrer an Rastplätzen oder Saisonarbeiter bei der Spargelernte.

Wie der aktuelle Stand für die ukrainischen Geflüchteten ist, konnte Kateryna Danilova nähergehend erläutern. »Faire Integration bietet derzeit viele Verweisberatungen. Es wird damit gerechnet, dass Geflüchtete aus der Ukraine in Zukunft auf dem Arbeitsmarkt ankommen. Perspektivisch gibt es dann auch vermehrt Beratung zum Arbeitsrecht und Beratungsmaterial auf Russisch und Ukrainisch«, so Danilova. Vor allem Schwerpunktthemen wie Aufenthalt, Arbeitsmarktzugänge, Unterkunft und Hilfe vom Staat werde beim Beratungsnetzwerk thematisiert. Eine Beschäftigung und selbstständige Tätigkeit sind erlaubt, wenn das in der Aufenthaltserlaubnis vermerkt ist.

»Das deutsche Arbeitsrecht ist sehr komplex. Mangelnde Arbeitsrechtskenntnisse öffnen oft Tür und Tor für negative Einflüsse. Durch fehlendes Wissen werden die Menschen durch die Arbeitgeber teilweise ausgenutzt und haben kein Netzwerk bei Unterstützungsbedarf«, unterstrich Bieker.

Viele Probleme

Ausländerbehörden arbeiteten unterschiedlich, aufgrund von hohen Antragszahlen könne all dies Zeit in Anspruch nehmen. Die aktuellen Probleme sind schnell erläutert. »Kein oder zu wenig Lohn. Die Überstunden werden nicht abgegolten. Keine Lohnfortzahlung bei Urlaub oder Krankheit. Aufhebungsverträge oder Kündigungen während der Probezeit sowie eine Umgehung des Mindestlohns. Die Liste der Probleme ist lang«, betonte Danilova. Und sie könnte, je mehr Flüchtlinge auf den deutschen Arbeitsmarkt strömen, immer länger werden.

Auch interessant